Kongress "Armut und Gesundheit" : Armut kostet elf Jahre Lebenszeit

Sozial Benachteiligte sind häufiger krankhaft übergewichtig, leiden öfter unter Typ-2-Diabetes und chronischer Bronchitis, sie treiben seltener Sport und rauchen mehr. Ihren Kindern ergeht es nicht besser.

von
Schlange vor der Tafel in Karlsruhe
Hilfsbedürftig. Vor den Lebensmittelausgaben der Tafeln bilden sich mitunter Schlangen. Vor allem frische Produkte wie Obst können...Foto: dpa

Arm zu werden, weil man krank ist und eine teure Behandlung braucht – diese Sorge treibt in Deutschland die Menschen nicht um. Krank zu werden, weil man arm ist: Diese Gefahr besteht durchaus, zeigt die Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Neue Ergebnisse wurden beim Kongress „Armut und Gesundheit“ vorgestellt, der bis zum Freitag an der TU Berlin stattfindet.

Statt von Armut sollte man eher von sozialer Benachteiligung sprechen, denn es geht auch um schlechte Ausbildung und prekäre Beschäftigung. Männer mit besonders niedrigem Einkommen haben zum Zeitpunkt ihrer Geburt eine um fast elf Jahre verringerte Lebenserwartung im Vergleich zu denen, die am besten verdienen, sagte der Epidemiologe Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Benachteiligten Frauen fehlen acht Jahre. Betrachtet man nur die gesunde Lebenszeit, so liegt der Unterschied bei 14 Jahren. 65-Jährige aus der niedrigsten Einkommensgruppe haben fast fünf Jahre weniger „Ruhestand“ vor sich als besser gestellte Rentner. „Wir glauben, dass die Lebensbedingungen daran wesentlichen Anteil haben“, sagte Lampert.

Menschen mit niedrigem Sozialstatus sind häufiger krankhaft übergewichtig, leiden öfter unter Typ-2-Diabetes und chronischer Bronchitis, sie treiben seltener Sport und rauchen mehr. Und sie schätzen ihre Gesundheit fünfmal öfter als mittelmäßig bis schlecht ein. Das geht aus der RKI-Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) hervor. Besondere Sorgen macht Lampert, dass sich das in der nächsten Generation fortsetzt. Das belegen die Kinder-und-Jugend-Daten einer anderen RKI-Erhebung. Und es gibt Hinweise darauf, dass sich die Unterschiede verfestigen und ausweiten. In keinem Wohlfahrtsstaat besteht Hoffnung auf Umkehr. Nur die Daten seien oft besser, weil die Studien mit Mortalitätsregistern zusammengeführt werden könnten.

„Verteilungs- und Bildungspolitik sind Gesundheitspolitik“, kommentierte der Sozialwissenschaftler Rolf Rosenbrock, Vorstand der Gesundheit Berlin-Brandenburg. Auch für die Prävention gebe es neue Ansätze. Erfolgversprechend seien „partizipativ gestaltete Veränderungen von Lebenswelten“, etwa neue Ideen für gemeinsames Essen, Sport und Entspannung, die in Kitas, Schulen, Betrieben oder Altenheimen von allen getragen werden. Auch für Arbeitslose sollte es solche Bezugspunkte geben, hieß es. Aus hunderten Studien wisse man dagegen, dass die klassische Gesundheitsaufklärung wirkungslos sei. Auch Jürgen Graalmann vom Vorstand des AOK-Bundesverbands setzt auf andere Wege: „Die Krankenkassen haben ganze Wälder abgeholzt, um Präventionsbroschüren zu produzieren. Der Erfolg ist überschaubar.“