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Neue Pisa-Studie : Deutsche Schüler lernen gut, verbessern sich aber nicht mehr

Im internationalen Pisa-Vergleich behaupten sich die Deutschen im oberen Mittelfeld. Die Leistungen im Lesen und in Mathematik sind gegenüber 2012 stabil, in den Naturwissenschaften etwas schlechter.

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Zwei Schüler bauen einen technischen Apparat aus Legosteinen.
Konstruktiv. Schwerpunkt bei Pisa 2015 waren die Naturwissenschaften, untersucht wurden auch die Schülerleistungen in Mathematik...Foto: picture alliance / ZB

Die deutschen Schülerinnen und Schüler liegen bei der neuen Pisa-Studie erneut in allen drei getesteten Bereichen über dem Schnitt der OECD-Staaten – konnten sich aber nicht weiter verbessern. In den Naturwissenschaften wie in Mathematik und bei den Lesekompetenzen landet Deutschland demnach im oberen Mittelfeld der 73 teilnehmenden Staaten. Die Ergebnisse der von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführten Studie wurden am Dienstag vorgestellt (die gesamte Studie und Beispielaufgaben finden Sie hier).

Nach dem Pisa-Schock der "Quantensprung" – jetzt ist ein neuer nötig

Andreas Schleicher, der internationale Koordinator der Pisa-Studie, sagte vor Journalisten, Deutschland habe sich „auf einem guten, überdurchschnittlichen Niveau stabilisiert“. Nach einem „Quantensprung“ in den Jahren nach der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 sei der Reformeifer aber inzwischen erlahmt: „Jetzt ist ein neuer Quantensprung nötig, um zu den leistungsstärksten Ländern aufzuschließen.“

"Inzwischen konstant hohes Niveau"

Das deutsche Pisa-Konsortium um Studienleiterin Kristina Reiss vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien an der TU München lobte Deutschland für seine Anstrengungen: "In kaum einem anderen OECD-Staat ist es gelungen, vergleichsweise niedrige Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler über die vergangenen 15 Jahre auf ein inzwischen konstant hohes Niveau zu heben."

Rückschritt in den Naturwissenschaften

Weltweit wurden für die Studie mehr als einen halbe Million 15-Jährige getestet, in Deutschland nahmen 10 500 Schülerinnen und Schüler aus 253 Schulen teil. Beteiligt waren auch neun Berliner Schulen. Schwerpunkt der aktuellen Studie sind die  Naturwissenschaften. Hier ging das deutsche Ergebnis im Vergleich zur vergangenen Erhebung von vor drei Jahren sogar um 15 Punkte auf jetzt 509 Punkte zurück (OECD-Schnitt: 493 Punkte).

Singapur in NaWi führend, sehr gut auch Estland und Finnland

Schleicher wollte den Rückgang allerdings nicht überbewertet wissen. Relevanter sei für ihn, dass das Ergebnis in etwa dem vom 2006 entspreche, als die Naturwissenschaften das letzte Mal Schwerpunkt bei Pisa waren. Mit klarem Abstand führt jetzt Singapur (556 Punkte), dahinter liegen Japan (538 Punkte) sowie als beste europäische Länder Estland und Finnland (534 beziehungsweise 531 Punkte). 30 Punkte Abstand entsprechen in etwa einem Schuljahr.

Beispielaufgabe der Pisa-Studie aus den Naturwissenschaften für 15-jährige Schüler.
Beispielaufgabe der Pisa-Studie aus den Naturwissenschaften für 15-jährige Schüler.Foto: dpa-infografik

Stabile Ergebnisse in Mathematik und Lesen

Im Lesen legen die deutschen Schülerinnen und Schüler um einen Punkt auf jetzt 509 zu (OECD-Schnitt 493), in der Mathematik geht das Ergebnis um acht Punkte auf 506 zurück. Beide Veränderungen sind laut der Bildungsforscher aber nicht signifikant. Beim Lesen und in Mathematik führt erneut Singapur, gefolgt jeweils von Hongkong. Beim Lesen folgen Kanada, Finnland, Irland und Estland, in Mathe Macau, Taiwan, Japan, Südkorea und die Schweiz.

Deutsche Schüler können Faktenwissen abrufen, andere sind kreativer

Auffällig in den Naturwissenschaften ist, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler beim Reproduzieren von Faktenwissen um sechs Punkte besser abschneiden als beim Verstehen von naturwissenschaftlichen Methoden. Beim Spitzenreiter Singapur ist es genau andersrum, anders als es das Klischee von den asiatischen „Drillstaaten“ vermuten lässt.

Technikfeindlich? Nur 15 Prozent sehen sich in NaWi-Job

Trotz des im internationalen Vergleich immer noch guten Ergebnisses diagnostizierte Schleicher eine „Technikfeindlichkeit“ der Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Überdurchschnittlich viele würden sich nicht für Naturwissenschaften interessieren, insbesondere wenn es um spätere Berufsmöglichkeiten geht. So gehen in Deutschland nur 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler davon aus, später einmal in einem naturwissenschaftlich geprägten Beruf zu arbeiten, während es im OECD-Schnitt 24 Prozent sind.   

Anteil der Risikoschüler steigt von 12 auf 17 Prozent

Keine weiteren Fortschritte konnte Deutschland bei der Chancengerechtigkeit und bei den Risikoschülern, also den besonders Leistungsschwachen, erreichen – beides bekanntermaßen Probleme des deutschen Bildungssystems. Im Lesen erreichen jetzt 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler nur die beiden untersten Kompetenzstufen (2012: 14 Prozent), in der Mathematik 17 Prozent (2012: 18 Prozent). In den Naturwissenschaften stieg der Anteil der Risikoschüler zwischen 2012 und 2015 – dem Jahr, in dem die aktuelle Studie erhoben wurde – sogar von 12 auf 17 Prozent.

Bei der Chancengerechtigkeit habe sich Deutschland „auf durchschnittlichem Niveau stabilisiert“, sagte Schleicher. In den Naturwissenschaften schreiben die Bildungsforscher jetzt 16 Prozent der Varianz bei den Schülerleistungen dem sozioökonomischen Hintergrund zu, 2006 lag der Wert noch um vier Prozentpunkte höher. In Ländern wie Kanada, Estland, Finnland und Japan liegt der Wert allerdings bei unter zehn Prozent, der OECD-Durchschnitt beträgt rund 13 Prozent.

Positive Bilanz der Kultusminister, OECD nüchterner

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Claudia Bogadan (SPD) zieht eine positive Bilanz: Das überdurchschnittliche Leistungsniveau, das bei Pisa 2012 erreicht wurde, habe sich stabilisiert. Als eines von wenigen OECD-Ländern habe Deutschland "bei den bisherigen Pisa-Zyklen keinen negativen Trend in den Hauptdomänen zu verzeichnen", erklärte sie am Dienstagvormittag. Nüchterner sieht es das OECD Center Berlin: "Der Abstand zu den Pisa-Spitzenreitern in Asien und Europa bleibt weiterhin groß. Gleichzeitig hat der Leistungszuwachs in den vergangenen Jahren abgenommen, teilweise zeichnet sich eine rückläufige Tendenz ab. Die Chancengleichheit hat sich verbessert, bleibt aber eine Herausforderung", heißt es in einer Mitteilung.

Ein aktuelles Interview mit der Berliner Deutschdidaktikerin Beate Lütke zum Thema Leseförderung und Sprachbildung lesen Sie hier.

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