Kultusminister zur Erinnerungskultur in der Schule : Auf in die Gedenkstätte

Die Kultusminister wollen die Erinnerungskultur im Schulunterricht fördern. Schüler sollen dabei historisches Bewusstsein, Empathie und eine demokratische Grundhaltung entwickeln.

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Schülerinnen und Schüler schauen auf ein Modell der Berliner Gestapozentrale.
Konzentriert. Besuche in Gedenkstätten wie der Topographie des Terrors sind an Berliner Schulen üblich. Wichtig ist dabei eine...Foto: Thilo Rückeis

Unter Erinnerungskultur wird hierzulande vor allem das Gedenken an den Holocaust und die Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht verstanden. Doch allenthalben wird über die Weiterentwicklung der Erinnerungskultur diskutiert. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat den Begriff jetzt in Empfehlungen für den Schulunterricht, die sie am Donnerstag beschloss, neu definiert. Anlässe, die Erinnerungskultur in den Schulen zu stärken, sehen die Minister in der langen Zeitspanne zwischen 500 Jahren Reformation über die Kolonialzeit, die russische Oktoberrevolution bis hin zu den Weltkriegen, zur Wiedervereinigung und blutigen Bürgerkriegen in neuester Zeit.

„Erinnerungskultur in der Schule soll junge Menschen befähigen, historische Entwicklungen zu beschreiben und zu bewerten sowie unsere Welt als durch eigenes Tun gestaltbar und veränderbar zu begreifen“, heißt es. Dabei sollen sie historisches Bewusstsein, Empathie und eine demokratische Grundhaltung entwickeln. Auch von Lehrkräften wird viel verlangt: „Es geht um die selbstständige Reflexion von Geschichtsdeutungen und die aktive Beteiligung an historischen und gesellschaftlichen Kontroversen.“ Die jungen Menschen sollten „vom Leid von politischen Gefangenen, Flüchtlingen und Vertriebenen“ erfahren und von der Missachtung von Menschenrechten bis hin zum Genozid. Auch die Ortsnamen, die die KMK als Gedenkorte dafür nennt, stehen für die Öffnung der Erinnerungskultur: Auschwitz, Babi Jar, Leningrad, Bautzen, Katyn, Sarajewo, Srebrenica, Darfur und Ruanda.

Neue Perspektiven - auch für Schüler mit Zuwanderungsgeschichte

„Kultursensibles, sozialsensibles und reflexives Erinnern“ muss aus der Sicht der Kultusminister auch deshalb gefördert werden, weil viele Schüler aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte stammen. In allen Fächern sollen die Bedeutung von Feier- und Gedenktagen und die Herabsetzung von Menschen und Gruppen in der Geschichte und in der Gegenwart thematisiert werden. Um dieses Programm zu bewältigen, könnten Schulen mit Gedenkstätten, Zeitzeugen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, mit den Schülern in Gedenkstätten und Archive fahren, Friedhöfe besuchen und an internationalen Austauschprojekten teilnehmen, heißt es.

Kultursensibles Erinnern? Experte vermisst konkrete Hinweise

Was nun ist neu am Ansatz der Kultusminister? Martin Lücke, Professor für Geschichtsdidaktik an der Freien Universität, lobt Passagen zum vergleichenden Umgang mit der NS- und SED-Diktatur oder mit Vertreibungen, in denen vor Relativierungen gewarnt wird. Doch wie das notwendige kultursensible und multiperspektivische Erinnern aussehen könne – darüber finde sich in dem Papier zu wenig Konkretes. Und zumindest in Berlin seien Gedenkstättenfahrten, Archivbesuche oder Projekte zur Spurensuche selbstverständlich. Doch auch hier fehle ein wichtiger Hinweis: Die Begegnung mit Zeugnissen von Gewalt und Verbrechen müsse immer gut vor- und unmittelbar nachbereitet werden, sagt Lücke. Ansonsten könnten die Schüler die Eindrücke nicht rational verarbeiten. Die von den Kultusministern erhofften Effekte würden dann verpuffen.

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