Graduiertenkolleg zur Inklusion in der Schule : Inklusive Forschungslücken schließen

Ein Graduiertenkolleg an der Humboldt-Uni forscht zu inklusiven Schulen – als erstes seiner Art in Deutschland. Gesucht werden unter anderem Definitionen, was eigentlich eine inklusive Schule ausmacht.

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Vier Schüler, eine davon mit einer Behinderung, spielen auf Trommeln.
Dein Einsatz. Viele Schulen praktizieren Inklusion, aber Standards fehlen.Foto: dpa

„Inklusion ist in aller Munde, aber es gibt bislang keine verbindliche Definition, was eigentlich damit gemeint ist“, sagt Vera Moser, Professorin am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität. Seitdem Deutschland 2009 die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat, machen sich mehr und mehr Schulen auf den Weg, „inklusive Schulen“ zu werden. Die Bundesländer arbeiten parallel an Konzepten. Bundesweite Standards und Definitionen gibt es dafür bislang nicht.

Was Politik und Schulen gleichwohl unter Inklusion verstehen, wie der Wandel bildungspolitisch gesteuert wird und wie einzelne Schulen vorgehen, untersucht jetzt ein von Moser geleitetes Graduiertenkolleg an der HU. Das Doktorandenprogramm mit dem Titel „Inklusion – Bildung – Schule“ ist bundesweit das erste seiner Art. Gefördert wird es von der Hans-Böckler-Stiftung und aus Mitteln der Exzellenzinitiative der Humboldt-Uni. Ziel sei es, „Handlungswissen bereitzustellen“ und didaktische Modelle zu erarbeiten, sagte Vera Moser am Freitag bei der Eröffnung des Kollegs im Grimm-Zentrum der HU. „Es geht uns darum, Inklusion praktisch handhabbar zu machen.“

"Kann eine inklusive Schule auch eine gute Schule sein?"

Die Forschungslücken, die Moser und ihre Mitstreiter aus den Erziehungswissenschaften und der Bildungsforschung identifiziert haben, sollen bislang elf Nachwuchswissenschaftler füllen. „Kann eine inklusive Schule aus der Sicht von Schulinspektionen auch eine gute Schule sein?“, fragt etwa Anne Piezunka, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim nationalen Bildungspanel am WZB. Inwieweit sind die Experten, die Schulqualität auf Landesebene bewerten, auf die Bedingungen der Inklusion eingestellt? „Wenn die Schulinspektion nur die Schulen positiv bewertet, an denen alle Schüler die gleichen Bildungsziele erreichen, ist das eigentlich ein exklusives Kriterium“, sagt Piezunka.

Auch Dana Tegge sucht Kriterien, nach denen sich die Qualität inklusiver Schulen bestimmen lässt. Ihre Hypothese: Die unterschiedlich verteilten Ressourcen, die Schulen etwa für die räumliche und personelle Ausstattung zur Verfügung stehen, müssten ebenso berücksichtigt werden wie die unterschiedliche Zusammensetzung der Schülerschaft. Andere Promotionsvorhaben fragen nach Leit- und Idealbildern, an denen sich Schulen orientieren, oder nach der Rolle von Sonderpädagogen in Regelschulen. Weitere Projekte untersuchen, welche Rolle Genderklischees sowie soziale und kulturelle Diversität in der Schule spielen und wie Inklusion medial wahrgenommen wird.

Eine Schule für alle - aber Migranten werden abgestempelt

Was droht, wenn einem Land die Begriffe für Inklusion abhandenkommen, demonstrierte Girma Berhanu von der Universität Göteborg bei der Eröffnungsveranstaltung. Mit der neunjährigen Gemeinschaftsschule praktiziert Schweden seit über 50 Jahren die „eine Schule für alle“. Sonderschulen existieren offiziell nur für eine Minderheit geistig behinderter Kinder. Bestärkt wurde dies mit der Ratifizierung der UN-Konvention und einem seit 2011 laufenden Fünf-Jahres-Plan für die konsequente Inklusion auch in der Bildung. Gleichzeitig versage Schweden aber bei der Integration der Schüler mit Migrationshintergrund, sagt Berhanu.

Das Land sei mit einer Zuwandererquote von 20 Prozent überfordert, das Schulsystem dramatisch segregiert. Migrantenkinder seien in Klassen und Schulen für Schüler mit besonderem Förderbedarf überrepräsentiert. „Sie werden mit vagen Symptomen wie Konzentrationsproblemen stigmatisiert“, sagt Berhanu.

In Berlin wird Inklusion seit 20 Jahren praktiziert

Eine Schieflage beim Thema Inklusion beobachtet auch Berlins ehemalige grüne Bildungssenatorin Sybille Volkholz. In Berlin sei bei vielen Lehrkräften und Eltern der Eindruck entstanden, nun müsse „noch eine Reform“ gestemmt werden. Dabei werde Inklusion in Berlin schon seit 20 Jahren erfolgreich praktiziert, sagte Volkholz in ihrem Eröffnungsvortrag. Sicher brauche es noch strukturelle Verbesserungen, für die sich die Bildungsexpertin als Vorsitzende des Fachbeirats Inklusive Schule einsetzt. „Aber wie schaffen wir es, dass alle Akteure eine große Heterogenität als Selbstverständlichkeit und als Bereicherung erfahren?“

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