Schulbuch des Jahres : Schüler philosophieren zum Fall Snowden

Als Schulbuch des Jahres wurde ein Philosophiebuch ausgezeichnet. Zum Nachdenken angeregt werden die Schüler mit aktuellen Skandalfällen, etwa dem des Whistleblowers Edward Snowden.

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Menschen stehen vor dem Bundeskanzleramt und halten Schilder hoch, auf denen politisches Asyl für Edward Snowden gefordert wird.
Medienwirksam. Das "Philo"-Buch greift aktuelle gesellschaftliche Kontroversen auf. Im Bild eine Solidaritätskundgebung für den...Foto: Imago/Christian Ditsch

Unter welchen Umständen und in welcher Form ist es legitim, Widerstand gegen die Staatsgewalt zu leisten? Und wozu brauchen wir eigentlich einen Staat? Über diese Fragen sollen Oberstufenschüler im Einführungskurs Philosophie nachdenken. Auf das Thema eingestimmt werden sie im Schulbuch „Philo“ mit Fallbeispielen aus der vernetzten Welt.

Es geht um tunesische Blogger, um Erdogan - und um Snowden

Der Verlag hat die Beispiele für die Schüler auf einer Doppelseite in nachrichtlich formulierten Infohäppchen angerichtet. Da geht es um den tunesischen Volksaufstand von 2011, bei dem die Aufständischen ihre Aktionen über die sozialen Medien koordinierten. Zur Diskussion gestellt wird das Vorgehen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der den Kurznachrichtendienst Twitter sperren ließ, um darüber verbreitete Korruptionsvorwürfe zu unterdrücken. Und der Fall Edward Snowdens, der unter anderem bekannt machte, dass die US-amerikanische National Security Agency (NSA) das Privathandy von Angela Merkel abgehört hat.

Für diesen Ansatz wurde „Philo“ aus dem C.C. Buchner-Verlag jetzt zum „Schulbuch des Jahres“ gekürt. Verliehen wird die Auszeichnung vom Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Kooperation mit der Bundeszentrale für Politische Bildung. In der Kategorie „Sprachen“ geht der Schulbuchpreis an „Green Line Oberstufe“ aus dem Klett-Verlag, mit dem die Schüler ebenfalls durch aktuelle Themen wie Globalisierung, Migration und Diversität für das Englische begeistert werden sollen. „Green Line“ kommt wie „Philo“ in Nordrhein-Westfalen zum Einsatz, ist mit den dortigen Rahmenlehrplänen und den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) abgestimmt.

Vermittelt wird kreatives, problemorientiertes Denken

Den Sonderpreis für digitale Bildungsmedien erhielt das „mbook Geschichte“, in dem es um „Das lange 19. Jahrhundert“ geht. In dieser Publikation der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt helfen unter anderem Autoren-Videos und Links zu aktuellen Debatten beim historischen Lernen. Die besondere Stärke der drei ausgezeichneten Bücher bestehe darin, „dass sie zum kreativen, problemorientierten und fächerübergreifenden Denken anregen“, kommentiert Brunhild Kurth, Kultusministerin in Sachsen und KMK-Vizepräsidentin.

Im Fall Edward Snowdens könnten die jungen Nutzer des „Philo“-Buchs durchaus zu dem Schluss kommen, dass „Amerikas Staatsfeind Nr. 1“ legitimen Widerstand gegen die weltumspannende geheimdienstliche Überwachung geleistet hat. Im Kapitel „Staatsgewalt und Widerstandsrecht“ wird der Fall sachlich skizziert. Zu den Texten, mit denen sich die Schüler dann auseinandersetzen sollen, gehören Snowdens Rechtfertigungsschreiben an die Bundesregierung von 2014 ein Artikel aus einer Philosophie-Zeitschrift über den „Robin Hood der Informationsgesellschaft“.

Guttenberg und Hoeneß im Kapitel "Moral und Ethik"

Auch mit deutschen Skandalen der jüngeren Zeit sollen die Schüler zum Philosophieren gebracht werden. Im Kapitel „Moral und Ethik“ geht es etwa um den Plagiatsfall des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und die Steuerhinterziehung des Fußball-Funktionärs Uli Hoeneß. Doch das Buch bleibt nicht bei den medialen Großereignissen stehen. Zum Lese- und Diskussionsstoff gehören selbstverständlich die Klassiker der Philosophie wie Aristoteles, Kant oder John Stuart Mill und zeitgenössische Philosophen wie Jürgen Habermas oder Ottfried Höffe.

Am Ende eines jeden Kapitels gibt es dann noch einmal schülergerechte Häppchen – als „Wissen kompakt“. „Unter zivilem Ungehorsam“, heißt es da unter anderem, „versteht man einen symbolischen, gewaltfreien Verstoß gegen eine rechtliche Norm, der aus Gewissensgründen vollzogen wird und auf die Beseitigung einer Unrechtssituation zielt“.

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