Neue Studie : Was ist das Schlimmste an der Schule?

Das haben Forscher 3000 Berliner Schüler gefragt. Viele Jugendliche leiden unter Leistungsdruck. Sie fürchten schlechte Noten und launische Lehrer.

Renate Valtin
Schulgefühle. Der Zwang zur Notengebung prägt das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, schreiben die Forscher. Foto: dpa/gms
Schulgefühle. Der Zwang zur Notengebung prägt das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, schreiben die Forscher. Foto: dpa/gmsFoto: picture-alliance / gms

Was Schüler und Schülerinnen in der Schule leisten oder nicht leisten, haben Experten in internationalen Studien vielfach untersucht. Doch was denken die Betroffenen, die Schülerinnen und Schüler, eigentlich über die Schule? In unserer großen DFG-finanzierten Längsschnittstudie Aida haben wir jeweils über 3000 Berliner Jugendliche der Klassen 7, 8 und 9 zu einer Fülle von Aspekten befragt. Eine Frage lautete: Was ist das Schlimmste an der Schule? Die Antworten der Jugendlichen werfen ein trauriges Licht auf die deutsche Schule.

Fast alle beklagen sich heftig über Notendruck, nervige Lehrer, frühes Aufstehen, unbeliebte Fächer und den Raub kostbarer Lebens- und Freizeit (typische Antworten siehe Kasten). Eine Ausnahme sind Äußerungen wie die von Sandra. „Im Großen und Ganzen ist die Schule wunderschön! Es macht Spaß, so viel Wissen einsaugen zu können! Die Lehrer sind toll.“ Bündelt man die Tausenden von Antworten, so ergibt sich eine klare Liste, angeführt von der Angst zu versagen, schlechte Noten zu bekommen, sitzen zu bleiben und den Schulabschluss nicht zu schaffen.

Sind diese Klagen nur Ausdruck einer „Null-Bock-Generation“? Die Daten liefern dafür keine Belege, denn bei den Jugendlichen besteht eine hohe Wertschätzung der schulischen Leistung. Für etwa 90 Prozent von ihnen ist es wichtig, in der Schule erfolgreich zu sein, gut mitzukommen und gute Zensuren zu erreichen. Allerdings stehen die Jugendlichen unter großem Leistungsdruck. Dazu Julian: „Das Schlimmste an der Schule ist der Leistungsdruck, den mir meine Mutter immer auferlegt.“ Fast 85 Prozent der Jugendlichen bejahen die Aussage: „Meine Eltern möchten, dass ich sehr (!) gute Noten nach Hause bringe.“

Gute Noten sind aber ein knappes Gut: Nur etwa ein Viertel der Jugendlichen erreicht in den sprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ein gut oder sehr gut. Und nur knapp zehn Prozent stehen in allen diesen Fächern auf Eins oder Zwei. Von Klasse 2 an, als unsere Studie begann, verschlechtern sich die Noten mit jedem Jahr, das heißt, die schulischen Leistungen werden zunehmend schlechter beurteilt. Zudem sind die Noten sehr stabil: „Es ist schwer, schlechte Noten auszubügeln“, wie Lena schreibt.

Entsprechend hoch ist die Leistungsängstlichkeit der Jugendlichen. Mehr als jeder Dritte traut sich nicht, mit schlechten Noten nach Hause zu kommen, zumal elterliche Sanktionen drohen wie Taschengeldentzug, „Gemecker“, Ausgangsverbot und sogar Schläge. Fast jeder Fünfte hat Angst davor, am nächsten Tag in die Schule zu gehen, und jeder Dritte macht sich abends im Bett oder auf dem Schulweg Sorgen wegen des Abschneidens in der Schule. Während es im internationalen Vergleich Schulsysteme gibt, die ohne Noten (wenngleich nicht ohne Leistungsbewertung) auskommen, besteht in Deutschland ein Zwang zur Zensurengebung, denn Noten müssen die zahlreichen Ausleseentscheidungen, die das selektive deutsche Schulsystem bereithält, legitimieren.

Tatsächlich haben Kinder und Jugendliche in Deutschland allen Grund, sich vor Noten zu fürchten. Schon laut Pisa 2000 waren fast ein Viertel der Heranwachsenden mindestens einmal „hängen geblieben“. Auch zehn Jahre später ist die hohe Zahl der Klassenwiederholungen im Sekundarstufenbereich nicht zurückgegangen, was angesichts der massiven Kritik an dieser Maßnahme zu erwarten gewesen wäre: Es gibt keinen empirischen Beleg, dass Jugendliche mit „verzögertem Durchlauf“, wie es im Pisa-Sprachgebrauch heißt, ihre Leistungen verbessern.

Zum Schlimmsten an Schule gehören aus Sicht der Jugendlichen auch die Lehrer. Die Jugendlichen beklagen autoritäres und extrem dirigistisches Lehrerverhalten, Tadel und Spott, Herabsetzung und Demütigung von Schülern. Von Klasse 7 bis 9 hat sich das Lehrerbild der Heranwachsenden deutlich verschlechtert: Nur noch rund fünf Prozent aller Schüler/innen (gegenüber rund 25 Prozent in Klasse 7) geben an, von allen Lehrern gerecht behandelt zu werden, und nur noch 15 Prozent in Klasse 8 und zehn Prozent in Klasse 9 erleben ihre Lehrkräfte als verständnisvoll.

Es ist nachvollziehbar, dass die Lehrkräfte als Erziehungs- und Orientierungspersonen im Erleben der Jugendlichen in Klasse 8 und 9 an Bedeutung verlieren. Unabhängig davon hat aber auch die selektive Schule hier einen Einfluss. Die Lehrer-Schüler-Beziehung wird vor allem durch den Zwang zur Notengebung belastet. Ein Hauptpunkt der Klagen der Jugendlichen besteht in der großen Abhängigkeit der Noten vom subjektiven Lehrerurteil (Julian: „Manchmal kommt es mir auch so vor, als wenn die Lehrer die Zensuren würfeln“). Viele schlecht benotete Jugendliche sehen sich als Opfer der Laune oder Willkür der Lehrer und empfinden Noten als Disziplinierungsmittel.

So Unrecht haben sie nicht. In repräsentativen Befragungen stimmen 50 Prozent der Lehrkräfte der Äußerung zu: „Noten sind notwendig, um Schüler zum Lernen anzuspornen.“ Und 40 Prozent der Eltern sehen in Noten ein wichtiges Mittel zur Disziplinierung von Schülern. Noten erfreuen sich in der Öffentlichkeit großer Beliebtheit, obwohl ihre mangelnde Aussagekraft schon seit 40 Jahren herausgestellt wird: Noten sagen wenig über die objektive Leistung eines Kindes aus, nur etwas über den Leistungsstand des Schülers innerhalb der Klasse. Möglicherweise erlauben die Bildungsstandards, die nach Empfehlung der Kultusministerkonferenz in die Schulen eingeführt werden, dass für die Schülerinnen und Schüler eine größere Transparenz in Bezug auf die Anforderungen und die Bewertungen hergestellt wird.

Die Mehrzahl der Jugendlichen (fast 50 Prozent in Klasse 7 und über 60 Prozent in Klasse 9) sind der Meinung, dass keine oder nur wenige Lehrer wirklich daran interessiert sind, dass sie etwas lernen. Dass die Schüler sich in Deutschland von ihren Lehrern besonders schlecht unterstützt fühlen, hat auch Pisa gezeigt. Vor allem Jugendliche an Gymnasien beklagen dies. Aber auch die Grundschulstudie Iglu belegt, dass viele Lehrkräfte sich nicht für das schulische Versagen der Schüler und Schülerinnen verantwortlich fühlen. Sie denken, dass diese eben nicht in ihre Klasse passen.

Die Befunde zur Lehrer-Schüler-Beziehung sind sehr bedenklich. Soziale Stützsysteme sind wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen. Je besser die soziale Beheimatung, desto günstiger die Ausbildung von Ich-Stärke und Leistungsvertrauen. Wie die Aida-Studie zeigt, haben die befragten Jugendlichen einen guten sozialen Rückhalt im Elternhaus und Freundeskreis. Über 80 Prozent erleben eine hohe familiäre Geborgenheit. Ausgerechnet die soziale Ressource, welche die Schule bereitstellen kann, nämlich die Lehrerunterstützung, ist für die Jugendlichen die unsicherste. Dieses Ergebnis ist deshalb von Bedeutung, weil vom erlebten Lehrerengagement ein signifikanter Einfluss auf die Entwicklung der Ich-Stärke und des Leistungsvertrauens der Jugendlichen ausgeht.

Ein Mentalitätswandel der Lehrkräfte, vom Aussortieren zur individuellen Förderung, wäre deshalb wünschenswert. Und er ist notwendig, wenn in Deutschland die UN-Konvention zur Inklusiven Bildung durchgesetzt werden soll.

Die Autorin ist emeritierte Professorin für Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität. Die Studie Aida: Johannes König, Christian Wagner, Renate Valtin: „Jugend – Schule – Zukunft. Psychosoziale Persönlichkeitsentwicklung. Ergebnisse der Längsschnittstudie Aida.“ 464 Seiten, 29,90 Euro, Waxmann Verlag 2011.

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