Religion : Die Jesus-Verschwörung

Die frühen Christen galten als Sekte mit absonderlichen Riten, die sie im Verborgenen pflegten. Wer sich dazu bekannte, dem drohte der Tod. Trotzdem wurde ihr Glauben für viele attraktiv. Eine Aufklärung.

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Christus mit Eselskopf. Ein Bildnis aus dem dritten Jahrhundert. Fotos: pa/akg-images, bpk/RMN/Hervé Lewandowski
Christus mit Eselskopf. Ein Bildnis aus dem dritten Jahrhundert. Fotos: pa/akg-images, bpk/RMN/Hervé LewandowskiFoto: picture alliance / akg-images

Christianus sum. Ich bin ein Christ.“ Es muss heiß gewesen sein im Gerichtssaal des Prokonsuls Publius Vigellius Saturninus, römischer Statthalter in Nordafrika, als er am 17. Juli des Jahres 180 das Bekenntnis eines Mannes namens Speratus entgegennahm. Speratus dürfte der Schweiß auf der Stirn gestanden haben – nicht nur wegen der Hitze, auch vor Angst. Denn wer vor Gericht bekannte, Christ zu sein, dem drohte die Todesstrafe.

Die sieben Männer und fünf Frauen stammten aus der Stadt Scilium im heutigen Tunesien, sie alle hatten sich als Christen bekannt. „Lasst doch ab von den Narreteien“, rief der Statthalter verärgert und bot der Gruppe 30 Tage Bedenkzeit an.

Die Gerichtsakten über die sogenannten Märtyrer von Scili gelten als das älteste christliche Dokument in lateinischer Sprache. In Nordafrika wurden zu jener Zeit auch die ersten Versuche einer lateinischen Bibelübersetzung unternommen. „Die übrige Kirche in Ost und West, einschließlich Roms“, so der Kirchenhistoriker Ernst Dassmann, „dachte und betete noch griechisch“, damals Weltsprache.

Der römische Staat hatte sich gegenüber fremden Kulten zumeist tolerant gezeigt und deren Götter samt Anhänger in die Gesellschaft integriert, sofern diese die staatliche Ordnung nicht störten. Populär war im zweiten Jahrhundert etwa der aus dem Iran stammende Kult des Mithras. Dieser als Stiertöter dargestellte Gott wurde zeitweilig mit dem Sonnengott gleichgesetzt.

Warum also wurden Christen wie Speratus und seine Glaubensgenossen verfolgt – und warum war diese junge Religion trotzdem für die Menschen so attraktiv, dass sie sich selbst in Lebensgefahr zu ihr bekannten?

Anfang des vierten Jahrhunderts mögen zwischen fünf Prozent und 20 Prozent der Einwohner des römischen Reichs gläubig gewesen sein – wobei es fast unmöglich ist, seriöse Zahlenangaben zu machen. Die Mehrzahl der Christen lebte in den Städten des römischen Reichs und in der Osthälfte des Imperiums, etwa in Kleinasien und in Syrien. Bedeutende Gemeinden existierten in Alexandria, dem syrischen Antiochia und in Rom. Die Urgemeinde von Jerusalem hingegen spielte spätestens nach der erneuten Eroberung der Stadt durch die Römer 135 keine Rolle mehr.

Auch die Christen bemühten sich, gute Staatsbürger zu sein. Speratus demonstrierte seine Loyalität mit dem Staat, als er betonte, „bei jedem Kauf (...) auch die staatlichen Steuern“ zu zahlen. Dabei befolgte er wie viele andere Christen vor ihm die Vorgaben des Paulus, dessen Briefe er sogar in der Verhandlung mit sich führte. Paulus, der einst als Saulus selbst Verfolger der Christen in Judäa war, wurde nach seiner Bekehrung vor Damaskus, bei der ihm Jesus selbst erschienen sein soll, zum wichtigsten Verkünder und Interpret der Lehre Jesu. Er starb vermutlich in den 60er Jahren des ersten Jahrhunderts in Rom. Paulus hatte im Brief an die dortige Gemeinde geschrieben, dass Gott selbst den Menschen die Staatsordnung Roms gegeben habe, daher müsse man ihr gehorchen und pünktlich seine Steuern zahlen. Die Unterteilung der Gesellschaft in wenige Reiche und viele Arme haben Speratus und seine Mitchristen vermutlich nicht infrage gestellt. Denn auch dies hatte Paulus gefordert: Jeder solle in dem gesellschaftlichen Stand bleiben, in den er durch seine Geburt von Gott berufen worden war.

Doch die breite Masse der nichtchristlichen Bevölkerung nahm solche Bekundungen der Loyalität kaum wahr. Denn die Vorstellung, dass ein Gott mit der Kreuzigung die Strafe erlitten haben soll, die für Sklaven und Hochverräter vorgesehen war, hielten die Menschen der Antike für geradezu absurd; dies sei, so Paulus, „den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit“. Daher gibt es aus der gesamten Antike praktisch keine christliche Darstellung vom gekreuzigten Jesus. Das früheste bekannte derartige Zeugnis ist ein Graffito vom Palatin, das einen Gekreuzigten mit Eselskopf zeigt: eine Verspottung Jesu durch seine Gegner. Im dritten Jahrhundert tauchen dann christliche Darstellungen auf, die Jesus als Hirten zeigen; der leidende Christus am Kreuz hingegen ist ein Motiv des Hochmittelalters.

Verdächtig machten sich die Christen, das „duckmäuserische und lichtscheue Volk“, wie man sie nannte, durch die Abgeschiedenheit, in der sie ihre Kulthandlungen durchführten. In der Antike war man es gewohnt, dass die Priester den Göttern vor den Tempeln, unter freiem Himmel, ihre Opfer darbrachten. Die Christen hingegen pflegten sich zur Feier der Eucharistie („Danksagung“), der Teilung von Brot und Wein, ins Innere ihrer Häuser zurückzuziehen. Diese Feier fand sonntags statt, dem Tag der Auferstehung Jesu, und zwar in den Morgenstunden; möglicherweise, damit auch Sklaven und Bedienstete teilnehmen konnten. Diese hatten morgens am ehesten Zeit, der Sonntag wurde erst im Jahr 321 von Kaiser Konstantin zum Feiertag erklärt.

Da es noch keine eigens errichteten Versammlungsräume gab, kamen die Christen in den ersten beiden Jahrhunderten – es waren in dieser Zeit kaum mehr als ein, zwei Dutzend pro Gemeinde – meist in den privaten Speisezimmern wohlhabender Gemeindemitglieder zusammen. In diesen mit Wandmalereien und Fußbodenmosaiken geschmückten Räumen lagen die Gläubigen auf den Speisesofas, während einer von ihnen aus den Evangelien vorlas.

Nach der Lesung erhob sich ein Mann, um die Predigt zu halten, der sich von seinen Glaubensbrüdern durch Alter, Würde und Glaubensstärke abhob und durch Handauflegen eingesetzt worden war: der Bischof. Er trug wie alle Christen die typische Kleidung der Römer, eine Tunika und als Übergewand das Pallium. Dieses wurde einer Toga ähnlich um den Körper drapiert, war aber weniger umständlich zu tragen und erfreute sich daher in der Kaiserzeit großer Beliebtheit. Die Amtstracht des Klerus heute hat gewissermaßen eine Erinnerung an die Alltagskleidung der Antike bewahrt.

Im zweiten Jahrhundert stand einer Gemeinde meist jeweils ein Bischof vor; er war und wurde nun unterstützt von den Presbytern (den „Ältesten“, das Wort Priester findet hier seinen Ursprung) und den Diakonen („Diener“). Nach seiner Predigt erhoben sich die Gläubigen zum Gebet, sprachen es mit ausgebreiteten Armen – das heute praktizierte Falten der Hände war noch unbekannt. Schließlich verteilte man Brot und Wein – Symbole für Leib und Blut Christi.

Die heidnische Bevölkerung wusste fast nichts über die christlichen Riten, doch aus dem wenigen, was sie erfuhr, zog sie eigene Schlüsse. Man verdächtigte die Christen, die ja ständig um Nächstenliebe bemüht waren, der sexuellen Ausschweifungen. Gerüchte von Ritualmorden machten die Runde. Manche, so weiß man aus antiken Schriften, glaubten, dass die Christen Menschenfleisch aßen und das Blut von Kindern schlürften.

Die öffentliche Hysterie führte schließlich dazu, dass die Masse der Bevölkerung den Christen die übelsten Verbrechen zutraute und sie für sämtliche Katastrophen des Staates verantwortlich machte, wie der Kirchenvater Tertullian (er starb nach 220) wortgewaltig darlegt: „Wenn der Tiber die Mauern überflutet, wenn der Nil die Felder nicht überflutet, wenn der Himmel sich nicht rührt, wenn die Erde sich bewegt, wenn eine Hungersnot, wenn eine Seuche wütet, gleich schreit man: ,Die Christen vor den Löwen!‘ So viele vor einen einzigen?“

Vermutlich waren auch Speratus und seine Freunde von Nachbarn denunziert worden. Das Todesurteil drohte ihnen aber nicht, weil man glaubte, sie hätten Taten, die man den Christen zuschrieb, tatsächlich begangen. Ihr Bekenntnis, Christ zu sein, reichte allein für ein Todesurteil aus, weil die römischen Kaiser und ihre Statthalter dadurch die Unruhen in der Bevölkerung besänftigen wollten, die durch die „weltabgekehrte Existenz“ der Christen ausgelöst worden waren, wie der Althistoriker Werner Dahlheim schreibt.

Die Christenverfolgungen waren immer kurzzeitig und lokal begrenzt gewesen, bis sich im dritten Jahrhundert die Situation des Reiches grundlegend änderte. Das römische Imperium wankte bedrohlich unter den Angriffen, die germanische Barbaren und das neupersische Reich der Sassaniden auf die Grenzen unternahmen. Im Jahr 233 etwa hatten die Alemannen den Limes durchbrochen. Nun kam es zur ersten reichsweiten und systematischen Christenverfolgung.

Die Menschen der Antike waren überzeugt, dass das Wohl des Staates vom Wohlwollen der Götter abhing. Ständig waren sie darauf bedacht, sich dieses durch Opfer und Gebete zu versichern. Doch den Christen, die an den einen Gott glaubten, der eifersüchtig keine anderen Götter neben sich duldete, war es nicht möglich, den römischen Staatsgöttern zu opfern. Diese Haltung wurde als Hochverrat ausgelegt.

Im Jahre 249 erließ Kaiser Decius daher ein Edikt: Jeder Reichsbewohner habe den Göttern zu opfern. Direkte Folge dieser Anweisung waren massive Ausschreitungen gegen Christen und Plünderungen, „viele wurden von den Heiden in den Städten und Dörfern gemartert“, schrieb Eusebios, Kirchenhistoriker des vierten Jahrhunderts. Verhaftete Christen wurden gezwungen zu opfern. Andere behaupteten, niemals Christ gewesen zu sein; wer Geld hatte, die Behörden zu bestechen, organisierte sich einen libellus, eine Opferbescheinigung, die bezeugte, dass er in Gegenwart von zwei Zeugen ein Tier geopfert und vom Fleisch gekostet habe. Viele Christen blieben jedoch standhaft: Wer sich weigerte oder keine Opferbescheinigung vorweisen konnte, wurde mit dem Tod bestraft.

Auch Speratus und seine Mitangeklagten lehnten im Jahre 180 die angebotene Bedenkzeit ab und weigerten sich, ihrem Glauben abzuschwören. Warum die Gruppe sich entschlossen hatte, überhaupt zum Christentum überzutreten, überliefern die Gerichtsakten von Karthago nicht. Viele, wenn auch nicht alle Anhänger der neuen Religion entstammten den Benachteiligten, die sich von der Lehre der Nächstenliebe angesprochen fühlten. Dazu gehörten Sklaven, Bedienstete und Tagelöhner, aber auch die etwas besser gestellten kleinen Händler und Handwerker. Weber, Schuster und Tuchwalker finden sich früh unter den Anhängern des Christentums.

Donata, eine der weiblichen Angeklagten vor Gericht, war als Frau ebenfalls unterprivilegiert in einer Gesellschaft, in der sie entweder ihrem Vater oder ihrem Mann unbedingten Gehorsam schuldete. Vermutlich war sie deshalb von einem christlichen Nachbarn oder einem Wandermissionar angesprochen worden, die sich bewusst zuerst an die „ungebildeten Frauen“, die Kinder und Bediensteten wandten, wie der Christenkritiker Kelsos um das Jahr 180 wütend bemerkte.

Oftmals waren es die Väter, die mit Unverständnis, Zorn und Verzweiflung versuchten, ihre Frauen, Kinder und Sklaven vor dem Übertritt zu einer Sekte abzuhalten, die in den Augen der meisten römischen Bürger als staatsgefährdend galt. Wenn die Autoren der Evangelien – sie schrieben ihre Werke zwischen 70 und 100 – Jesus sagen lassen, er sei gekommen, nicht Frieden, sondern Zwietracht zu bringen, so stammen diese Worte nicht vom historischen Jesus. Sie geben vielmehr die Erfahrungen der frühen Christen wieder, die erleben mussten, wie ihre Bekehrung sie von ihren Familienmitgliedern entzweite.

Die Angeklagte Donata hatte sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen, und als sie sich schließlich – wie die meisten Menschen in der Frühzeit – als Erwachsene taufen ließ, war sie am Ziel: Ihre Sünden, die sie wie alle, die von der Botschaft Jesu beseelt waren, bedrückt hatten, wurden ihr vergeben.

Im Gegensatz zur heutigen katholischen Praxis bei der Beichtabnahme konnte die Sündenvergebung maximal einmal wiederholt werden, und dies nur nach vorangegangener Buße, die Gebete, Fasten, Bußkleidung und vorübergehenden Ausschluss aus der Gemeinde vorsah. Einen Ausweg bot nur das Martyrium: Wer für Jesus starb, dem waren wiederum alle Sünden vergeben.

In der christlichen Gemeinschaft erfuhr Donata die Wertschätzung, die ihr bisher vorenthalten worden war. Zusammen mit anderen Benachteiligten nahm sie an den abendlichen sogenannten Liebesmählern (Agape) teil; dort aßen und beteten die Gläubigen. Frauen war es kurzzeitig sogar möglich, als Diakonissen dem Bischof bei der Taufe von Frauen zu assistieren und weiblichen Gemeindemitgliedern Hausbesuche abzustatten. Dieses Experiment wurde von der im Entstehen befindlichen, männerdominierten kirchlichen Organisation jedoch bald abgebrochen.

Noch attraktiver für die Menschen war womöglich die praktische Seite der Nächstenliebe, die Armenfürsorge. Die Gemeinschaft organisierte den Lebensunterhalt ihrer hilfebedürftigen Mitglieder, auch für die Witwen und Waisen. Das nötige Geld spendeten vermögende Mitglieder, und dies war der Grund, weshalb auch den Reichen ein Weg zu den Christen und ins Himmelreich offenstand: Sie wurden als Almosengeber benötigt.

Nachdem der Statthalter Saturninus die Gruppe um Speratus und Donata nicht zur Abkehr hatte überzeugen können, verlas er das Urteil: „Sie sollen enthauptet werden!“ Entweder besaßen die Verurteilten alle das römische Bürgerrecht oder Saturninus bewies Mitgefühl; der qualvolle Tod in der Arena blieb ihnen erspart. Dort wurden die Delinquenten unter dem Gejohle der Zuschauer an Holzpfähle gebunden und von wilden Tieren zerfleischt.

Speratus dankte seinem Gott, und die Gerichtsakten notieren, dass sein Freund Nartzalus rief: „Heute noch sind wir im Himmel!“ Auch das Versprechen eines Lebens nach dem Tod im Paradies machte diese Religion attraktiv für Menschen, die in einer Welt lebten, die immer mehr von der Sehnsucht auf Erlösung geprägt war. Denn die soziale Not war groß, besonders unter den Bewohnern der schäbigen, ständig feuer- und einsturzgefährdeten Mietskasernen Roms.

Die alte Götterwelt konnte diese Sehnsucht schon lange nicht mehr befriedigen, denn dort erwartete die Menschen nach dem Tode nur die Existenz als traurige Schatten. Bereits Homer lässt den toten Helden Achilles dem Odysseus erklären, der in die Unterwelt hinabgestiegen war, dass er lieber als armer Tagelöhner unter den Lebenden weilen möchte, als der König der vermoderten Toten zu sein. Speratus, Donata und die anderen hingegen waren sich sicher, dass sie als Märtyrer im Himmel „mit dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist in alle Ewigkeit“ herrschen würden.

Möglicherweise setzte sich das Christentum deswegen durch, weil es den Menschen etwas versprach, was in der Summe keine andere Religion, Philosophie oder gesellschaftliche Institution bieten konnte: praktizierte Nächstenliebe, Sündenvergebung und das Leben nach dem Tod in einer besseren Welt. Der Glaube an den gekreuzigten Gott war nicht mehr auszurotten. Ein Toleranzedikt des Kaisers Galerius beendete im Jahre 311 die Verfolgungen für immer.

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