Homeschooling : Ohne Schule mehr lernen

Vier Brandenburger sind als „Freilerner“ aufgewachsen – eine Ausnahme, denn Deutschland ist streng bei der Schulpflicht. Den Erfolg von Homeschooling hatte allerdings schon 2009 eine groß angelegte Studie in den USA bezeugt.

Sandra Middendorf
Zufrieden und erfolgreich. Die Halbbrüder Helge und Andreas und die Brüder Semjon und Juri (von links) sind nur kurz zur Schule gegangen.
Zufrieden und erfolgreich. Die Halbbrüder Helge und Andreas und die Brüder Semjon und Juri (von links) sind nur kurz zur Schule...Foto: S. Middendorf

„Weil wir nicht zur Schule gegangen sind, haben wir sehr viel erlebt, was wir sonst nicht erlebt hätten“, sagt Andreas Richter. „Und dadurch haben wir wahnsinnig viel gelernt.“ Auf der fünfmonatigen Fahrradtour etwa, die er gemeinsam mit seinem Halbbruder Helge und einem Freund einmal um die Ostsee gemacht hat. 7000 Kilometer Strecke radelten die drei Fünzehnjährigen damals. „Alles selbst organisiert“, sagt er. Zeit dafür hatten sie, denn zur Schule gingen sie alle nicht. Klassische Schulschwänzer, die schlicht keine Lust auf Schule hatten und lieber im Park rumhingen, waren sie trotzdem nie. Vielmehr hatten ihre Eltern entschieden, dass Schule ihnen nicht so guttäte, wie zu Hause zu lernen. Und sie nach der vierten Klasse abgemeldet.

Heute sitzen die beiden gemeinsam mit zwei Freunden – ebenfalls „Freilerner“, wie sich in Deutschland diejenigen nennen, die ohne Schule lernen – in dem idyllischen Garten des Hauses, das sie sich vor einem halben Jahr zusammen im Brandenburgischen Kyritz gekauft haben und seitdem gemeinsam von Grund auf renovieren. Helge und Andreas, beide 23 Jahre alt, arbeiten selbstständig im Innenausbau: „Das läuft so gut, dass wir davon leben können“, sagt Andreas. „Vor allem aber machen wir genau das, was wir machen wollen.“ Und das könnten nicht viele in ihrem Alter von sich behaupten. Einen Schulabschluss haben sie bis heute nicht, obwohl sie ihn leicht nachholen könnten. An einer Schule für Erwachsenenbildung beispielsweise. Bisher haben sie aber die Notwendigkeit nicht gesehen.

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland 1000 Homeschooler

Die Entscheidung für ein Leben ohne Schule ist in Deutschland zwar selten, alleine stehen die Halbbrüder mit ihren Erfahrungen aber trotzdem nicht da. Aktuell gehen rund 1000 Kinder – so die Schätzung von Kennern der Szene – nicht zur Schule. Medial besonders präsent sind seit Jahren zwar die religiös motivierten Schulverweigerungen. Der Freilerner-Szene zufolge machen sie in Deutschland aber nur einen verschwindend geringen Anteil aus, schädigen dafür aber umso mehr das Image derer, die aus anderen Gründen für ein Recht auf Lockerung der Schulpflicht kämpfen. Deren Gründe sind unterschiedlich: Manchmal haben die Kinder sich an einer oder mehreren Schulen nicht zurechtgefunden, weil sie soziale Probleme hatten oder die Unterrichtsform nicht auf sie oder ihren Entwicklungsstand passte. Andere Eltern sind vom Schulsystem grundsätzlich nicht überzeugt und halten den Unterricht zu Hause für selbstbestimmter und besser.

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