Geschichtsunterricht : Historisches Grundwissen in Gefahr

Der Verband der Geschichtslehrkräfte warnt vor einer Aushöhlung des Fachunterrichts – und vor einem zu starken Gegenwartsbezug.

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Schülerinnen und Schüler sitzen vor der Tür einer Mauergedenkstätte in Berlin.
Mauergedenken. Die Geschichte der DDR wird verkürzt und konkurriert mit Erzählungen in der Familie.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zu wenige Stunden, ein zu starker Gegenwartsbezug und thematische Lücken: Der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands stellt dem Geschichtsunterricht ein schlechtes Zeugnis aus. In seiner gegenwärtigen Form könne er kaum eine „Basis der historisch-politischen Bildung“ bieten, urteilt der Verbandsvorsitzende Ulrich Bongertmann in einer jetzt veröffentlichten Analyse für die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Das gelte jedenfalls für Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, die am Gymnasium in der Sekundarstufe I und II nur neun bis elf Pflichtstunden haben. In anderen sind es 17 bis 20, darunter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Berlin liegt mit 14 Stunden im Mittelfeld. In den Schulformen, die zum Mittleren Schulabschluss führen, sind es von der 5. bis zur 10. Klasse sechs (Brandenburg) bis 12 (Thüringen).

"Basale Kompetenzen kaum noch erreicht"

In einigen Bundesländern gebe es Schulabsolventen, die während ihrer gesamten Schulzeit keinen regulären Geschichtsunterricht hatten. „Das Ziel eines gemeinsamen Grundwissens und basaler Kompetenzen für alle wird daher kaum noch erreicht“, schreibt Bongertmann, der Gymnasiallehrer für Geschichte und Latein in Rostock ist.

Dass an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen die Fächer Geschichte, Politik und Erdkunde nicht mehr getrennt unterrichtet, sondern in die Gesellschaftskunde integriert werden, führe „zur inhaltlichen und methodischen Aushöhlung des Fachunterrichts“, insbesondere, wenn er von fachfremden Lehrkräften erteilt werde, kritisiert Bongertmann. Besonders problematisch sei das bei „schwierigen Themen wie der Shoa oder zur umstrittenen DDR-Geschichte“.

In Berlin wurde um "Gesellschaftswissenschaften" gestritten

Den fächerverbindenden Unterricht am Gymnasium nennt Bongertmann etwa für das Thema Europa „sehr gut geeignet“, weil dabei „die historischen und aktuellen Probleme eng beieinanderliegen“. Oft drohe aber auch „die eigentliche historische Fragestellung“ zurückgedrängt zu werden, wenn etwa das deutsche Exil in der NS-Zeit „nur noch als Sprungbrett hin zu einer Debatte über die aktuelle Asylpolitik“ genutzt wird. In Berlin wurde 2014/15 über den ab dem kommenden Schuljahr geltenden Rahmenlehrplan Geschichte gestritten, der unter anderem vorsieht, in Klasse 5 und 6 nur noch „Gesellschaftswissenschaften“ zu unterrichten.

Insgesamt habe die Gegenwartsbedeutung historischer Themen einen hohen Stellenwert – „schon um den Schülerinnen und Schülern immer wieder Lust auf das Fach zu machen“, schreibt Bongertmann. Ziel müsse aber sein, ihnen „Einsicht in die historische Bedingtheit nahezu aller Gegenstände und Themen und auch der eigenen Person“ zu ermöglichen.

"Starke Defizite" in der Zeitgeschichte

Gleichwohl sieht Bongertmann in der Zeitgeschichte „starke Defizite“. So würden die Geschichte der Gastarbeiter oder die Entkolonialisierung in der Sekundarstufe I kaum noch behandelt. Und die Geschichte der DDR „schrumpft oft auf die schnelle Abfolge ,Teilung – Mauerbau – Ostpolitik – friedliche Revolution’“. Es fehlten die innere soziale Entwicklung der DDR und die Verflechtung mit der Bundesrepublik. In Ostdeutschland stehe der Geschichtsunterricht zudem in Konkurrenz zu den Alltagserzählungen der (Groß-) Eltern – ein Grund mehr, ihn möglichst tief gehend anzulegen. Eine Herausforderung für den Geschichtsunterricht sei auch die verstärkte Immigration. Der Vermittlung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins begegneten die Zugewanderten erstmals hierzulande.

Eine Warnung des Berliner Geschichtslehrers und Autors Robert Rauh vor einer "Auflösung" des Fachs lesen Sie hier.

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