Geschichte : Die gläsernen Mauern des Bildungsbürgers

Bildung kann als Schlüssel zum Aufstieg dienen. Sie kann soziale Unterschiede aber auch befestigen

Jürgen Kocka

Walther Rathenau besaß viel Erfahrung in Wirtschaft und Politik, als er 1918 seine Gedanken über die Zerklüftung der deutschen Gesellschaft zu Papier brachte. „So erheben sich gläserne Mauern von allen Seiten, durchsichtig und unübersteiglich, und jenseits liegt Freiheit, Selbstbestimmung, Wohlstand und Macht. Die Schlüssel des verbotenen Landes aber heißen Bildung und Vermögen, und beide sind erblich.“ Das Zitat ist interessant, weil es darauf hinweist, dass Bildung nicht nur mit Wissen,Leistungsfähigkeit und Entwicklung zu tun hat, sondern auch mit dem Zusammenleben der Menschen, mit der Verfestigung, aber auch mit der Verflüssigung sozialer Ungleichheit. Denn Schlüssel dienen sowohl dem Abschließen wie auch dem Öffnen von Toren. Am Verhältnis von Bildung und Bürgertum soll dies veranschaulicht werden.

Üblicherweise rechnen Historiker zum (gehobenen) Bürgertum des 19. Jahrhunderts einerseits die größeren Kaufleute, Bankiers, Industriellen und leitenden Angestellten in den Unternehmen, andererseits akademisch gebildete Beamte, Pfarrer, Richter, Ärzte, Rechtsanwälte und andere „freie Berufe“, bald auch Wissenschaftler, Ingenieure, manche Journalisten und Künstler. Man grenzt das Bürgertum sowohl von den geburtsadeligen Eliten als auch von den kleinen Leuten ab, das heißt von den Arbeitern und Bauern, aber auch von den mittelständischen Existenzen in Handwerk, Kleinhandel und entstehender Angestelltenschaft. So verstanden, war das Bürgertum immer eine Minderheit, fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung im 19. Jahrhundert.

Wenn man fragt, worin der gemeinsame Nenner dieser unterschiedlichen Gruppen des Bürgertums bestand, dann ist die wichtigste Antwort: in ihrer Kultur. Bürgerliche Kultur war städtisch, in ihr spielten Selbstständigkeit und Respekt für Leistung und methodische Lebensführung eine maßgebliche Rolle. Ein spezifisches Familienideal gehörte dazu: ein auch durch emotionale Bindungen gefüllter Raum des Privaten in Absetzung von Wirtschaft, Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit. Hochschätzung für bzw. Prägung durch Bildung war ein zentrales, alles durchdringendes Moment dieser Kultur, und zwar allgemeine, stark historisch, altsprachlich und literarisch geprägte Bildung, häufig ergänzt durch Fachbildung besonderer Art.

Doch die Bildung der Bürger stammte nur zum Teil aus den Schulen, zum anderen Teil aus den Familien. Hier, durch die Erziehung der Eltern, bekamen sie viel von dem Wissen und den Fertigkeiten, den Wertbezügen und den Charaktereigenschaften mit, aus denen bürgerliche Bildung immer auch bestand.Bildung hielt das Bürgertum zusammen. Gleichzeitig grenzte gemeinsame Bildung ab: von der Masse der Un- oder Halbgebildeten, die in der Konversation nicht mithalten konnten, die Technik gebildeter Selbstdarstellung nicht beherrschten und in der bildungsorientierten Symbolik des bürgerlichen Alltags unsicher blieben.

Doch bürgerliche Bildung verstärkte nicht nur die gläsernen Mauern, sie diente nicht nur der Befestigung bürgerlicher Exklusivität. Sie half auch mit, sie zu durchlöchern. Denn zur bürgerlichen Kultur gehörte immer auch der dezidierte Drang, über das Bürgertum hinaus zu wirken, auszustrahlen, andere Gruppen und Klassen zu prägen, die Gesellschaft mit ihren Werten und Institutionen zu „verbürgerlichen“. Über das allgemeine Schulwesen, die Arbeitswelt, die Presse, das bürgerliche Recht, das bürgerliche Theater und die schöne Literatur, über die Kirchen (vor allem die protestantischen) und andere Institutionen gelang dies auch, ein Stück weit jedenfalls.

Überdies nahmen nichtbürgerliche Gruppen den universalistischen Anspruch der bürgerlichen Bildung beim Wort. Das Streben nach Bildung gehörte zu den wichtigsten Antrieben der im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts entstehenden Arbeiterbewegung. Bürgerliche Bildung ließ sich also dauerhaft nicht auf das Bürgertum beschränken. So wirkte sie dessen Exklusivität entgegen – wenngleich innerhalb enger Grenzen, die durch ökonomische Ungleichheit, tief verwurzelte Muster der Ausgrenzung, die Machtverhältnisse und das Gewicht der Herkunft gezogen wurden. Söhnen oder gar Töchtern aus proletarischem Milieu gelang es nur im Ausnahmefall, gymnasiale und tertiäre Bildung im vollen Sinn zu erwerben.

Seitdem sind mehr als hundert Jahre vergangen. Einerseits hat eine bemerkenswerte Bildungsexpansion stattgefunden, verbunden mit einer geradezu dramatischen „Umschichtung nach oben“. Die Hauptschule, die als „Volksschule“ 1952 (BRD) noch fast vier Fünftel aller Schüler und Schülerinnen aufgenommen hatte, ist zur Restschule geschrumpft, die 2004 nur noch 23 Prozent der Siebentklässler besuchten; das war deutlich weniger als das Drittel dieses Jahrgangs, das in Gymnasien unterrichtet wurde. 1960 waren es nur sechs Prozent eines Jahrgangs, die das Abitur absolvierten und ein Studium aufnahmen. Bis 2003 wuchs diese Quote auf 27 bzw. 26 Prozent.

Die Professionalisierung, Spezialisierung und die Zahl der bürgerlichen Berufe haben im 20. Jahrhundert immens zugenommen; damit wurde der durch berufsübergreifende Bildung und Kultur konstituierte gesamtbürgerliche Zusammenhalt empfindlich geschwächt. Der Aufstieg des bürokratischen Verwaltungs- und Sozialstaats hat mit seiner zunehmenden Regelungsdichte die Selbstständigkeit, also ein Grundprinzip bürgerlicher Existenz damals und heute, bisweilen entmutigt, bedrängt und geschwächt. Während von den Erwerbstätigen 1882 jeder Vierte als selbstständig gezählt wurde, liegt diese Quote heute nur noch bei zehn Prozent. Wir leben in einer Arbeitnehmergesellschaft.

Die Radikalisierung und Globalisierung der marktwirtschaftlichen Praxis hat, vor allem im Finanzkapitalismus der letzten Jahrzehnte, einen Typus von wirtschaftlichen Akteuren vermehrt und klarer hervortreten lassen, der sich der Einbettung in örtliche Zusammenhänge und bürgerliche Kultur entzieht und weit von jener Verbindung zwischen Besitz und Bildung entfernt ist, die für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts kennzeichnend war.

Dennoch finden Sozialhistoriker auch ausgeprägte Kontinuität, also intergenerationelle Selbsterhaltungskraft in den entsprechenden Familien, die weit in die Zeit vor 1945 zurückverweist. Man sieht – und dies ist ein wichtiges Indiz – viel Kommunikation, Herkunfts- und Heiratsverflechtungen, Geselligkeit und kulturelle Interessen, die die genannten Kategorien verknüpfen und sie tendenziell „nach unten“, gegenüber mittelständischen Existenzen und kleinen Leuten, abgrenzen, wenngleich hier viel feine Übergänge bestehen und grenzüberschreitende Heirats- und Freundschaftsverbindungen häufig sind. Und es finden sich in diesen sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung, die auch oft als „Elite“ bezeichnet werden (auf Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz, Militär, Wissenschaft, Medien und Kultur verteilt), Wertorientierungen und Lebensformen, die durchaus an die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts erinnern. 80 Prozent dieser Führungsschicht besitzen Hochschulabschlüsse, während diese Quote vor fünfzig Jahren erst bei 60 Prozent lag.

Mit der Bildungsexpansion ist fortgeschrittene Schulbildung für die soziale Platzierung im Bürgertum noch wichtiger geworden. Sie trennt das gehobene Bürgertum zwar nicht von den gewerblichen und angestellten Mittelschichten ab, in denen das Abitur und die Hochschulausbildung ebenfalls weit verbreitet sind, wohl aber von den kleinen Leuten – und das noch schärfer als früher. Denn deren Chance auf Zugang zur gymnasialen und akademischen Bildung ist mit der Bildungsexpansion zwar ebenfalls gewachsen, aber deutlich weniger schnell als für die Söhne und Töchter der mittleren und höheren Schichten, die von der Bildungsexpansion vor allem profitiert haben.

Andererseits reichen sehr gute Schulabschlüsse für den Aufstieg ins gehobene Bürgertum oftmals nicht aus. Beispielsweise sind die Karriereaussichten promovierter Juristen, Ökonomen und Ingenieure sehr unterschiedlich. Wer aus dem gehobenen Bürgertum stammt, hat eine fast doppelt so hohe Chance, in eine Führungsposition eines Spitzenunternehmens einzurücken, wie Promovierte aus den mittleren und unteren Schichten. Die Forschung erklärt das mit der Bedeutung karriererelevanter Persönlichkeitsmerkmale. Dazu gehören souveränes Auftreten, angemessene Umgangsformen und optimistische Lebenseinstellung.

Fähigkeiten dieser Art entstehen eher im Sozialisationsmilieu der Familie als in dem der Schule, und dabei eher in Familien des gehobenen Bürgertums als in Familien anderer Schichten. Der Soziologe Michael Hartmann spricht vom „klassenspezifischen Habitus“, der über den Aufstieg in Spitzenpositionen – jedenfalls der Wirtschaft, viel weniger der Politik – mitentscheidet und der zur Erklärung beiträgt, warum sich im Bürgertum so viel intergenerationelle Statusvererbung findet. Nichtschulische, durch Herkunft erworbene Bildung dient dem Bürgertum also weiterhin als wirksamer Mechanismus der Distinktion, dies auch gegenüber den mittleren Schichten. Sie entscheidet mit, bis zu welchem Grad schulische Bildung auf wissenschaftlicher Grundlage funktional und sozial zur Wirkung kommen kann.

Bildung, so zeigt sich, ist ein Phänomen mit vielen Dimensionen. Sie ist in die sozialen Verhältnisse der jeweiligen Zeit tief eingebettet und beeinflusst diese zugleich. Weiterhin wirkt sie als sozialer Filter, als transparente Barriere, die soziale Unterschiede befestigt, während sie gleichzeitig auch dazu dienen kann, Zugänge und Aufstiege zu ermöglichen. Sie dient nicht nur der wirtschaftlichen Leistungssteigerung, sondern kann auch, in Verbindung mit ausgeprägter Ungleichheit des Zugangs zu ihr, die Ausschöpfung von Ressourcen und Potenzialen von Wirtschaft und Gesellschaft erschweren. Die Politik bleibt gefordert.

Der Autor ist Professor für die Geschichte der industriellen Welt an der FU und war Präsident des WZB. Ungekürzt erschien sein Text in „Bildung? Bildung!“ (Hrsg. A. Schlüter und P. Strohschneider, Berlin-Verlag, 256 Seiten, 19,90 Euro).

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