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Psychologie : Drum prüfe gut, wie früh es sich bindet

29.09.2012 00:00 Uhrvon
2012Bild vergrößern
2012 - Foto: picture alliance / Cultura RF

Mit einer Langzeitstudie über Jahrzehnte hat das Psychologenpaar Karin und Klaus Grossmann die Erziehung revolutioniert. Ihre Forschungsergebnisse zur Mutter-Kind-Bindung könnten auch den ideologisch aufgeheizten Debatten um Betreuungsgeld und Kita-Plätze eine neue Qualität verleihen.

So wie sie da stehen zwischen Rutsche und Holzhäuschen, wirken sie wie jedes andere Paar, das man auf den Spielplätzen dieser Stadt sieht. Könnten Großeltern sein, die ihre Enkelkinder beaufsichtigen, oder Rentner, die auf ihrem Spaziergang eine Pause einlegen. Doch in Wirklichkeit ist der Sandkastenbesuch für diese zwei so etwas wie ein Arbeitseinsatz. Sie beobachten genau bei ihrem Gang über den Klausener Platz in Berlin-Charlottenburg und als ein Kind aufschreit, bleiben sie sofort stehen. „Nun“, sagt die Frau, „wird es interessant. Wie reagieren die Eltern?“ Und der Mann fügt hinzu: „Ein Vater sagt: Na los, weiter. Nicht so schlimm!, eine Mutter tröstet eher.

Für die meisten ist ein Spielplatz nur eine Ansammlung von Spielgeräten. Den Psychologen Klaus und Karin Grossmann dagegen präsentiert sich ein Labor, ganz ihrem Lebensthema gewidmet, nämlich dem Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern. Wie es darum bestellt ist, weiß wohl kaum einer in Deutschland so genau wie sie. Rund zwei Jahrzehnte lang hat das Ehepaar, er 77, sie 70 Jahre alt, an die 100 deutsche Familien begleitet und seine Erkenntnisse in ein Konzept übersetzt, das weithin bekannt geworden ist. Bindung heißt es oder auch Bonding und bezeichnet das affektive Band, das Eltern mit ihren Kindern verbindet, und taucht heute in fast jedem Erziehungsratgeber auf. Doch obwohl die Grossmanns das Familienleben in Deutschland, die herrschenden Vorstellungen und Werte, stark geprägt haben, kennt außerhalb der Fachwelt kaum einer ihren Namen.

Es waren Gänse, die den Grossmanns ihren Weg zu den Kindern wiesen. Damals, in den 60ern, arbeitete Klaus Grossmann am Zoologischen Institut in Freiburg. Er hatte Psychologie studiert, war aber enttäuscht vom damals in seinem Fach dominanten Behaviorismus, der menschliches Verhalten streng naturwissenschaftlich mittels Laborexperimenten untersuchen wollte und komplexe Verhaltensweisen auf einfache Reiz-Reaktions-Ketten reduzierte. In der Zoologie mit ihrer Feldforschung fühlte sich Grossmann wohler, und eines Tages lud Konrad Lorenz ihn und seine Frau zur Gänsebeobachtung ein. „Bringen Sie Gummistiefel und Wackersteine mit“, hatte der Verhaltensforscher ihnen aufgetragen, dann fuhr er mit ihnen ins Moor. Gemeinsam schleuderten sie ihre Steine auf eine Seewiese hinaus, es bildeten sich etliche Inselchen und Lorenz rief seine Gänse herbei. Wie sie sich schnatternd und flatternd die neue Seenlandschaft eroberten, wer einen guten und wer einen schlechten Platz bekam, das alles notierte Lorenz. „Und wir“, sagt Karin Grossmann, „dachten uns: Gänse können nicht sprechen, und trotzdem kann man ihr Verhalten toll erforschen, einfach durch Beobachtung. Warum machen wir das nicht auch mit kleinen Kindern?“

So naheliegend diese Idee heute klingt, damals kam sie einer kleinen Revolte gleich. Verhaltensbeobachtungen galten unter Behavioristen als unpräzise und daher unwissenschaftlich, nur eine Forscherin sah das anders. Etwa zur selben Zeit, als die Grossmanns mit Lorenz ins Moor fuhren, beschloss die US-amerikanische Psychologin Mary Ainsworth, die komplizierten Experimente sein zu lassen und stattdessen einfach mal Kindern in einer Alltagssituation zuzusehen: Was passiert zum Beispiel, wenn die Mutter den Raum verlässt und das Kind mit einer fremden Person zurücklässt? Was Ainsworth herausfand, war bahnbrechend, denn sie stellte fest, dass bereits Einjährige systematische Verhaltensunterschiede zeigen. Die einen schrien zunächst, ließen sich dann zwar trösten, rannten aber sofort zur Mutter zurück, wenn sie den Raum wieder betrat. Die anderen ignorierten Weggang und Rückkehr der Mutter, wirkten also selbstständig, waren in Wirklichkeit aber hochbelastet: So stellte man in späteren Studien eine hohe Konzentration des Stresshormons in ihrem Speichel fest. Ainsworth nannte die ersten die sicher gebundenen Kinder. Sie, so ihre These, trauten sich, ihren Kummer zu zeigen, da sie es gewohnt waren, dass man ihnen feinfühlig begegnete. Die anderen, die unsicher gebundenen, hatten immer wieder erlebt, dass keiner ihnen Gehör schenkte, und litten deshalb lieber still.

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