Gender : Früh gelernte Stereotypen

Schon sechsjährige Mädchen denken bei einer „schlauen Person“ eher an einen Mann.

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Fleißige Mädchen, schlaue Jungs? Im Schulalter beginnen auch Mädchen, das zu glauben.
Fleißige Mädchen, schlaue Jungs? Im Schulalter beginnen auch Mädchen, das zu glauben.Foto:Arne Dedert/ dpa

Stereotype sind starre Vorstellungen darüber, was auf einem bestimmten Gebiet „typisch“ ist. Sie helfen uns, die Welt grob zu ordnen, können uns aber zugleich daran hindern, ihre Reichhaltigkeit genau und unvoreingenommen anzuschauen. Feste Vorstellungen über Eigenarten von Männern und Frauen sind ein Paradebeispiel.

Sie entwickeln sich früh, wie eine Studie belegt, deren Ergebnisse gerade im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht wurden. Ungefähr mit sechs Jahren beginnen Kinder demnach, ein besonders bedeutsames Geschlechter-Stereotyp zu entwickeln: Die Kinder trauen ab diesem Alter intellektuelle Überflieger-Qualitäten eher den Männern zu.

Die Psychologin Lin Bian und ihre Mitstreiter von den Universitäten in Illinois, New York und Princeton haben zum Thema vier Einzeluntersuchungen mit Mädchen und Jungen im Alter von fünf, sechs und sieben Jahren unternommen. Zunächst wurde 96 Kindern die Geschichte von einer Person erzählt, die sich „sehr, sehr schlau“ verhalten habe. Anschließend wurden ihnen Bilder von Männern und Frauen gezeigt, die alle gleich gut gekleidet und gleich attraktiv waren. Auf die Frage, welche dieser Personen die besonders schlaue Figur der Geschichte sei, tippten die kleineren Jungen und Mädchen allesamt eher auf eine Person ihres eigenen Geschlechts.

Kleine Kinder sehen das eigene Geschlecht in besonders positivem Licht - auch Mädchen

Das passt gut zur bekannten Tendenz von Kindern, das eigene Geschlecht in einem besonders positiven Licht zu sehen. Und es setzte sich bei den Jungen später fort: Auch die Sechs- bis Siebenjährigen hielten durchweg einen der abgebildeten Männer für den genialen Typen. Die älteren Mädchen allerdings hielten mehrheitlich dafür, dass die „smarte“ Person aus der Erzählung ein Mann sein müsse. Diese Befunde bestätigten sich in einer zweiten Studie mit 144 Kindern.

Mit einer dritten Teiluntersuchung wollten die Forscher herausfinden, ob sich die kindliche Hypothese, eine besonders schlaue Person müsse mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mann sein, auch auf ihre Interessen auswirkt. Sie stellten den größeren Kindern deshalb zwei neue Spiele vor. Das eine mit der Bemerkung, es sei für „sehr, sehr schlaue Kinder“ gedacht. Das andere mit der Vorrede, es eigne sich besonders für „Kinder, die sich wirklich sehr anstrengen“. Während das zweite Spiel alle Kinder interessierte, ließen auffallend viele Mädchen von dem ersten lieber die Finger. Hier ließen sich klare Zusammenhänge zu den geäußerten Geschlechter-Stereotypen erkennen. Mit einer vierten Untersuchung ließ sich anschließend belegen, dass fünfjährige Jungen und Mädchen weder solche Überzeugungen noch unterschiedliche Grade von Neugier gegenüber unbekannten Spielen hegen.

Mädchen treten oft bescheidener auf

Die Forscher folgern: „Viele Kinder machen sich die Idee, dass intellektuelle Brillanz eine männliche Qualität ist, schon in jungen Jahren zu eigen.“ Weitere Studien müssten aber zeigen, ob das auch für Heranwachsende aus anderen Ländern stimmt. Zur Frage, was dahintersteckt, wenn Kinder eine solche Vorstellung schon in so zartem Alter entwickeln, macht die empirische Studie zudem keine Aussagen.

Liegt es womöglich am größeren Selbstbewusstsein der Jungen, an größerer Bescheidenheit bei den Mädchen? Beide Unterschiede wurden schon in etlichen Studien gefunden, wobei jedoch unklar ist, welche Rolle dafür die Erziehung und welche die Biologie spielt. Da die Idee von der intellektuellen Überlegenheit der Männer sich mit sechs Jahren zu entwickeln scheint, liegt es nahe, sie mit dem Schulbeginn in Verbindung zu bringen. Aber ausgerechnet in der Schule machen die Mädchen bekanntlich meist gute Erfahrungen, tun sich leichter, den Anforderungen im Hinblick auf Sprache, Feinmotorik und Sozialverhalten zu genügen. In der „Science“-Studie stellte sich nebenbei zudem heraus, dass die sechs-bis siebenjährigen Mädchen sich und anderen Schülerinnen schulische Top-Leistungen durchaus zutrauen – sogar eher als die gleichaltrigen Jungen ihren Geschlechtsgenossen. Gute Noten bringen sie allerdings nicht mit herausragender Schlauheit in Verbindung.

Womöglich verlangen Eltern mehr von Mädchen

Ein erstaunlicher Befund. Eine mögliche Erklärung lässt sich aus Überlegungen der Entwicklungspsychologin Doris Bischof-Köhler zu Geschlechterunterschieden ableiten. Weil weibliche Babys und Kleinkinder – im Schnitt! – schon bei der Geburt biologisch reifer sind und sich später mit weniger Mühe in ihre Lebenswelt einfügen, verlangten Eltern – und später auch Lehrerinnen und Lehrer – mehr von ihnen, nähmen erbrachte Leistungen aber anschließend ganz selbstverständlich hin. Mädchen haben es demnach schwerer, mit ihrem Intellekt zu glänzen. Und haben deshalb womöglich auch weniger Zutrauen in die diesbezügliche Brillanz von Geschlechtsgenossinnen.

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