Medizin : Warum Schlangenbisse immer noch tödlich enden

Millionen Menschen kämpfen jährlich mit den schweren Folgen eines Schlangenbisses. Oft fehlt das Gegengift, weil sich für Pharmafirmen die Produktion nicht lohnt.

Nicole Simon
Die Greifschwanz-Lanzenotter beißt ohne Warnung zu. Das getroffene Gewebe stirbt ab, Gliedmaßen müssen amputiert werden.
Die Greifschwanz-Lanzenotter beißt ohne Warnung zu. Das getroffene Gewebe stirbt ab, Gliedmaßen müssen amputiert werden.Foto: imago/Nature Picture Library

Wenn der Regen kommt, ist es besonders schlimm. Mit den Wolkengüssen kriecht eine tödliche Gefahr hervor. Der Regen drängt Kobras, Vipern und Mambas aus ihren Verstecken. Jedes Jahr werden rund fünf Millionen Menschen von Schlangen gebissen, rund 100 000 von ihnen sterben. Mehr als dreimal so viele verlieren Gliedmaßen, werden entstellt oder entwickeln andere schwere Behinderungen.

Die meisten Opfer leben in Afrika und Südostasien. Es sind Menschen in ländlichen Gebieten und mittellose Kleinbauern, die ihre Felder noch mit einfachsten Mitteln bewirtschaften. Wer den ganzen Tag mit bloßen Händen Unkraut jätet, mit nackten Füßen das Vieh auf die Felder führt oder Getreide erntet, ist den Tieren schutzlos ausgeliefert. Je ärmer eine Bevölkerung ist, umso wahrscheinlicher wird das tödliche Aufeinandertreffen. Rund ein Viertel der Toten sind Kinder. In den kleinen Körpern ist der Schaden, der das Gift anrichtet, besonders groß.

Bis zu 15 Prozent sterben ohne Gegengift

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Schlangenbisse zu den am meisten vernachlässigten Krankheiten des 21. Jahrhunderts. Einige Experten vermuten, dass die Dunkelziffer der Opfer sogar weit höher liegt als die offiziellen Zahlen. So kamen Studien aus dem Jahr 2011 zu dem Schluss, dass allein in Indien jährlich bis zu 45 000 Menschen durch Schlangenbisse sterben könnten.

Dabei gibt es Antiseren, Gegengifte, die die zerstörerische Wirkung des Bisses aufhalten. Wissenschaftler melken Schlangen und injizieren Tieren wie Pferden oder Schafen winzige Mengen ihres Gifts. Deren Immunsystem beginnt mit der Produktion von Antikörpern. In kleinen Schritten erhöhen die Forscher die Dosis. Wenn dann die kostbaren Abwehrstoffe millionenfach durch die Adern der Tiere schwimmen, muss man sie nur noch isolieren. Fertig ist das Gegengift. Mit den Medikamenten sterben nur 0,5 Prozent der Gebissenen, ohne sind es bis zu 15 Prozent.

Medizinische Hilfe ist oft nicht erreichbar

Doch viele Menschen haben keinen Zugang zu dieser Hilfe. In entlegenen Gebieten südlich der Sahara machen sich die Menschen eher zu Heilern auf oder versuchen, ihre Verletzungen selbst zu behandeln. Medizinische Hilfe ist für sie oft schlichtweg nicht erreichbar oder die Kosten sind zu hoch. Mehrere hundert Euro müssen sie für die Therapie bezahlen. „In einigen Teilen der Welt müssen Familien ihr Land verkaufen, ihr Vieh oder ihre Kinder aus der Schule holen, um das Geld für die Behandlungskosten aufzubringen“, sagt David Williams von der University of Melbourne in Australien. Williams ist einer der Direktoren der Global Snakebite Initiative, die versucht, die Versorgung mit Gegengiften in Entwicklungsländern zu verbessern.

Außerdem verlangen die Lieferung und die gekühlte Lagerung der Gegengifte eine gute medizinische Infrastruktur. Daher sind Gegengifte dort, wo sie am dringendsten benötigt werden, im Hinterland der Dritte-Welt-Länder, sogar in Kliniken Mangelware. „Selbst wenn Medikamente vor Ort sind, fehlt es medizinischem Personal oft an dem Wissen, wie sie sicher und wirksam eingesetzt werden“, sagt Leslie Boyer, Schlangengiftexpertin an der University of Arizona. Obwohl nur Mücken mehr Menschen töten, bekommen Schlangenbisse nur wenig Aufmerksamkeit.

Produktion des wichtigsten Gegengift wurde eingestellt

Im Gegensatz zu anderen Krankheiten, die als vernachlässigt gelten, wie etwa Dengue-Fieber oder Schlafkrankheit, gibt es kaum Programme, um die Behandlung zu verbessern, medizinisches Personal zu trainieren, Ministerien zu beraten und Kommunen aufzuklären.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich immer mehr internationale Pharmafirmen wie die Behringwerke oder Wyeth Pharmaceuticals, die heute zu Pfizer gehören, aus dem Segment zurückgezogen. 2010 entschied der französische Arzneimittelriese Sanofi Pasteur, die Produktion von Fav-Afrique einzustellen, einem der wichtigsten Gegengifte gegen Schlangenbisse in Afrika. Die Herstellung sei nicht mehr profitabel genug. Seit 2006 war die Nachfrage um das Sechsfache eingebrochen. Immer weniger Krankenhäuser oder Ärzte kauften die Produkte. Denn viele können die hohen Kosten nicht aufbringen, die Medikamente einzulagern, um dann nicht zu wissen, ob sich der nächste Patient die Behandlung leisten kann. Und so sind die letzten verfügbaren Dosen von Fav-Afrique im vergangenen Sommer abgelaufen.

Studien zur Wirksamkeit fehlen

Zwar gibt es Alternativen. Auch regionale Hersteller bieten Antiseren an, aber keines, das wie Fav-Afrique gleich gegen zehn verschiedene Schlangengifte der Sub-Sahara wirkt. Außerdem sind viele der Produkte zwar günstiger, aber nicht oder nicht ausreichend in klinischen Studien untersucht. Die WHO hat zwar Richtlinien zur Herstellung der Seren aufgestellt. Nur kontrolliert niemand, ob sie auch eingehalten werden.

Forscher um die Ärztin Emilie Alirol stießen bei ihrer Recherche auf 12 Antiseren, die 2014 in Ländern der Subsahara verkauft wurden. Nur drei davon wurden in wenigstens einer klinischen Studie untersucht. Für viele andere fehlten die wichtigsten Daten zur Wirksamkeit. Eine Studie aus Ghana fand heraus, dass unter einem ungeprüften Produkt aus Indien sechsmal mehr Patienten starben als unter der herkömmlichen Behandlung.

Eine ähnliche Erfahrung machten die Ärzte ohne Grenzen in der Zentralafrikanischen Republik. Als sie in der ersten Hälfte des Jahres 2013 statt FAV-Afrique auf ein alternatives Produkt umsteigen mussten, stieg die Mortalität von etwa 0,5 auf zehn Prozent.

Zweite Chance für das Medikament

„Wir evaluieren derzeit in verschiedenen Ländern neue Antiseren und alternative Behandlungsmethoden für Opfer von Schlangenbissen“, berichtet Christine Jamet von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. „Seit FAV-Afrique abgelaufen ist, müssen wir Patienten von Fall zu Fall und entsprechend ihrer Symptome behandeln. Das ist bei Weitem keine optimale Situation.“

Es könnte aber noch eine zweite Chance für das Medikament geben. Wenn auch nicht bei Sanofi selbst. „Wir sind im Gespräch mit mehreren Partnern, die Interesse haben, die Produktion von Fav-Afrique zu übernehmen“, sagt Sanofi-Pasteur-Sprecher Alain Bernal. Nur wer das ist, das will er nicht verraten.

Eine schnelle Lösung ist nicht in Aussicht. Viele Ärzte hoffen auf Hilfe aus der Forschung, auf neue Methoden der Impfstoffherstellung. Und tatsächlich werden in einigen Laboren auf der Welt aussichtsreiche Ideen entwickelt. Ein brasilianisches Team versuchte es kürzlich mit Fragmenten von kleinen Lama-Antikörpern. Denn die Abwehrstoffe in herkömmlichen Gegengiften schützen wegen ihrer Größe oft nicht vor den schweren Gewebeschäden an der Bissstelle.

Die Hoffnung liegt auf der Forschung

Außerdem stifteten sie Bakterien mithilfe von speziellen Viren dazu an, die Fragmente der Abwehrstoffe im großen Stil herzustellen. Sollten sie die Antiseren in Studien beweisen, könnte die Methode die Produktion nicht nur schneller, sondern auch günstiger machen, weil man auf das Blutplasma von Tieren verzichten könnte.

Einen weiteren Hoffnungsschimmer vermeldeten Wissenschaftler im „Journal of the American Chemical Society“. Die Forscher haben einen Weg gefunden, verschiedene Schlangengifte mit einer einfachen Methode zu neutralisieren. Sie entwickelten unterschiedliche Nanopartikel, die einige jener Stoffe binden, die den Schlangengiften ihre schädigende Wirkung verleihen. Bislang haben sie das Ergebnis nur in Reagenzröhrchen getestet. Erste Studien mit Tieren sollen in diesen Wochen beginnen. Die Methode hätte neben dem geringen Herstellungspreis noch einen zweiten großen Vorteil: Weil die Gegengifte aus synthetischen Polymeren bestehen, bräuchten sie nicht mehr gekühlt zu werden. So könnten die Medikamente auch dort ankommen, wo sie am meisten gebraucht werden: in den armen Regionen der Erde.

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