Geschlechterunterschiede in der Schule : Die Krise der Jungen ist ein Mythos

In der Schule hängen Mädchen ihre Mitschüler oft ab. Die Jungen könnten aber genauso gut dastehen, würde „Anstrengung“ bei ihnen nicht als „mädchenhaft“ gelten. Eine neue Kluft zwischen Mädchen und Jungen gibt es aber ohnehin nicht.

Marcel Helbig
Motiviert und diszipliniert. In den peer groups der Jungen gilt das als typisch weibliches Verhalten, von dem man sich abgrenzen will.
Motiviert und diszipliniert. In den peer groups der Jungen gilt das als typisch weibliches Verhalten, von dem man sich abgrenzen...Foto: dpa

Heute wird mit Blick auf das Bildungssystem oft von einer „Krise der Jungen“ gesprochen, im Englischen gar von einem „war against boys“, einem „Krieg gegen Jungen“. Schließlich scheinen die Jungen immer weiter zurückzufallen. Sie dominieren bei den Schulversagern, während die Mädchen massenhaft Abitur machen. Die Ursache für die angebliche Misere der Jungen wird oft in der „Feminisierung“ der Schule gesehen. Danach richtet eine wachsende Zahl von Lehrerinnen den Unterricht an Eigenschaften und Bedürfnissen der Mädchen aus. Die vermeintliche „Natur“ der Jungen wird hingegen unterdrückt.

Solche Diagnosen treffen allerdings nicht zu. Die Mädchen haben sich keineswegs auf Kosten der Jungen im Bildungswesen nach vorn gebracht. Und Jungen lernen auch nicht weniger von Lehrerinnen als von Lehrern.

Zu den Fakten: Tatsächlich erlangten Jungen vor 50 Jahren deutlich häufiger das Abitur als Mädchen. Heute haben sie im Durchschnitt niedrigere Lesekompetenzen, schlechtere Noten, sie gehen seltener aufs Gymnasium, häufiger auf Förder- und Hauptschulen – und sie verlassen häufiger die Schule ohne jeden Abschluss.

Sind die Jungen also dümmer geworden? Nein. Soweit dies an den vorhandenen Daten abgelesen werden kann, haben sich die Geschlechterunterschiede bei den schulischen Kompetenzen in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Der Abstand zwischen Jungen und Mädchen scheint schon vor Jahrzehnten dem entsprochen zu haben, der aus den jüngeren großen Schulstudien bekannt ist.

So erzielen Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften bei Pisa in den meisten Ländern höhere Werte als Mädchen, auch in Deutschland. Mädchen haben dafür höhere Lese- und Schreibkompetenzen. Dabei ist der Vorsprung der Mädchen im sprachlichen Bereich größer als ihr Rückstand im mathematisch-naturwissenschaftlichen. Mädchen bekommen allerdings bei gleichen kognitiven Kompetenzen in allen Fächern bessere Noten als Jungen. Aber auch hier sind in den letzten Jahrzehnten kaum Veränderungen zu beobachten. Mädchen wurden schon immer besser benotet.

Warum? Alle Studien dazu zeigen, dass Mädchen im Schnitt in der Schule disziplinierter, fleißiger und motivierter sind. Sie haben eine höhere Lern- und Leistungsbereitschaft, verbringen mehr Zeit mit Hausaufgaben, arbeiten mehr als verlangt wird, sind besser auf den Unterricht vorbereitet. Jungen hingegen erzielen höhere Durchschnittswerte bei der Arbeitsvermeidung und beim Zuspätkommen zum Unterricht.

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