Historischer Kampf am Harzhorn : Die rostigen Reste der Schlacht

Vor knapp 1800 Jahren griffen am Rand des Harzes Germanen einen Zug römischer Soldaten an. Archäologen rekonstruieren das Gemetzel. Nun fanden sie Teile eines Kettenhemdes. Das wirft einige Fragen auf.

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Eine Handvoll Geschichte. Bei Grabungen auf dem historischen Schlachtfeld „Harzhorn“ bei Kalefeld wurden Reste eines römischen Kettenhemdes gefunden.
Eine Handvoll Geschichte. Bei Grabungen auf dem historischen Schlachtfeld „Harzhorn“ bei Kalefeld wurden Reste eines römischen...Foto: FU Berlin/C. Fiedler

Für Laien sind es nicht mehr als ein paar rostige Klumpen. Für die Archäologen aber, die sich derzeit durch den Boden am Südwestrand des Harzes arbeiten, sind sie eine kleine Sensation. Es handelt sich um rund 1800 Jahre alte Reste eines Kettenhemdes. Wahrscheinlich getragen von einem römischen Soldaten, der hier am „Harzhorn“ in eine der bedeutendsten Schlachten mit den Germanen geraten war. Am Donnerstag präsentierten die Wissenschaftler die rostigen Reste des Hemdes der Öffentlichkeit und berichteten von neuen Erkenntnissen, die sie über die Kämpfe nahe der heutigen Gemeinde Kalefeld gewonnen haben.

Die Spuren des Gemetzels waren erst vor fünf Jahren entdeckt worden. Hobbygräber hatten zuvor illegal einige eiserne Pfeilspitzen aus dem Boden geholt. Das schlechte Gewissen wurde immer größer und sie wandten sich an die Kreisarchäologin Petra Lönne. Im Sommer 2008 begann die koordinierte Bergung von zahlreichen Geschossspitzen, Radnaben und Sandalennägeln. Den Experten wurde klar: Im frühen dritten Jahrhundert muss es hier ein heftiges Gefecht zwischen Germanen und Römern gegeben haben. Doch das passte nicht ins Bild, war man doch davon ausgegangen, dass sich das römische Militär seit der Varusschlacht im Jahre 9 kaum noch über den Limes gewagt hatte. „Es gab zwar einige Hinweise auf spätere Aktivitäten, doch die waren umstritten“, sagt Michael Meyer, Archäologe von der Freien Universität (FU) Berlin, der die Ausgrabungen am Harzhorn leitet. „Unsere Funde stützen sie aber.“

Meyer zufolge fielen 233 im Gebiet des heutigen Hessens Germanen ins Römische Reich ein. Daraufhin wurden wohl 40 000 Soldaten zusammengezogen, die der neue Kaiser Maximinus Thrax im Jahr 235 in Marsch setzte. Richtung Germanien. Als das Heer das Harzhorn erreichte, war es bereits auf dem Rückweg nach Süden. „Die Stelle ist strategisch gut gewählt“, sagt Meyer. „Es ist eine steile Rampe, nur 200 Meter breit, dort mussten die Soldaten hindurch.“

Die Germanen lauerten im Hinterhalt. „Sie hatten es auf Beute abgesehen, vielleicht auch auf Gefangene, oder sie wollten selbst Gefangene befreien“, erläutert der Forscher. Inzwischen ist bekannt, dass es nicht nur den einen Kampfplatz gab, der 2008 entdeckt worden war, sondern der Zug der Römer an mehreren Stellen angegriffen wurde. Wie viele Männer aufeinandertrafen, lasse sich anhand der Funde nicht seriös schätzen, sagt Meyer. „Aber wenn es wirklich 40 000 Römer waren, dann war ihr Zug rund sechs Kilometer lang.“

Röntgenaufnahme eines Fragments des nun entdeckten Kettenhemdes.
Röntgenaufnahme eines Fragments des nun entdeckten Kettenhemdes.Foto: Detlef Bach, Winterbach

Viele Spuren der Schlacht sind mittlerweile verwischt. Nur unter günstigen Voraussetzungen überdauern die Reste von Waffen und Kleidung die Jahrhunderte. Insofern war das Kettenhemd ein echter Glücksfall – in mehrfacher Hinsicht. Es lag zwischen 3 und 13 Zentimeter tief im Waldboden, doch der Metalldetektor hatte nicht angeschlagen. „Das Eisen war zu stark korrodiert“, sagt Meyer. Als die Archäologen die Bodenschichten analysieren wollten und anfingen zu graben, stießen sie auf das Kleidungsstück.

„Es ermöglicht uns erstmals, das Geschehen auf eine einzelne Person zu beziehen.“ Warum wurde das Kettenhemd ausgezogen? Warum wurde es zurückgelassen? Schließlich dauerte es Berichten zufolge rund zwei Wochen, um aus tausenden Metallringen eine solchen Schutz zu fertigen. Das Kettenhemd lag am Rande des Schlachtfelds. „Wir nehmen an, dass ein verwundeter Römer sich dorthin retten konnte, vielleicht auch geschleppt wurde, und man es es ihm dort auszog, um die Wunden zu versorgen“, schildert der FU-Archäologe Meyer.

Wie groß es einst war, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, denn es ist teilweise zerstört, die Reste liegen in Falten, die aufgrund der Verwitterung nicht mehr zu entzerren sind. Das filigrane Geflecht der etwa sechs Millimeter großen Metallringe jedoch ist auf Röntgenbildern gut zu erkennen. Einige Fragmente wurden an Konservatoren gegeben, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Was aus dem einzelnen Soldaten wurde, ist unbekannt. Seinen Gefährten jedoch ist es nach Ansicht der Forscher gelungen, die Angreifer abzuwehren und in etwas lädiertem Zustand weiter nach Süden zu ziehen.

Teile des Kettenhemds und weitere Funde sind ab September in der Ausstellung „Roms vergessener Feldzug. Die Schlacht am Harzhorn“ im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen.

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