Politische Bildung : In der Schule mehr Demokratie wagen

Kinder und Jugendliche müssen gegen Populismus immunisiert werden - auch in ihren Schulen. Ein Gastkommentar.

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Kinder nehmen an einer Demonstration teil und halten Schilder mit Aufschriften wie Save our Planet hoch.
Dass Kinder und Jugendliche bereit sind, sich für politische Fragen zu engagieren, zeigten Schülerinnen und Schüler in Hamburg...Foto: Daniel Bockwoldt/picture alliance-dpa

Populisten sind weltweit auf dem Vormarsch. 2016 war das Jahr politischer Erdbeben, und auch in diesem Jahr wird es turbulent: Für uns Europäer ist 2017 ein „Superwahljahr“. Dafür interessieren sich auch junge Menschen. Viele fragen sich: „Was hat Politik mit meinem Leben zu tun?“ Hört man sich im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof um, ist das aktuelle Geschehen für junge Menschen genauso wichtig wie für Erwachsene. Schülerinnen und Schüler sprechen über Politik: Wie bewährt sich Trump in Amerika? Was heißt der Brexit für unsere Generation? Was bedeutet der Zuzug von Geflüchteten für uns in der Schule? Nach Politikverdrossenheit hört sich das nicht an. Dennoch gehen viele junge Menschen nicht wählen – eine Gefahr für die Demokratie.

Lernen, dass es im Leben selten einfache Lösungen gibt

Vor dem Hintergrund unserer schnelllebigen Zeit, Social Bots und dem Erstarken von rechtspopulistischen Gruppierungen, ist es wichtig, jungen Menschen einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie ihre Fragen stellen und Meinungen austauschen können. Das muss auch im Unterricht geschehen. Sich mit unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen, dazu gehört auch die Programmatik der AfD oder anderer populistischer Strömungen, ist eine Voraussetzung, um nicht von Fake News, „alternativen Fakten“ oder Halbwahrheiten eingenommen zu werden. Alles, was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, muss auch in der politischen Bildung kontrovers diskutiert werden. Im Unterricht sollte auch verdeutlicht werden, dass es im Leben selten einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte gibt.

Ein Porträtbild von Özcan Mutlu.
Özcan Mutlu ist Berliner Bundestagsabgeordneter der Grünen und bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion.Foto: Promo

Junge Menschen wollen mehr Mitbestimmung, sie sind demokratisch eingestellt und engagiert: So lauten die Ergebnisse des Kinderreports 2017. Allerdings sinkt das Vertrauen von Jugendlichen in Strukturen wie Parlamente und Parteien. Sie bezweifeln, ob sie dort etwas bewirken könnten. Wir Politiker_innen sollten uns also fragen, wie wir diese Kluft überwinden können.

Ein erster Schritt wäre, das Wahlalter abzusenken. Junge Menschen sollen wissen, dass ihre Stimme zählt. Um das zu vermitteln, müssen alle Akteur_innen an einem Strang ziehen. Nicht nur Schule und Eltern, auch die Politik kann Angebote machen: Plenarbesuche, Führungen oder Diskussionen.

Schüler müssen Demokratie als Lebensform erfahren

In den Schulgesetzen ist Demokratiebildung verankert. Die Schulen haben die Aufgabe, Jungen und Mädchen zu mündigen und engagierten demokratischen Menschen auszubilden. Dazu gehört, Demokratie als Lebensform zu erfahren sowie Solidarität und Zivilcourage gegenüber allen Menschen zu entwickeln. Ob rechtsextreme, linksextreme, islamistische, homophobe oder sexistische Einstellungen – schon vor Entstehen solcher demokratie- und menschenfeindlichen Ansichten müssen wir entgegensteuern.

Demokratiebildung von Anfang an bedeutet, dass Kinder schon so früh wie möglich an Entscheidungsprozessen teilhaben. Demokratiebildung ist somit eine Querschnittsaufgabe, die in allen Fächern zum Tragen kommen sollte. Wichtig ist, die Kinder aufgrund von Fakten zu befähigen, ihr eigenes Urteil zu bilden und einzubringen. Durch den Dialog können strittige Interessen ausgetauscht und ausgehandelt werden. Dabei sollte die Beteiligungskultur nicht nur exemplarisch an politischen Themen ausgelebt werden, sondern Teil des Schulalltags sein. Zusätzlich müssen auch wieder die gesellschaftlichen Fächer in den Schulen gestärkt werden. Auch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung wirbt eindringlich dafür, Politik, Sozialkunde und Geschichte wieder stärker in den Fokus zu rücken. Dafür benötigen wir gut ausgebildete Fachlehrkräfte.

Auch eine Reform der Lehrerbildung ist unentbehrlich

Was aber, wenn es Lehrer_innen gibt, die ein zweifelhaftes Demokratieverständnis haben? Was macht man mit Fällen wie Björn Höcke? Höcke ist beurlaubter Geschichtslehrer. Meines Erachtens verletzt er die dienstrechtliche Treuepflicht mit seinen wiederholten antisemitischen Reden. Ernsthafte Konsequenzen wurden bisher nicht gezogen. Hier müssen alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, ihn aus dem Schuldienst zu entlassen. Es gehört auch zu unserer Pflicht, Schüler_innen vor solchen Einflüssen zu schützen – selbst wenn Lehrer wie Höcke bisher Einzelfälle sind.

Lehrer_innnen stehen vor großen Herausforderungen. Die Reform der Lehrer_innenausbildung ist deshalb unentbehrlich. Die Vermittlung von interkultureller Kompetenz und demokratischen Werten ist das Fundament, auf dem das Leben und Lernen in unserer Einwanderungsgesellschaft steht.

Fakt ist: Junge Menschen interessieren sich für Politik. Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, sich zu beteiligen und demokratische Entscheidungsprozesse mitzugestalten. Dafür ist die Schule der geeignetste Ort. Denn nur so erhalten wirklich alle Kinder und Jugendliche Kenntnisse, die zum Verständnis der Durchsetzung der Demokratie gegen autoritäre Herrschaft und Diktatur notwendig sind.

Der Autor ist Sprecher für Bildungspolitik der Bundestagsfraktion der Grünen.

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