Interview zu bedrohten Sprachen : „Viele Junge verlassen die Insel“

Die Berliner Linguistin Kilu von Prince erforscht bedrohte Sprachen im Südpazifik. Ihr Projekt ist eine von 100 bislang durch die Volkswagen-Stiftung geförderten Dokumentationen weltweit. Jetzt läuft das Programm aus.

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Stolze Sprecher. Gruppenbild mit Forscherin auf der Insel Ambrym.
Stolze Sprecher. Gruppenbild mit Forscherin auf der Insel Ambrym.Foto: Promo

Frau von Prince, Sie haben im Sprachenrettungsprogramm der Volkswagen-Stiftung zwei Sprachen des Inselstaats Vanuatu im Südpazifik erforscht. Wie rettet man eine bedrohte Sprache?

Es beginnt damit, eine Sprache überhaupt erst einmal zu dokumentieren, alle verfügbaren Daten zu sammeln und dauerhaft aufzuzeichnen, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Wir wollen den Sprechern die Möglichkeit geben, ihre Sprache selber zu nutzen. Dafür ist ein guter Kontakt zu einer möglichst großen Gemeinschaft nötig, damit sie sich später mit den Wörterbüchern identifizieren können. Das ist in Vanuatu eine Herkulesaufgabe: Dort gibt es mit 240 000 Bewohnern und 100 Sprachen die weltweit größte Sprachdichte.

Kilu von Prince (30) ist Linguistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft Berlin. Sie promovierte über bedrohte ozeanische Sprachen.
Kilu von Prince (30) ist Linguistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft Berlin. Sie...Foto: privat

In welchem Zustand haben Sie „Ihre“ Sprachen, Daakaka und Dalkalaen, vorgefunden, als Sie zum ersten Mal auf die Vanuatu-Insel Ambrym kamen?

Die Sprachen waren praktisch gar nicht aufgezeichnet. Es existierte nur eine Grammatik einer verwandten Sprache aus dem 20. Jahrhundert. Doch Daakaka und Dalkalaen sind relativ vital, die meisten Kinder lernen sie als erste Sprache. Gleichzeitig sind die Sprechergemeinschaften mit je 1000 Leuten sehr klein, und sozioökonomisch verändert sich dort sehr viel. Weil es kaum Arbeit gibt, verlassen viele Junge die Insel, Menschen aus anderen Gegenden heiraten ein. Da kann es schnell passieren, dass eine Sprache innerhalb weniger Jahrzehnte verschwindet.

Wie gehen Sie praktisch vor? Schließlich konnten Sie die bislang unbeschriebenen Sprachen ja vor ihrem ersten Besuch vor vier Jahren nicht lernen.

Die meisten Sprecher sind bilingual, beherrschen die Kreolsprache Bislama, die ich mir vorher angeeignet habe. Wir fangen dann unmittelbar mit der Datensammlung an, nehmen die Geschichten der Leute auf, ihre Dialoge, machen auch Filmaufnahmen von ihren Ritualen. Das Ganze wird vor Ort verschriftlicht und mithilfe der Bislama-Sprecher übersetzt. Das ist die Datenbasis, aus der ich eine Grammatik erarbeitet habe. Dann haben wir Wörterbücher für den lokalen Gebrauch geschrieben.

Wie erreichen Sie, dass die Sprecher ihre Sprache hinterher auch anerkennen?

Die Leute waren sehr interessiert an dem Projekt. Sie haben sich etwa gewünscht, dass ein lokaler Künstler die Wörterbücher illustriert. Auch bei der Entwicklung der Orthografie waren sie beteiligt. Weil einige Englisch und andere Französisch sprechen, haben wir uns auf lateinische Buchstaben geeinigt. Es gab lange Diskussionen um einzelne Schreibweisen und Laute und um Lehnwörter aus anderen Sprachen, die sie nicht für „gute Sprache“ halten. Die haben wir herausgelassen.

Was hinterlassen Sie den Menschen auf Ambrym nach dem Ende des Projekts?

Wir haben auch Geschichtenbücher gemacht, viele Legenden, Märchen und Kindergeschichten aufgeschrieben, die von ihnen selber als wertvoller Kulturschatz wahrgenommen werden. Mein Doktorvater hat illustrierte Kinderbücher zum Lesenlernen entwickelt, die er demnächst nach Ambrym bringt. Eine Anthropologin aus unserem Team hat Filmaufnahmen von Festen und Zeremonien gemacht, die sich die Schüler und ihre Familien auf von uns hinterlassenen Computern ansehen können. Allerdings fehlt vielerorts der Stromanschluss.

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