Nachruf auf Gerhard A. Ritter : Keine Demokratie ohne Sozialstaat

Er gehörte zu den bedeutendsten Historikern Deutschlands. Jetzt ist Gerhard A. Ritter im Alter von 86 Jahren gestorben

Paul Nolte
Der Historiker Gerhard A. Ritter
Der Historiker Gerhard A. RitterFoto: Jan Woiters/dpa

Er war ein Berliner: im März 1929 in eine Moabiter Familie geboren, in Dahlem aufgewachsen und zur Schule gegangen. Der Vater etablierte einen kleinen Verlag für Theaterliteratur, die Nähe zum Arbeitermilieu blieb und übertrug sich auf die wissenschaftliche Arbeit des Sohnes. Doch zunächst genoss Gerhard A. Ritter, wie viele in seiner Generation, die neuen geistigen Freiräume im materiell und moralisch zertrümmerten Berlin nach 1945. Schnell das Abitur, dann zum Studium nach Tübingen, aber schon 1949 zurück nach Berlin an die gerade gegründete Freie Universität, wo er sich auf Geschichte und Politik konzentrierte und bereits 1952 bei Hans Herzfeld über die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich promovierte. Dann lockte der Westen. Ritter ging zwei Jahre nach Oxford und lernte viel über politische Parteien und Parlamentarismus. Die besondere Nähe zu England, zur britischen politischen Kultur blieb ein Leben lang und machte ihn zu einem Pionier der vergleichenden Geschichte, vor allem in seinen bahnbrechenden Arbeiten zur Entwicklung des modernen Sozialstaats.

Die Deutschen jüdischer Herkunft machten großen Eindruck auf ihn

Aber auch die Deutschen jüdischer Herkunft, die vor den Nazis nach Amerika geflohen waren und nun als Remigranten an der Freien Universität lehrten, machten großen Eindruck auf ihn: Hans Rosenberg, einer der Gründerväter der Sozialgeschichte, und Ernst Fraenkel, der Anwalt einer pluralistischen Demokratie und spätere Mitbegründer des John-F.-Kennedy-Instituts. 1961 habilitierte er sich mit einer doppelten Lehrbefugnis für Geschichte und Politikwissenschaft. Das war damals noch möglich, aber trotzdem ungewöhnlich und unterstreicht die Verbindung historischer mit systematischen Fragen, die ihn umtrieb. Drei Jahre hatte er eine Professur am Otto-Suhr-Institut, bevor er dann doch ganz zu den Historikern wechselte, mit einem Ruf nach Münster 1965 und neun Jahre später nach München, wo Gerhard A. Ritter 1994 emeritiert wurde.

Wichtige Anstöße für eine neue Sozialgeschichte

Unermüdlich schrieb er über Arbeiterschaft und Sozialstaat, Parteien und Demokratie und entwickelte eine Meisterschaft in der kleinen Form, irgendwo zwischen Aufsatz und Buch: argumentationsstark und doch immer mit Empirie unterfüttert. Daneben organisierte er vieles und stieß Publikationsvorhaben an wie die große, immer noch nicht abgeschlossene „Geschichte der Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert“. Er errang Einfluss, amtierte 1976 bis 1980 als Präsident des deutschen Historikerverbandes, übte seine Macht aber unauffällig, verbindlich und mit nie nachlassender Freundlichkeit aus. Seine zahlreichen Schülerinnen und Schüler inspirierte er in viele Richtungen, aber am wichtigsten waren wohl die Anstöße für eine neue Sozialgeschichte, die von Jürgen Kocka und anderen auch prinzipiell begründet und theoretisch reflektiert wurde. Theoriediskussion war, bei aller Interdisziplinarität und analytischer Schärfe, Ritters Sache nie. Der Berliner Geschichtswissenschaft drückte er nach der Wiedervereinigung seinen Stempel auf, als Vorsitzender der Struktur- und Berufungskommission seines Faches im Neuaufbau der Humboldt-Universität. Ohne Ritter wäre hier nicht binnen wenigen Jahren eines der wichtigsten und intellektuell stärksten historischen Institute der Republik entstanden.

Demokratie ohne die Einbeziehung der Arbeiterschaft wird ihrem Namen nicht gerecht

Friedliche Revolution und Einheit faszinierten ihn zunehmend, persönlich und bald auch in seinen Forschungen, bis zu seinem letzten, 2013 erschienenen Buch über die Rolle Hans-Dietrich Genschers in der Wiedervereinigung, den er neben Helmut Kohl mehr gewürdigt wissen wollte. Ritters Lebensthemen als Mensch und Wissenschaftler aber bündelten sich in dem großen Werk über den Umbau des Sozialstaats in den Wiedervereinigungsjahren bis 1994, für das er 2007 den Preis des Historischen Kollegs, den bedeutendsten deutschen Historikerpreis, erhielt: Demokratie kann ihren Ansprüchen nur gerecht werden, wenn sie die Arbeiterschaft einbezieht und sich als Sozialstaat erweitert. Doch nie wäre er auf die Idee gekommen, das gegen „bürgerliche“ Verfassung, Parlament und Parteien auszuspielen. Die sozialstaatliche Gestaltung der Einheit, so Ritter, war weder kosmetisches Beiwerk noch materielle Gefälligkeit, sondern ihr konstitutiver Teil.

Da war Ritter mit seiner Frau längst vom Starnberger See nach Berlin zurückgekehrt. Man sah ihn häufig, fröhlich teilnehmend und sich mit Fragen einmischend, bei hauptstädtischen Veranstaltungen im Schnittfeld von Wissenschaft, Kultur und Politik. Hier ist der große Historiker der sozialstaatlichen Demokratie am Samstag im Alter von 86 Jahren verstorben.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin

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