Geschlechterforschung : Wie ein Mann entsteht

"Man wird nicht als Mann geboren": Männlichkeit muss immer neu bewiesen werden. Das macht sie wackelig - und sie droht, an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern.

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Obama als Vater. Schwarze Amerikaner kämpfen mit Vorurteilen.
Obama als Vater. Schwarze Amerikaner kämpfen mit Vorurteilen.Foto: AFP

Die Obamas sind eine glückliche Familie. Auf den Bildern, die die Welt zu sehen bekommt, umarmt Barack Obama oft seine Frau und seine Töchter. Sie lassen sich auf Fahrradtouren ablichten oder beim gemeinsamen Abwasch in der Küche. An Baracks Qualitäten als Familienvater soll niemand zweifeln. Ohne seine funktionierende Ehe wäre er nämlich kaum Präsident geworden, behauptet der Männlichkeitsforscher Jürgen Martschukat.

Die Familie hat im amerikanischen Wahlkampf stets eine große Rolle gespielt. Ehe und Vaterschaft wurden schon zur Zeit der Gründerväter als Voraussetzung für Politiker gesehen. Erst wer Verantwortung für seine Familie übernahm, galt als politisch mündig. Die Fähigkeit, für sich selbst und die Familie zu sorgen, wurde auf die Nation übertragen. In diesen Kontext stellt Martschukat auch Michelle Obamas Rede auf dem Parteitag der Demokraten im Herbst 2012, in der sie für ihren Mann wirbt. Sie vergleicht Barack mit ihrem eigenen Vater, einem Arbeiter, der unter Multipler Sklerose litt und seiner Tochter dennoch ein Harvard-Studium ermöglichte. Für seine Kinder zu kämpfen, sagt sie, „hieß für meinen Vater, ein Mann zu sein“.

Um die Bedeutung von Männlichkeit ging es jetzt auf einer Tagung zu Männlichkeitskonstruktionen in der Berliner Ebert-Stiftung unter dem Titel „Man wird nicht als Mann geboren“. Die Anspielung auf das berühmte Zitat der französischen Feministin Simone de Beauvoir spiegelt den Ton der öffentlichen Diskussionen wider, die seit längerem um die schwindende Macht des Mannes kreisen. Wenn Männlichkeit keine naturgegebene Eigenschaft ist, wie der Tagungstitel impliziert, dann ist sie immer wackelig und droht, an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern. Dementsprechend viel war auf der Tagung die Rede vom Mann in der Krise.

Bildungskrise, Wirtschaftskrise, demografische Krise. Überall werden Männer derzeit zu Verlierern erklärt. Die amerikanische Journalistin Hanna Rosin ruft in ihrem aktuellen Buch sogar „Das Ende der Männer“ aus. In der Schule kommen Jungen nicht mehr mit, schlecht bezahlte Jobs verhindern, dass Männer eine Familie gründen, selbst wenn sie wollen. Die Autorin Ute Scheub nennt die drei „K“ der Männer: Konkurrenz, Karriere, Kollaps.

Dem Krisengerede stehen Geschlechterforscher allerdings skeptisch gegenüber. „Franziskus, Mehdorn, Steinbrück, Schweiger: Das sind nur einige Namen, die mir zum Thema Mann einfallen“, sagt Claudia Neusüß, die Firmen bei der Personalentwicklung berät. Zu wenig Macht sei deren Problem nicht. Auch Martin Lücke, Professor für Geschichtsdidaktik an der Freien Universität Berlin, bezweifelt, dass Männer Macht einbüßen. Im Gegenteil: Von der Krisendiskussion profitieren sie in seinen Augen sogar, etwa wenn die Schuld für die schlechten Schulleistungen von Jungen bei den Frauen gesucht wird, die den Erziehungssektor dominieren. Förderprogramme für Jungen gehören für Lücke zu einer männlichen „Resouveränisierungsstrategie“. Die eigentlichen Verlierer des Systems, Schüler mit Einwanderungshintergrund, profitierten davon nicht.

Die Männerforscher sprechen sich daher überwiegend dafür aus, Männlichkeit nicht als Einzelkategorie zu sehen, sondern in einen größeren Zusammenhang mit ethnischer Zugehörigkeit, Religion, sozialer Schicht und Sexualität zu stellen. Auch Jürgen Martschukat, Professor für nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt, betont in seinem Vortrag über die Obama-Familie die Wichtigkeit dieses „intersektionalen“ Ansatzes, nämlich der überschneidenden Analyse von Vaterschaft und anderen sozialen Faktoren wie schwarzer Hautfarbe. Ein pflichtbewusster Familienvater zu sein, heißt in manchen Teilen der amerikanischen Gesellschaft bis heute ein weißer Mann zu sein. Schwarzen Amerikanern wird chronisches Versagen als Väter nachgesagt. Die Idee kann man in die Zeit der Sklaverei zurückverfolgen, wo schwarze Väter, um frei zu sein, weglaufen und ihre Familien zurücklassen mussten. Blieben sie, so galten sie als unterwürfig und verweiblicht. Noch immer ist die schwarze Familie der Inbegriff des väterlichen Scheiterns. Festgemacht wird dies an der großen Schar alleinerziehender schwarzer Mütter. Obama musste seine Vaterschaft im Wahlkampf daher doppelt beweisen: als Mann und als Schwarzer.

Der intersektionale Ansatz ist in der Männerforschung wichtig, weil daran eine politische Dimension geknüpft ist. Frauenforschung, aus der die Männerforschung hervorgegangen ist, hatte immer mehr weibliche Teilhabe an der Macht zum Ziel. Ohne die Konzentration auf weitere soziale Kategorien wie Hautfarbe oder Klasse wäre Männergeschichte für Martschukat wenig mehr als „Forschung mit gutem Gewissen“.



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