Reformer kämpfen für G8 : „Turbo-Abitur verbessern statt abschaffen“

Weniger Pflichtstunden, mehr pädagogische Arbeit am Gymnasium: So sollen die Kultusminister der Länder Versäumnisse bei der G8-Reform nachholen. Das fordern Bildungsexperten, darunter auch "Pisa-Papst" Jürgen Baumert.

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In einer Klasse steht der Schriftzug G9 an der Tafel, Schüler melden sich.
Aufgezeigt. Die Experten schlagen unter anderem vor, die Pflichtstundenzahl bis zu Abitur zu senken, um die Schüler zu entlasten.Foto: picture alliance / dpa

Zu einer „Versachlichung der Debatte um G 8/G 9“ wollen Bildungsexperten mit einem Aufruf zur „Zukunft des Gymnasiums“ beitragen. Die sähen sie gefährdet, wenn sich bundesweit durchsetzt, was vielerorts bereits angelaufen ist: Niedersachsen will ab dem Schuljahr 2015/16 zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren, in Bayern und Hamburg werden Volksbegehren vorbereitet und Hessen weitet die Wahlfreiheit aus.

„Die Rolle rückwärts in Niedersachsen ist komplett falsch“, sagt Sybille Volkholz, Mitinitiatorin des Aufrufs. Anstatt die Anstrengungen, die Gymnasien allerorten unternommen haben, um die verkürzte Schulzeit einzuführen, nun erneut für ihre Abschaffung aufzubringen, sollte „G 8“ verbessert werden, heißt es in dem Aufruf. Er richtet sich an die Kultusminister, die am Donnerstag und Freitag in Berlin tagen. Sie sollen sich nach dem Wunsch der Bildungsexperten in die Debatte einschalten. Dies hatten sie bislang vermieden.

KMK-Präsidentin will keine Rolle rückwärts für NRW

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), NRW-Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), hatte der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium im März allerdings für ihr Land eine Absage erteilt. Das G -8-Modell werde überwiegend befürwortet – und an Gesamtschulen könne das Abitur ja weiter nach 13 Jahren abgelegt werden. Gleichwohl wurde in NRW ein Runder Tisch zur Schulzeit-Diskussion eingerichtet.

Die KMK solle unter anderem prüfen, wie die Mittelstufe am Gymnasium entlastet werden könne, etwa durch eine Verringerung der Pflichtstundenzahl bis zum Abitur von 265 auf 260 Stunden. Außerdem wird die KMK aufgefordert, eine Empfehlung „zur pädagogischen Arbeit im Gymnasium“ auszusprechen: Notwendig seien „pädagogische Impulse für die Lehr- und Lernprozesse eines modernen Gymnasiums“. Zudem müsse gesichert werden, dass die Bildungsstandards des mittleren Abschlusses und des Abiturs auch bei einer verringerten Mindestunterrichtszeit von den Schülerinnen und Schülern erreicht werden können, fordern die Unterzeichner.

Ex-Minister von den Grünen, SPD und CDU haben unterzeichnet

Den Appell unterschrieben haben auf der Seite der Bildungspolitiker neben der Grünen Volkholz, 1989/90 Berliner Schulsenatorin, auch Jürgen Zöllner (SPD), Berliner Senator bis 2011, und Jan-Hendrik Olbertz, ehemaliger Kultusminister für die CDU in Sachsen-Anhalt und heute Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Unter den Bildungsforschern sind „Pisa-Papst“ Jürgen Baumert sowie seine Kollegen Manfred Prenzel (TU München), der jetzt Chef des Wissenschaftsrats wird, und Petra Stanat (HU). Die Wirtschaft ist durch BDA-Chef Ingo Kramer vertreten.

Volkholz: Kaum Proteste in Berlin, weil es die ISS gibt

Zu den Berliner Unterzeichnern gehört auch Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren. In Berlin gebe es wie in den ostdeutschen Ländern kaum Kritik an der verkürzten Schulzeit, wird im Aufruf betont. Sybille Volkholz erklärt das mit der Berliner Wahlfreiheit: Wer für sein Kind eine längere Schulzeit bis zum Abitur wolle, könne es auf eine Integrierte Sekundarschule (ISS) schicken. „Individuell längere Lernzeiten“ könnten Kinder erhalten, indem sie sie etwa nach der zehnten Klasse ein Auslandsjahr einlegen.

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