Wissen : „Gewissheit ist eine Illusion“

Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer über Erdbeben, Krankenhauskeime und die Angst vor der Intuition.

Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo RückeisFoto: Thilo RŸckeis HF

Herr Gigerenzer, italienische Wissenschaftler sind zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil sie die Gefahr eines Erdbebens herunterspielt haben. War das richtig?

Man kann ein Erdbeben natürlich nicht vorhersagen, aber in diesem Fall wurde eine illusionäre Sicherheit aufgebaut. Die Menschen, die dort gewohnt sind, auf Erdbeben zu reagieren, haben dann nützliche Regeln, wie zum Beispiel in dieser Situation im Auto zu übernachten, über den Haufen geworfen. Das war keine gute Risikokommunikation. Die Wissenschaftler hätten sagen müssen, dass man ein Erdbeben nicht ausschließen kann.

Aber es fällt Menschen auch schwer, Unsicherheit zu akzeptieren. Bei dem Serratien-Ausbruch auf der Frühchenstation der Charité etwa redet man sofort über Schuld. Dass sich Risiken nicht ausschließen lassen, möchte kaum jemand hören.

Auch das beste Sicherheitssystem kann so etwas nicht immer verhindern. Aber zum Teil ist die Kritik auch in dem Fall berechtigt: Patientensicherheit im Allgemeinen und Hygiene im Speziellen sind nicht immer die Priorität im Krankenhaus. Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass nach Einführung einer Checkliste die Infektionen bei Kathetern gegen null gingen. Da standen so simple Dinge wie „Wasch dir die Hände“.

Also finden Sie die Erregung richtig?

Wir schauen zu sehr auf den Einzelfall. In den USA kommen jedes Jahr 50 000 bis 100 000 Menschen durch Arztfehler ums Leben. Manchmal liegt das an mangelnder Hygiene, manchmal wird die Patientenakte nicht durchgelesen. Darüber sollten wir reden. Es hat keinen Sinn, wenn sich alle über diesen Einzelfall aufregen.

Menschen fürchten sich vor Dingen, die sie mit geringer Wahrscheinlichkeit ereilen, während sie größere Risiken hinnehmen.

Dafür gibt es mehrere Gründe, Katastrophenangst etwa. Es ist leichter, Menschen Angst einzuflößen vor Situationen, in denen viele Menschen auf einmal sterben, als wenn gleich viele Menschen über ein Jahr verteilt sterben. Deshalb fürchten sich viele mehr vor einem Flugzeugabsturz als vor dem Autofahren. Dafür gibt es vermutlich evolutionäre Gründe, aus der Zeit, als unsere Vorfahren in kleinen Gruppen lebten. Denn das plötzliche Sterben mehrerer Menschen konnte das Überleben der Gruppe gefährden. Aber es gibt auch andere Gründe.

Zum Beispiel?

Wir haben es in Deutschland nicht geschafft, unsere Bürger risikokompetent zu machen. Wir lernen in der Schule die Mathematik der Sicherheit, nicht der Unsicherheit. Geometrie, nicht statistisches Denken. Nichts gegen Geometrie, aber Statistik ist wichtiger für das Leben. Menschen denken, es gebe absolute Sicherheit, weil sie das in der Schule lernen.

Aber absolute Sicherheit gibt es nicht ...

Wir sprechen von der Illusion von Gewissheit. Für kleine Kinder ist es natürlich wichtig, sich sicher zu fühlen. Wenn man erwachsen wird, sollte man aber lernen, Risiken in die Augen zu schauen.

Und das können wir nicht mehr?

In Deutschland herrscht eine Absicherungskultur. Wir haben immer mehr Politiker, die im Wesentlichen die eigene Wiederwahl sichern, statt etwas für die Gesellschaft zu tun. Auch die Medizin wird immer defensiver. Der Arzt kann nicht mehr das Beste raten, sondern das Zweitbeste, um sich vor Ihnen als potentiellem Kläger zu schützen. Und viele Manager treffen nicht mehr die beste Entscheidung, sondern die zweitbeste, die ihn selbst schützt, wenn etwas schief geht.

Wovor hat der Manager Angst?

Vor intuitiven Entscheidungen. Viele Manager, mit denen ich arbeite, haben eine gute Intuition. Aber was machen sie? Sie stellen eine Unternehmensberatung ein, die auf 200 Seiten die rationalen Gründe für ihre intuitive Entscheidung nachliefert. Das ist ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend. Menschen treten Entscheidungen mit Angst entgegen statt mit Mut.

Das Gespräch führte Kai Kupferschmidt.

GERD GIGERENZER (65) ist Psychologe. Er leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

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