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Risikoschüler in der Pisa-Studie : OECD fordert mehr Hilfen für schwache Schüler

Obwohl Deutschland sich bei Pisa verbessert hat, bleibt die "Risikogruppe" der schwachen Schüler zu groß. Bildungsforscher der OECD sagen, wo noch mehr getan werden muss.

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Vier Schüler stehen an einer Tafel und schreiben den Schriftzug "Pisa".
Gutes Zeugnis, aber mit Mahnung. Anderen Ländern gelingt es besser als Deutschland, die Gruppe der schwachen Schüler zu...Foto: dpa

Wer mit 15 Jahren Schwierigkeiten hat, einem Beipackzettel die relevanten Informationen zu entnehmen, wird nicht nur Probleme haben, Medikamente richtig einzunehmen. „Diese Schüler werden es im Berufsleben sehr schwer haben. Untersuchungen im Erwachsenenalter zeigen, dass es kaum Chancen gibt, solche Defizite später auszugleichen“, sagt Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

In Deutschland gehören 14 Prozent der 2012 bei der internationalen Schülerleistungsstudie Pisa getesteten 15-Jährigen beim Lesen zu dieser „Risikogruppe“. In Mathematik sind es 18 Prozent, in den Naturwissenschaften zwölf Prozent. Und neun Prozent der getesteten Schüler waren in allen drei Bereichen schwach.

Wie vielen Ländern ist es Deutschland seit 2003 gelungen, diese Gruppe, die Aufgaben bestenfalls auf der ersten von sechs Kompetenzstufen lösen kann, zu verkleinern – beim Lesen um acht Prozentpunkte, in Mathematik um vier Prozentpunkte. Weil aber weiterhin weltweit „viel zu viele Schüler im Teufelskreis schwacher Leistungen und Demotivation gefangen sind“, haben sich die Pisa-Forscher die Risikogruppe in einer am Mittwoch veröffentlichten Sonderauswertung von Pisa 2012 genauer angesehen.

Welche Faktoren sind für schwache Leistungen verantwortlich?

Die OECD warnt dabei auch vor volkswirtschaftlichen Folgen: Wenn einem größeren Teil der Bevölkerung – in Deutschland immerhin 140 000 Mathe-Risikoschüler – „grundlegende Kompetenzen fehlen, ist das langfristige Wirtschaftswachstum eines Landes gefährdet“.

Welche Faktoren – abgesehen von der individuellen Begabung der Schüler – sind für schwache Leistungen verantwortlich? Und unter welchen Bedingungen können mehr Schüler bessere Leistungen bringen? Die Ergebnisse präsentierte Schleicher per Videokonferenz in Berlin.

Geringes Einkommen, Mädchen, Migrationshintergrund

Der zentrale Befund: Für schwache Schulleistungen gebe es nicht eine Ursache, sondern „eine Akkumulation verschiedener Hürden und Benachteiligungen“. Ausschlaggebend sei vielfach ein niedriger sozio-ökonomischer Status. Jugendliche aus armen Verhältnissen haben in Deutschland ein vier Mal so hohes Risiko, nur die unterste Kompetenzstufe zu erreichen, als Jugendliche aus wohlhabenden Familien. So sind 31 Prozent der Benachteiligten schwach in Mathe, aber nur sechs Prozent der wohlhabenderen. Das ist aber keineswegs weltweit so, betont Schleicher. Den Niederlanden, Kroatien oder Korea gelinge es weit besser, soziale Unterschiede auszugleichen. Ein Beispiel aus Asien: Die zehn Prozent der sozial schwächsten Schüler in Shanghai und China erbringen bessere Leistungen als die 25 Prozent wohlhabendsten Schüler in Deutschland.

Zu den Faktoren, die sich in Deutschland noch immer stärker auswirken, gehört das Geschlecht. Weiterhin haben Mädchen ein höheres Risiko, in Mathe zu scheitern – und Jungen beim Lesen. Ein Migrationshintergrund wirkt sich in vielen Ländern negativ auf die Schulleistungen aus, in Deutschland verdreifacht sich das Risiko, auf der untersten Kompetenzstufe zu bleiben. „Rechnet man allerdings den sozialen Hintergrund der Eltern heraus, gibt es keinen signifikanten Unterschied mehr“, betont Schleicher.

Früh in die Kita, um Nachteile auszugleichen

Die Wahrscheinlichkeit schwacher Leistungen steigt auch für Kinder, die nur ein Jahr oder kürzer eine Kita besucht haben. Frühkindliche Bildung ist der Studie zufolge – neben individueller Förderung aller Schüler – das wichtigste Instrument, um soziale Nachteile auszugleichen.

Asiatische Schüler glauben, dass Anstrengung zum Erfolg führt

Die Bildungsforscher haben die Schüler auch zu ihrer Leistungsbereitschaft und zu ihren Einstellungen befragt. So halten es die schwächeren Schüler in Deutschland für „eine Frage der Begabung“, ob man gut in Mathematik ist oder nicht. Ganz anders in Asien: Hier glaubten Schüler durchweg, eigene Anstrengung und die Unterstützung durch Lehrkräfte führten zum Erfolg. Dazu passt, das schwache Schüler in Deutschland mit 3,7 Stunden pro Woche weniger Zeit für ihre Hausaufgaben aufwenden als leistungsstarke (4,8 Stunden) – und häufiger die Schule schwänzen. Es liegt aber auch an den Schulen: Herrscht Lehrermangel und fehlen kreative Angebote jenseits der klassischen Curricula, wächst die Risikogruppe.

Die deutsche Reformdynamik stagniert

Bei alledem würdigt Schleicher, dass in Deutschland nach dem Pisa-Schock von 2001 „viel in Gang gekommen ist“: die frühkindliche Bildung, die Diagnostik von Lerndefiziten, die individuelle Förderung schwacher und starker Schüler und die Ganztagsschulen. In der Folge habe sich der Leistungsabstand vor allem bei den Migranten mehr und mehr verringert.

Allerdings hat sich die Reformdynamik seit 2006 abgeschwächt, zwischen Pisa 2009 und 2012 gab es nur noch kleine Verbesserungen. Andere Länder wie etwa Polen und Singapur hätten dagegen gezeigt, dass Sprünge weiterhin möglich sind, sagt Schleicher. Was tun? Hilfen für die schwachen Schüler müssten ganz oben auf der Agenda der Bildungspolitik stehen, fordert die OECD – und entsprechend finanziert werden. So sollten Schulen mit großen Risikogruppen gezielt unterstützt werden. Pisa-Koordinator Schleicher empfiehlt außerdem, „die besten Köpfe“ für den Lehrerberuf zu gewinnen.

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