Semesterstart in Berlin : Zeig’ mir die Uni

Das Semester startet: Die Berliner Unis wollen ihren Studienanfängern den Einstieg so leicht wie möglich machen. Viele Erstis wollen an die Hand genommen werden - andere freuen sich, "bald mal was zu besetzen".

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Engagiert. Vor der TU Berlin werden zu Semesterbeginn schicke rote Beutel mit Infomaterial verteilt. Die TU allein begrüßt mehr als 7000 Studienanfänger.
Engagiert. Vor der TU Berlin werden zu Semesterbeginn schicke rote Beutel mit Infomaterial verteilt. Die TU allein begrüßt mehr...Foto: Thilo Rückeis/Tsp

Suchende Blicke huschen über den Platz. Es wird gestikuliert, auf Handys geschaut, es werden Pläne aufgefaltet und Zigaretten gedreht. In einer Ecke des Platzes garen Würsten und Steaks in großen Grilltonnen und ihre Dunst- und Duftschwaden ziehen durch die kühle Oktoberluft. Die jungen Leute, alle Erstsemester an der Technischen Universität (TU), stehen in kleinen Gruppen zusammen, gucken leicht nervös und versuchen sich zu orientieren. Zwischen zwei- und dreitausend kommen jährlich zum Erstsemestertag kurz vor dem offiziellen Unibeginn am heutigen Montag, heißt es bei der TU-Pressestelle. Insgesamt starten mehr als 7000 dieses Wintersemester, sagt Sprecherin Stefanie Terp.

Dieser Start soll vor allem eines sein: angenehm. Die TU gibt sich sichtlich Mühe, die neuen Studierenden willkommen zu heißen. Vor dem Hauptgebäude gibt es einen Streetfood-Markt und es werden schicke rote Beutel verteilt. Im Audimax wird den jungen Leuten erklärt, wie sie sich für Kurse anmelden, im Foyer stehen zahlreiche Infostände.

Currywurst und Streetfood vor der TU Berlin

„Die Zeit an der Uni ist meiner Ansicht nach einer der wichtigsten Abschnitte im Leben“, sagt der TU-Präsident Christian Thomsen, als er zwischen den Erstsemestern auf dem Vorplatz des Hauptgebäudes nahe dem Ernst-Reuter-Platz steht. Das Studium an der TU sei sehr anspruchsvoll, da wolle man den Studierenden vor Semesterstart einen stressfreien Raum bieten, sich umzusehen, zu informieren und die Kommilitonen kennenzulernen. Wie ginge das besser als bei Kaffee, Currywurst von Curry 36, Pizza aus einem Lehmofen, oder mexikanischem, jamaikanischem und marokkanischem Essen von den Ständen.

Gleich neben dem Eingang steht Amal Zeghouane, schenkt Chai aus und rührt in ihrem Zwiebel-Chutney. „Tante aus Marokko“ heißt ihr kleiner Stand. Zwei junge Männer kommen an den Pavillon. „Sabah al khair, „sabah al noor“ – man begrüßt sich auf Arabisch. Ziemlich schnell wechseln die Männer und Amal Zeghouane aber wieder auf Deutsch.

„Sie hat einen ganz anderen Dialekt als wir, wir haben nichts verstanden“, sagt Sami Abu Saman, lacht und nippt an seinem heißen Chai. Er fängt dieses Semester an der TU ein Studium für Verkehrswesen an. Sein Freund, Dia Edien Al-Sayyed, startet mit Energie- und Prozesstechnik im Bachelor. Sie sind Palästinenser, Dia Edien Al-Sayyed hat bis vor zwei Jahren noch in der jordanischen Hauptstadt Amman gelebt. Gerade erst hat er die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang abgelegt und „kann jetzt endlich studieren“, wie er erzählt.

Die beiden sind etwas nervös - was erwartet sie an der Uni?

Die beiden sind etwas nervös, das geben sie zu. Sie wissen nicht genau, was sie an der Uni erwartet. Sie haben sich im Vorfeld schon bei Freunden erkundigt, wollen jetzt aber noch mehr Informationen und sind darum zum Erstsemestertag gekommen.

Genauso wie Xavier Trujillo. Er wollte eigentlich Mathematik studieren, „aber ich habe gehört, das sei sehr schwer, darum mache ich jetzt erst mal ein paar Kurse in den MINT-Fächern und entscheide mich dann“, sagt er, und steckt sich ein Stück Hähnchen mit Reis von dem jamaikanischen Essensstand in den Mund. MINT, das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Ein Jahr lang kann der 19-jährige Berliner im TU-Programm „MINTgrün“ Kurse aus all diesen Gebieten besuchen und sich dann auf ein spezielles Fach festlegen. Das sei genau die Art von Freiheit, auf die er sich nach der Schule gefreut habe. „Ich hoffe nur, ich kann mich dann wirklich auch gut selbst organisieren“, sagt er.

Das ist die Sorge von vielen Studienanfängern. Sie kommen aus der Schule, wo der Zeitplan strikt vorgegeben ist und man sich meist nicht aussuchen kann, welche Kurse man besucht. Plötzlich müssen sich die Neulinge ihren Stundenplan selber zusammenstellen und selbst entscheiden, wann sie zu welcher Prüfung antreten. „Die meisten wollen, dass wir ihnen sagen, was sie jetzt genau machen sollen“, sagt Studienberaterin Katharina Kube. Sie teilt dann Broschüren aus, verweist an die Fakultäten und macht den Studierenden klar, dass sie nun, bis zu einem gewissen Grad, selbst bestimmen können, wie sie ihr Studium gestalten.

Viele haben Probleme, eine Wohnung zu finden

Nicht nur die Studienberatung ist am Erstsemestertag an der TU mit mehreren Ständen vertreten, auch das Studierendenwerk präsentiert sich den zukünftigen Akademikerinnen und Akademikern. Hier dominieren ganz klar zwei Themen, sagt eine Beraterin: „Wo kann ich wohnen und wie kann ich das finanzieren.“ Die Wohnungssituation in Berlin sei schlimm für Studenten und die Wohnheime schnell voll.

„Viele Studierende haben zum Semesterstart noch keine Wohnung gefunden und schlafen etwa bei Freunden auf der Couch, wir hören solche Geschichten immer wieder“, erzählt Kai Padberg, Asta-Referent an der Freien Universität (FU). Das ist auch Thema bei den Studierenden in der U3 auf dem Weg zu den Orientierungstagen nach Dahlem. Zwischenmiete, WG-Castings, Frage nach Umzugshelfern. Damit müssen sich die Erstis rumschlagen, bevor die ersten Vorlesungen starten. Trotzdem überwiegt meist die Vorfreude auf das Studium. Ein junger Mann freut sich besonders darauf, „bald mal was zu besetzen“.

Ariane und Rabea wollen vor allem neue Leute kennenlernen. Ariane studiert Chemie, Rabea Philosophie. „Ich will auch endlich wieder einen geregelten Tagesablauf“, sagt Rabea. Sie hat gerade Abitur gemacht. Entspannen im Sommer sei schön gewesen, jetzt will sie wieder etwas Produktives machen, sagt sie, als sie mit den anderen Erstsemestern aus dem Audimax im Henry-Ford-Bau strömt, gut versorgt mit Flyern und Info-Heften, die auf dem Campus verteilt wurden. Von einer dicken Wegweiser-Broschüre der FU bis zu Werbung für Studentenjobs und diverse Semesterauftakt-Partys.

Auch Kai Padberg verteilt im Foyer des Henry-Ford-Baus fleißig Flyer und Infos, unter anderem einen offenen Brief des Asta an die neuen Studenten. „Verehrte Erstsemester“, beginnt das Schreiben, es folgt der Glückwunsch zur Aufnahme, aber schnell kommen die Mitglieder des Studierendenausschusses zu ernsteren Themen: Das Studium sei nicht bloß da, um Leistung zu erbringen, Autorität müsse in Frage gestellt werden, Studierende sollen Kurse aktiv mitgestalten. Der Asta übt viel Kritik an der FU, prangert eine „Neoliberalisierung der Hochschule“ und einen Schwenk von „Bildung“ hin zu „Ausbildung“ an. „Studiert, um was zu verändern“, so endet der Brief.

Viele Erstsemester kommen mit ihren Eltern

Auch Sigrid Wachsmuth-Melm hat gemerkt, wie sich die Uni seit ihrem Abschluss 1985 verändert hat. Seit zwölf Jahren betreibt sie den Unishop in der Rost- und Silberlaube. Die Studierenden seien unselbstständiger geworden, sagt sie. „Viele Erstsemester kommen jetzt mit ihren Eltern und lassen sich von denen die Uni zeigen“, sagt sie, und oft kaufen ihnen dann die Eltern auch einen Kapuzenpulli oder einen Rucksack mit FU-Logo. „Wir hätten so was früher nie getragen, aber heute sind die Produkte sehr beliebt“, erzählt Wachsmuth-Melm.

Während der Asta der FU einen Brief schreibt, um die Studierenden zur Systemkritik zu animieren, versucht eine Gruppe junger Leute nahe der TU am Ernst-Reuter-Platz, die Uni-Neulinge auf andere Weise zu inspirieren. Sie drücken den Erstsemestern ein schwarzes, dickes Buch in die Hand. Einige stecken es in die roten TU-Beutel zu dem anderen Infomaterial. Es ist eine Ausgabe des Neuen Testaments.

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