Rita Schober : Klemperers Erbin

Literatur hat sie immer als Spiegel und Seismograph der Gesellschaft interessiert. Als "rote Rita" bekannt reiste sie zu DDR-Zeiten zu Konferenzen und Gastvorlesungen ins Ausland, auch in den Westen. Zum 90. Geburtstag der Romanistin Rita Schober.

Sibylle Salewski

Als Kind wollte sie Lehrerin werden, am liebsten für Chemie und Mathematik. Doch in diesen Fächern waren die Aussichten schlecht, nach dem Studium auch eine Stelle zu erhalten. Also studierte sie Italienisch und Französisch an der Deutschen Universität in Prag. Ihr Studium musste sie selbst finanzieren, ihre Mutter war Schneiderin, der Vater Dekorateur. Nach dem Abschluss arbeitete sie tagsüber als Aushilfslehrkraft und schrieb abends ihre Doktorarbeit. Als diese im März 1945 fertig war, bot ihr Doktorvater ihr an, bei ihm weiterzuarbeiten. „Ich dachte, der Himmel geht auf“, erinnert sich Rita Schober. Noch immer spürt man die Entschlossenheit und Disziplin, mit der die große alte Dame der Romanistik der DDR ihr Leben gestaltet hat.

Anlässlich einer Hommage an der Humboldt-Universität zu ihrem 90. Geburtstag erinnert sich Rita Schober an ihren akademischen Lehrer Viktor Klemperer: „Seiner Förderung verdanke ich weitgehend meine ganze Laufbahn.“ Sie lernte ihn 1948 an der Universität in Halle kennen. 1951 nimmt er sie als Assistentin mit an die Humboldt-Universität in Berlin. „Dass ich einmal seine Nachfolgerin werden soll, stand bei ihm fest“, sagt Schober. 38 Jahre lang bleibt sie an der Humboldt-Universität. Sie gibt die einzige deutsche Gesamtausgabe von Emile Zolas Hauptwerk, „Die Rougon-Macquart“, heraus, wird Professorin und später Direktorin des Instituts für Romanische Philologie, Dekanin und Vorsitzende des Nationalkomitees für Literaturwissenschaft der DDR.

„Ich war davon überzeugt, dass die sozialistischen Versuche des vergangenen Jahrhunderts zu einer Welt beitragen könnten, in der alle Menschen in Frieden und sozialer Sicherheit leben“, sagt Rita Schober heute. Der Marxismus sei vor allem gescheitert, „weil er auf ein dogmatisches System reduziert worden ist“.

Literatur hat Schober immer als Spiegel und Seismograph der Gesellschaft interessiert, sagt sie. So hat sie als eine der Ersten vor fünf Jahren angefangen, sich wissenschaftlich mit dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq auseinanderzusetzen, bei dem sie Parallelen zu Emile Zola sieht. „Mich hat immer das interessiert, was umstritten war“, erklärt sie. Bis in die siebziger Jahre hinein hat Rita Schober jede Woche mehrere Nächte bis drei oder vier Uhr früh am Schreibtisch verbracht. Nur weil ihr Mann sie immer unterstützt hat, sei das überhaupt möglich gewesen, sagt sie: „Er hat sich über jeden Schritt, über jeden Erfolg von mir von Herzen gefreut. Ohne ihn hätte ich diese Laufbahn sicherlich nicht geschafft.“

Als „rote Rita“ bekannt reiste sie zu DDR-Zeiten zu Konferenzen und Gastvorlesungen ins Ausland, auch in den Westen. Ihr Aussehen erregte Aufmerksamkeit. „Mit golden glänzendem Kostüm und Schuhen erschien sie zu einer studentischen Theateraufführung“, erinnert sich ihr Schüler Wolfgang Klein, Professor an der Universität Osnabrück. „Manchmal hieß ich auch ,Die Bestangezogene’“, sagt Schober selbst. Man glaubt es ihr sofort: Mit ihrer großen Sonnenbrille und dem feinen Sommerschal übertrifft die schlanke, kerzengrade Neunzigjährige auch bei ihrem Besuch an der Humboldt-Universität alle Anwesenden an Eleganz. Sibylle Salewski

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