"Helikopter-Eltern" : Am Rockzipfel in die Uni

Eltern gehen für ihre Kinder in die Studienberatung, Hochschulen bieten inzwischen sogar Kurse für besorgte Eltern an. Doch diese „Helikopter-Eltern“ machen etwas falsch, sagen Psychologen. Wollen sie etwa nur sich selbst in ihrem Kind verwirklichen?

Anna Bernhardt

Der Studienberater beschreibt die deutsche Hochschullandschaft, erklärt die Bologna-Reform, den Numerus Clausus und Credit Points. Die Seminarteilnehmer folgen ihm aufmerksam. Doch im Raum sitzen nicht etwa angehende Studierende, sondern deren Eltern. Studienberatung für Eltern? Die Veranstaltung im Berliner Forum Berufsbildung ist nicht etwa die Ausnahme, sie liegt voll im Trend: Seit 2005 veranstalten die Stadt Münster und ihre Hochschulen einen „Elternalarm“, einen Infotag speziell für Mütter und Väter von Studienbewerbern, mittlerweile haben viele deutsche Universitäten nachgezogen, wie in Cottbus, Freiburg oder Berlin.

Für Eltern, die solche Angebote wahrnehmen, ist in Amerika der Begriff helicopter parents geprägt worden. Sie kreisen wie Hubschrauber über ihren Kindern und wollen vom Babytuning über die Mehrsprachigkeit bis zur Studienwahl und dem Bewerbungsgespräch alles für ihren Nachwuchs regeln. Aber tun sie damit wirklich das Beste für ihr Kind?

„Eltern sind wichtige Ansprechpartner. Sie kennen ihre Kinder schon sehr lange und meist auch sehr gut“, sagt Patrick Ruthven-Murray, Geschäftsführer der privaten Studienberatung „planZ – Zukunft mit Plan“, die zu der Infoveranstaltung im Forum Berufsbildung eingeladen hatte. Sie müssten ohnehin die Rolle des ersten „Studienberaters“ übernehmen. Aber heute sehe die Studienlandschaft ganz anders aus als vor 20 Jahren, als die Eltern an der Uni waren. Um auf den neuesten Stand zu kommen, bräuchten sie Orientierung, sagt Ruthven-Murray.

Andrä Wolter, Professor für Erziehungswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität, begrüßt es, wenn Eltern ihre Kinder bei der Studienwahl unterstützen. Die Studienaufnahme stelle eine schwierige Übergangspassage dar. Viele junge Erwachsene träfen Entscheidungen, ohne sich ausreichend informiert zu haben. Dennoch warnt Wolter vor zu viel Einmischung: „Helicopter Parents verlängern die Abhängigkeitsphase und fördern nicht die Selbstständigkeit. Außerdem stellt sich die Frage nach den Ambitionen, die Eltern mit solchen Unterstützungsmaßnahmen verbinden: Wollen sie, dass ihre Kinder einen eigenständigen Weg finden, oder geht es ihnen nur darum, sich selbst zu verwirklichen?“

Dies bestätigt auch der Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut Jost Ackermann, der in seiner Berliner Praxis auch Jugendliche behandelt, die unter einem zu hohen Erwartungsdruck leiden. „Depressionen, Verweigerungshaltungen und der Griff zu Drogen können die Folge sein“, sagt Ackermann. Natürlich sei es wünschenswert, dass sich Eltern für ihre Kinder interessierten und diese auch förderten. Spätestens mit Beginn des Studiums sollten sie aber loslassen.

Diplom-Psychologe Siegfried Engl von der Studienberatung der Freien Universität Berlin legt Wert darauf, dass die Jugendlichen selbst aktiv werden: „Die Studieninteressierten sollten sich aus eigener Motivation heraus professionell beraten lassen und selbst entscheiden.“ Engl beobachtet jedoch, dass immer mehr Eltern mit zur Studienberatung kommen. Meistens hätten diese selbst einen akademischen Hintergrund und wollten unbedingt, dass ihre Kinder auch studierten. Bildungsferne Schichten hätten meist zu große Berührungsängste mit der Hochschule. Aufgrund des kürzeren Abiturs müssten in Zukunft aber immer mehr Minderjährige von den Eltern immatrikuliert werden. Dies könne kontraproduktiv sein: „Wir erleben oft Studienabbrüche, wenn die Studenten nur den Wünschen der Eltern gerecht werden wollten.“

An einem der Orientierungsseminare für Eltern von „planZ“ nimmt auch eine Juristin teil, deren Tochter gerade das Abitur macht und BWL studieren möchte. „Weniger aus Passion als aus Unsicherheit und dem Wunsch nach Absicherung heraus“, glaubt die Mutter. Dabei würden Mode, Kunst oder Architektur viel eher zu ihr passen. Warum ihre Tochter nicht selbst zur Studienberatung gehe? „Keine Zeit“, erklärt die Frau, „zu viel zu tun für die Schule.“

In einem anderen Fall ist gleich die ganze Familie erschienen: Mutter Köchin, Vater Fotograf. Die Tochter, erst 17, möchte erst einmal nach Afrika für ein Freiwilliges Soziales Jahr und dann vielleicht Kunstgeschichte studieren. Ihre Eltern finden das in Ordnung, sie sei ja noch so jung und solle machen, „was ihr Spaß macht, dann wird sie auch gut“. Mit Helicopter Parents können sie sich nicht identifizieren. Sie möchten ihre Tochter mit Abstand im Blick behalten und da sein, wenn sie Hilfe braucht. Dennoch warnen beide vor den Risiken der kreativen Berufe. Und sehen sich und die Tochter unter Druck, weil ohne Superabi, Auslandserfahrung und geradlinige Lebensplanung offenbar nichts mehr gehe.

Wie finden Eltern das richtige Maß? Psychologe Ackermann resümiert: „Wir sollten mit ihnen über ihr Studium reden und etwa Lernstrategien besprechen, aber studieren und sich mit den Studienbedingungen auseinandersetzen sollten die Kinder schon allein.“

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