Geschichte und Genetik : Richard III: Ende eines Königsdramas nach 529 Jahren

Unter einem Parkplatz in Leicester wurde vor zwei Jahren ein Skelett entdeckt. Es ist höchstwahrscheinlich das von Richard III. Das bestätigt nun eine genetische Analyse.

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Der genetischen Analyse zufolge hatte Richard III. blonde Haare und blaue Augen, anders als in diesem Porträt.
Falsche Haarfarbe. Der genetischen Analyse zufolge hatte Richard III. blonde Haare und blaue Augen, anders als in diesem nach...Foto: picture alliance/dpa

Der englische König Richard III. (1452– 1485) gilt als Schurke schlechthin. Schuld daran ist kein Geringerer als William Shakespeare, der Richard III. in seinem Drama von 1592 als ebenso bösartigen wie hässlichen Krüppel darstellt. Skrupellos und brutal mordet sich der bucklige Richard zur Macht, um am Ende selbst zu fallen, getötet von seinen Widersachern in der Schlacht von Bosworth.

Der Tragödie zweiter Teil beginnt im September 2012 auf einem Parkplatz in der mittelenglischen Stadt Leicester. Auf dem Gelände eines in der Reformationszeit zerstörten Franziskanerklosters finden Archäologen ein männliches Skelett aus dem späten Mittelalter. Dort, wo sich die Choranlage des Klosters befand. Rasch sind sie sicher, es muss das von Richard III. sein. Die Wirbelsäule weist eine Skoliose auf, eine S-förmige seitliche Verkrümmung. Das kann den Schiefstand von Richards Schultern erklären, der überliefert ist. Der Buckel dagegen geht auf das Konto von Shakespeares dichterischer Freiheit.

Das Skelett ist vom Kampf gezeichnet. Eine Pfeilspitze steckt in der Wirbelsäule, an den Knochen finden sich zehn Verletzungen, davon allein acht am Schädel. An der Schädelbasis klafft ein Loch, wohl durch eine Hellebarde hervorgerufen. Vermutlich die tödliche Verletzung.

Die Leiche Richards III. wurde geschändet und nackt zur Schau gestellt

Auch das Becken ist verletzt, wohl durch eine nach dem Tod des Königs hinzugefügte Wunde. Der Legende nach wurde Richards nackte Leiche auf ein Pferd gebunden, im Wirtshaus „New Wake“ zur Schau gestellt und geschändet. Was auch immer Richard sich zuschulden kommen ließ, sein Tod muss extrem brutal gewesen sein. Die archäologischen Funde und ihre wissenschaftliche Auswertung belegen das eindrucksvoll. Und sie gehen weit darüber hinaus, wie eine Erbgut-Auswertung der königlichen Gebeine belegt, eine glückliche Synthese von Genetik und Genealogie.

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Kevin Schürer von der Universität Leicester widmete sich dem „ältesten Fall einer Personenidentifikation mit DNS“, wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Nature Communications“ berichten. Die Analyse bestätige, dass es sich mit mehr als 99,999-prozentiger Sicherheit um Richard III. handle, heißt es in einer Pressemitteilung. „Die mehr als 500 Jahre alte Vermisstenakte kann geschlossen werden“, sagte Schürers Kollegin Turi King.

Richard hat keine lebenden Nachfahren, sein einziger ehelicher Sohn starb ein Jahr vor ihm selbst. Aber von Anne of York, seiner ältesten Schwester, leben bis heute weibliche Nachkommen, wie die Wissenschaftler in detektivischen Nachforschungen ermittelten. Damit war der Weg frei, um die Identität der Knochen mit mitochondrialem Erbgut zu prüfen.

Mitochondrien, die biochemischen Kraftwerke der Zellen, besitzen eigene Erbinformation in Form von DNS. Die Mitochondrien werden stets mit der mütterlichen Eizelle vererbt, stammen also von der Mutter. Richard musste demnach die gleiche mitochondriale DNS (nämlich die seiner Mutter) in sich tragen wie Schwester Anne und ihre heutigen Nachfahren Michael Ibsen und Wendy Duldig.

Forscher fanden Nachfahren von Richards Schwester

Die Wissenschaftler trafen ins Schwarze. Die Mitochondrien-Erbinformation von Richard und von Michael Ibsen war völlig identisch. Bei Wendy Duldig fand sich eine einzige Abweichung, erklärbar durch eine spätere Veränderung, eine Mutation. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Übereinstimmung zufällig ist, liegt bei allenfalls eins zu 1000.

Weniger Glück hatten die Forscher bei der Nachverfolgung der väterlichen Linie. Dazu bedienten sie sich des Y-Chromosoms, des stets vom Vater stammenden männlichen Geschlechtschromosoms. Im Stammbaum Richards gingen sie zurück bis zu dessen Vorfahr Edward III. (1312–1377). Dann suchten sie nach lebenden Nachkommen von Edwards Sohn Johann von Gent.

Die fünf anonymen männlichen Nachfahren waren allesamt Abkömmlinge von Henry Somerset, dem fünften Duke of Beaufort (1744–1803). Es fand sich keine Übereinstimmung zwischen ihren Y-Chromosomen und dem von Richard III. Für die Wissenschaftler keine Überraschung. Irgendwann in den vielen Jahrhunderten gab es mindestens zwei „falsche Vaterschafts-Ereignisse“, wie es in der Fachsprache heißt, im Volksmund Kuckuckskinder genannt. Die Wahrscheinlichkeit liegt pro Generation bei ein bis zwei Prozent. Vielleicht bietet eine genetische Analyse des englischen Adels noch den Stoff für so manche Tragödie. Weniger brisant dürfte die Tatsache sein, dass Richard III. vermutlich blauäugig und blond war. Auch das lässt sich aus Genen herauslesen.

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