INSM-Bildungsmonitor zu G8/G9 : Mehr Sport für Turbo-Abiturienten

Keine Zeit für Hobbys? Eine wirtschaftsnahe Studie widerlegt ein Argument der G-8-Gegner: Turboabiturienten gehen ganz im Gegenteil mehr Hobbys nach als andere Gymnasiasten. Die Studie bestätigt zudem gute Abitur-Leistungen.

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Aufgezeigt. Schülerinnen und Schüler mit Hobbys sind insgesamt zufriedener mit ihrem Leben.
Aufgezeigt. Schülerinnen und Schüler mit Hobbys sind insgesamt zufriedener mit ihrem Leben.Foto: dpa

Reichen für Gymnasiasten acht Jahre bis zum Abitur aus? An wohl kaum einer Bildungsreform scheiden sich so die Geister wie an der verkürzten Gymnasialzeit. Empörte Eltern haben in einigen Ländern Volksbegehren gegen das achtjährige Gymnasium (G 8) initiiert, in Hamburg wird sich im Herbst herausstellen, ob es einen Volksentscheid darüber geben wird. Die Kritiker sorgen sich um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen: Der Lernstress sei einfach zu groß, neben der Schule bleibe keine Zeit mehr für Hobbys, die Leistungen in der Schule würden zudem leiden, lauten einige der gängigen Kritikpunkte.

Aus der Sicht des Bildungsforschers Axel Plünnecke, Leiter des Bereichs Humankapital am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), ist die Aufregung allerdings wenig nachvollziehbar. Anders als die öffentliche Diskussion suggeriere, seien G-8-Schüler in ihrem Freizeitverhalten und in ihren Leistungen Schülern am neunjährigen Gymnasium (G 9) „ziemlich ähnlich“, sagt Plünnecke: Für „spektakulär unspektakulär“ hält er die Unterschiede. Das zumindest ergebe sich aus einer Zusammenschau mehrerer Schülervergleiche.

Diese Meta-Studie ist Teil des „Bildungsmonitors 2014“, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde und von der arbeitgeberfinanzierten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) in Auftrag gegeben wurde. Wie in den Jahren zuvor stellt der Bildungsmonitor auch eine Rangliste der Länder zur Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme auf (siehe Kasten).

Was außerschulische Hobbys angeht, sind die Befunde für die Autoren der Studie eindeutig. Entgegen den Befürchtungen haben „bildungsorientierte Freizeitaktivitäten“ von 16- und 17-Jährigen im vergangenen Jahrzehnt zugenommen. Rund 85 Prozent der G-8-Schüler treiben heute Sport, gut 40 Prozent spielen ein Musikinstrument (siehe Grafik) – jeweils etwas mehr als G-9-Schüler. Dabei sind die Gymnasiasten insgesamt ohnehin aktiver als Jugendliche an anderen Schularten. Die Studie beruft sich hier auf Daten des Sozioökonomischen Panels (2012).

Wer solche Hobbys hat, ist demnach auch zufriedener als andere Jugendliche. Knapp 80 Prozent der G-8-Schüler stufen sich auf einer Skala der Lebenszufriedenheit von 1 bis 10 zwischen 7 und 10 ein – genauso viele wie G-9-Schüler und mehr als der Gesamtschnitt der Jugendlichen. „Die Befürchtungen, dass Jugendliche in Zusammenhang mit G 8 zunehmend über keine Freizeitaktivitäten verfügen und unglücklich und gestresst seien, können empirisch nicht belegt werden“, resümiert die Studie. Wie zuverlässig eine solche Selbsteinschätzung ist und ob die größere Zufriedenheit nicht womöglich auf den oft wohlsituierteren Familienhintergrund von Gymnasiasten zurückzuführen ist, lässt die Studie allerdings offen. Angemerkt wird aber auch, dass G-8-Schülern weniger Zeit zur freien Verfügung – zum Computerspielen oder um mit Freunden „abzuhängen“ – steht als G-9-Schülern.

Leiden die Leistungen von Abiturienten, wenn sie den Stoff in kürzerer Zeit bewältigen müssen? Auch dafür sieht die Studie keine Anhaltspunkte. Der Auswertung liegen hier vor allem die Abiturnoten und Durchfallquoten von doppelten Abiturjahrgängen zugrunde, als G-8- und G-9-Schüler gemeinsam Abi machten. In Berlin hatten die Turboabiturienten da 2012 wie berichtet einen hauchdünnen Vorteil, mit einer Durchschnittsnote von 2,37 gegen eine 2,42 der G-9-Schüler. Ähnlich ging es in fast allen Bundesländern aus, sei es im vergangenen Jahr in NRW (G 8: 2,41, G 9: 2,44) oder in den Jahren zuvor etwa in Bayern (G 8: 2,27, G 9: 2,42) oder Baden-Württemberg (G 8: 2,40, G 9: 2,35). Auch die Durchfallquoten wichen kaum voneinander ab.

Andere Leistungsvergleiche, die in der Studie herangezogen werden, haben dagegen wohl eher einen anekdotischen Wert: Wie die Ergebnisse von Mathematik-Klausuren an der Uni Göttingen im Jahr 2013, bei denen frühere G-8-Abiturienten minimal besser abschnitten.

Das IW und die INSM fordern nun ein Ende der Debatte über das G 8. Aus Sicht der Arbeitgeber dürfte das folgerichtig sein: Schließlich trage es zur Sicherung des Fachkräftenachschubs bei, wenn Abiturienten nach Studium oder Ausbildung ein Jahr früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden, sagte Plünnecke.

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