Wissen : „Ich weiß, dass diese Hand verbrennen kann“

Wolfgang Edelstein (80) wuchs im Exil in Island auf, ging zum Studium nach Paris und kam 1954 als Lehrer an die Odenwaldschule. 1963 ging er ans Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nach Berlin, wo er bis heute als Direktor emeritus tätig ist. Foto: promo/David Ausserhofer
Wolfgang Edelstein (80) wuchs im Exil in Island auf, ging zum Studium nach Paris und kam 1954 als Lehrer an die Odenwaldschule....Foto: David Ausserhofer

Herr Edelstein, Sie kamen in den 50er Jahren an die Odenwaldschule. Wie haben Sie die Schule damals erlebt?

Ich habe die Oso, wie sie bis heute genannt wird, 1951 als Gast kennengelernt. Damals leitete noch Minna Specht, Reformpädagogin und zurückgekehrte Emigrantin, die Schule. Eingeladen hat mich Kurt Zier, ein Freund aus dem isländischen Exil. Er half, die Werkstudienschule an der Oso aufzubauen. Ich studierte damals in Paris klassische Philologie und wollte als Lehrer nach Reykjavik zurückgehen. Dieses Adenauer-Deutschland war mir völlig fremd. Doch die Odenwaldschule begeisterte mich.

Was zeichnete die Schule aus?

Sie war ein Ort der politischen und pädagogischen Aufarbeitung, nachdem sie nach der Zeit der nationalsozialistischen Gleichschaltung von den Alliierten kurzfristig geschlossen worden war. 1953 bekam ich eine Einladung, einen erkrankten Lateinlehrer zu vertreten. Ostern 1954 fing ich an und binnen einer Woche war ich in der Odenwaldschule integriert.

Sie blieben neun Jahre an der Odenwaldschule, waren zuletzt Studienleiter.

Was mich fesselte, war die Art und Weise, wie dort die innere Schulreform angegangen wurde. Wir entwickelten das Konzept einer wahrhaft integrierten Gesamtschule mit Werkstudienschule, in der Jugendliche neben ihrem Schulabschluss eine handwerkliche Lehre absolvieren konnten. Wir reformierten die Oberstufe, mit Wahlfächern und freien Jahresarbeiten als vorakademisches Arbeiten.

Wie hielt man es damals mit dem jugendbewegten und reformpädagogischen Erbe der 1910 gegründeten Odenwaldschule?

Die Tradition der Landerziehungsheimbewegung war durch die Nazizeit abgebrochen. Wir haben das Erbe der Weimarer Republik zunächst geleugnet. Die teilweise esoterischen Ideen Paul Geheebs, zu denen auch die nackt praktizierte Morgengymnastik der Schüler gehörte, lehnten wir ab. Dieses ganze Schwärmen war uns ein Dorn im Auge. Wir wollten am liebsten eine Gewerkschaftsschule sein. Später haben wir Abbitte geleistet, seine Leistungen wie die Koedukation und das Kurssystem anerkannt.

Sexualität spielte keine Rolle?

Durchaus, die Oso war eine sehr aufgeklärte Schule. Ein Psychoanalytiker aus Heidelberg arbeitete mit der Lehrerkonferenz, es ging darum zu begreifen, was sexuelle Entwicklung, Triebdynamik eigentlich ist. Die meisten Lehrer kamen naiv aus einem deutschen Hintergrund.

Gab es damals schon Fälle sexueller Grenzüberschreitungen?

Gefürchtet waren nur Kontakte zwischen Jungen und Mädchen – in einer Internatsschule, in der beide Geschlechter eng zusammenlebten. Wir versuchten den Schülern Begriffe von Nähe und Distanz, Autonomie und Selbstständigkeit zu vermitteln. Wir wollten ein liberal-bürgerlich reguliertes Leben, geleitet von einer selbstverständlichen Verantwortungsethik. Wir Pädagogen waren uns einig: Du musst für die Schüler zur Verfügung stehen, sie müssen jederzeit zu dir kommen können, aber körperliche Kontakte sind tabu.

Bekannt geworden sind jetzt Missbrauchsfälle aus den Jahren 1966 bis 1991. Muss man nicht fürchten, dass der Missbrauch früher begonnen hat und länger andauerte?

Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass in meiner Zeit und solange die Mitarbeiter an der Schule waren, die ich kannte, nichts passiert ist. Ich weiß, dass diese Hand verbrennen kann. Aber nach meinem heutigen Wissensstand muss ich annehmen, dass die systematischen Übergriffe erst mit der Ära Gerold Beckers begannen, der 1969 Lehrer wurde und die Schule ab 1972 leitete.

Es wird aber über Fälle ab 1966 berichtet.

Ich kann es mir nicht vorstellen. Die Mitarbeiter, die ich gekannt habe, halte ich für vollkommen unanfällig für diese Versuchungen.

Wann haben Sie Becker kennengelernt?

Anfang der 70er Jahre, als ich mit ihm und Walter Schäfer, Schulleiter bis ’72, ein Buch über die Schule schrieb. Ich war Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, an das mich der Gründungsdirektor Hellmut Becker geholt hatte. Auch Gerold Becker war sein Protegé. Mir hat die Zusammenarbeit mit ihm nicht behagt und ich habe mich kurz darauf für immer mit ihm überworfen.

Wie kam es zu diesem Zerwürfnis?

Ich habe bei Besuchen in der Schule gesehen, dass er einen unheimlich guten Zugang zu den Schülern hatte. Das fand ich problematisch, zumal Hellmut Becker mir seine Homosexualität angedeutet hatte. Vor diesem Hintergrund habe ich erhebliche Einwände gegen Gerold Beckers Berufung zum Schulleiter gehabt. 1973 fuhr ich nach Oberhambach, um Becker mit meinen Bedenken zu konfrontieren. Er bekannte sich zu seiner Neigung, schwor aber, dass er nie etwas tun würde, was seiner Verantwortung als Pädagoge widersprechen würde. Und dann kam der Gegenangriff: Die Zeit der Reformen sei vorbei, jetzt sei die Zeit der Pädagogik angebrochen, sagte er mir.

Was soll an dieser Aussage bedenklich sein?

Die ganze implizite Bewertung, die Schulreform sei eine bloße Strukturfrage und nicht für die Kinder gemacht, hat mich erbittert. Das war die Abwendung von einer konstruktiven Pädagogik hin zu einer sentimental-zugewandten. Pädagogischer Eros, diese ganze Mystifizierung pädagogischer Beziehungen unter Berufung auf eine höchst problematische Überlieferung aus der Antike: Davon war an meiner Odenwaldschule nie die Rede. Das ist selbstwertdienlicher Quatsch dieser Kreise um Becker und von Hentig.

Welche Kreise meinen Sie?

Eine wichtige Rolle spielte Hellmut Becker, aber den ganzen Umfang kann ich bis heute nicht fassen. Ich erfahre ja erst jetzt aus den Medien, dass Gerold Becker sich 1970 an Hellmut Beckers Patensohn vergriffen hat. Hellmut muss also von der pädophilen Neigung Gerold Beckers gewusst haben, als er sich für ihn als Schulleiter einsetzte. Es gibt ein Netzwerk von Solidaritäten jenseits von Recht und Gesetz.

Im Zusammenhang mit der Odenwaldschule ist die Rede von einer „protestantischen Mafia“.

Mafia würde ich es nicht nennen, aber es gab ein protestantisches Netzwerk um Hellmut Becker, in dem Namen wie Carlo Schmid, Richard von Weizsäcker, Marion Gräfin Dönhoff oder auch der Pädagoge Georg Picht eine Rolle spielten. Eine aus dem Krieg oder der Nachkriegszeit stammende Beziehungswelt, eine Elite, die sich selbst reproduziert hat. Dieses Netzwerk auf die Pädophilie zu beziehen, ist vollkommen unangebracht. Aber Loyalitäten wurden bis zum Exzess getrieben, der das Beschweigen des Missbrauchs möglich machte.

Sie selber sind der Odenwaldschule verbunden geblieben, sind bis heute Mitglied im Trägerverein.

Verbunden ja und nein. Ich habe Kurt Ziers Familie in ihrem neben der Schule gelegenen Haus besucht, hatte aber nach dem Weggang von Walter Schäfer nur noch marginale Kontakte zur Oso selbst. In den Verein wurde ich als Altmitarbeiter kooptiert, war aber – leider, muss ich heute sagen – ein weitgehend passives Mitglied. Wie alle im Verein habe ich geglaubt, dass der Vorstand nach bestem Wissen und Gewissen zur Aufklärung beigetragen hat. Erst vor fünf Wochen erfuhr ich von einem dritten Fall. Das hat mich bestürzt, zutiefst empört und deprimiert. In einem Brief an die Schüler habe ich geschrieben, dass man die Schule eigentlich schließen muss. Heute halte ich das für überzogen.

Nach Zeugenberichten war es an der Schule ein offenes Geheimnis, dass Schüler häufig sexuell bedrängt wurden. Was wussten Sie?

Ich wusste nichts außer dem, was ich 1999 aus der „Frankfurter Rundschau“ und der Aufarbeitung der Vorfälle danach erfuhr. Jetzt weiß ich mehr.

Sie glauben an einen Neuanfang, nachdem von mindestens 33 Fällen die Rede ist?

Der Ruf der Schule ist ruiniert, dass heißt aber nicht, dass ein Neubeginn nicht möglich ist. Es gab eine Odenwaldschule vor Becker, darauf insistiere ich. Die Öffentlichkeit schießt sich jetzt auf die Reformpädagogik ein, als hätte es nicht eine Vielzahl von Bildungsstätten unterschiedlichster Art gegeben, die das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder schändlich verletzt haben. Daraus müssen wir endlich lernen, Kindeswohl und Kinderrecht ins Zentrum eines professionell aufgeklärten pädagogischen Handelns zu stellen.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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