Rembrandt-Forschung : Die Handschrift eines Anderen

Rembrandts Werk ist von parallelen Stilen und Stimmungsumschwüngen geprägt. Im Rembrandt Research Project haben Forscher nun aufgeklärt, was vom Meister selbst stammt und was in seiner Werkstatt entstand.

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Eine Frau will zum Baden ins Wasser steigen, ein Mann nähert sich ihr von hinten und will ihr ein Hüfttuch wegziehen.
Übergriffig. Rembrandts Werk „Susanna und die beiden Alten“ übermalte Joshua Reynolds, Besitzer von 1769 bis 1792, zu 90 Prozent....Foto: Wikipedia

Altersmilde – so nennt man ein Urteil, das ganz von Lebenserfahrung gesättigt ist und darum eben milder ausfällt als eines, das die ganze Härte einer Regel oder eines Prinzips zur Durchsetzung bringt. Das „Rembrandt Research Project“ sollte einem solchen Prinzip folgen. 1968 von einem Team niederländischer Kunsthistoriker ins Leben gerufen, hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Wildwuchs der dem von 1606 bis 1669 lebenden Amsterdamer Maler zugeschriebenen Arbeiten zu beschneiden und auf den Kern der gesicherten und authentischen Werke zurückzuführen. Denn Rembrandts vermeintliches Œuvre war immer weiter angeschwollen, bis es unter dem führenden Kenner Abraham Bredius in dessen definitivem Katalog von 1937 auf 624 Gemälden angestiegen war. Erstaunlich ist das, weil Wissenschaft doch gemeinhin zur Reduktion, zur Konzentration auf einen Kernbestand führt. Rembrandt hingegen, dieser gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker geschätzte und gesammelte Meister des 17. Jahrhunderts, schien weit mehr Bilder als zuvor bekannt geschaffen zu haben, die über Museen und vor allem Privatsammlungen in ganz Europa verstreut waren.

Man wollte Werke von Rembrandt besitzen - und schrieb sie ihm zu

Mit dieser Vorstellung hat das Rembrandt Research Project ein für allemal aufgeräumt. Naturwissenschaftliche Analyse der Gemälde in ihrer Eigenschaft als physische Objekte trat an die Stelle von Kennerschaft, von connoisseurship, wie sie die Rembrandt-Experten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert so freigiebig verteilt hatten. Über diese Kennerschaft und ihre Verwicklung in die erstaunlich gleich gerichteten Interessen von Händlern und Sammlern hat Ernst van de Wetering (76), das letzte verbliebene Mitglied des nunmehr seit 46 Jahren aktiven Rembrandt-Projekts, im soeben erschienenen, abschließenden sechsten Band des Korpus-Werkes einen erhellenden Aufsatz geschrieben. Die Radikalität der Mitarbeiter ist nur auf diesem Hintergrund allzu wohlfeiler Zuschreibung, von Verkauf und Besitzerstolz zu verstehen. Man wollte Werke von Rembrandt besitzen, also wurden entsprechende Gemälde als von der Hand des Meisters stammend beschrieben, gehandelt und stolz an die Wand gehängt.

Auch der Berliner "Mann mit dem Goldhelm" fiel unter das Verdikt

Das Rembrandt Research Project hat die Zahl der echten Rembrandts zunächst auf 250 mehr als halbiert. Unter anderem fiel dem Verdikt auch der Berliner „Mann mit dem Goldhelm“ zum Opfer. Einst der Stolz der Königlichen Museen, muss sich das Gemälde heute als Werkstattarbeit mit einem Nebenplatz in der Gemäldegalerie begnügen. Ist es weniger aussagekräftig, nur weil nun doch nicht Rembrandt selbst Hand angelegt hat? Das ist die Frage nach der Rezeption von Kunst, die das Projekt jedoch ausklammern musste, um nicht im Wust zeitbedingter Urteile und Zuschreibungen zu versinken. Allerdings kam das Vorhaben mit rein naturwissenschaftlichen Methoden doch nicht zu endgültigen Urteilen; die herkömmliche Stilanalyse und das geschulte Auge der Kenner nahmen am Ende erneut ihren angestammten Platz ein.

Mit welchen Schwierigkeiten sich die Rembrandt-Forschung konfrontiert sieht, macht nun ein wahrhaft überraschender Fall aus der hiesigen Gemäldegalerie deutlich. Das Gemälde „Susanna und die beiden Alten“, die 1647 geschaffene Darstellung einer überaus beliebten biblischen historia, trägt die Handschrift eines anderen Großen der Malerei, des Engländers Joshua Reynolds. Das ist nun wirklich frappierend. Reynolds besaß das Gemälde zwischen 1769 und 1792; die Gemäldegalerie erwarb es 1883. Eine jetzt durchgeführte gründliche Untersuchung mit Röntgen- und Neutronenstrahlen brachte die erheblichen Veränderungen ans Licht, die Reynolds an dem Gemälde vorgenommen hat. Nicht nur hat er Stellen übermalt, die ihm nicht zusagten, sondern teilweise sogar die Farbe Rembrandts entfernt. Die jetzige, oberste Farbschicht dürfte zu 90 Prozent von Reynolds’ Hand stammen.

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