Serie: Gender in der Forschung (3) : Lernen, wie man Grenzen zieht

Sexualität und sexualisierte Gewalt in Kita und Schule: Die meisten Pädagogen sind darauf nicht vorbereitet.

Heinz-Jürgen Voß
Übergriffig? An Schulen mit einem sexualpädagogischen Konzept haben Täter es schwerer. Sexuelle Grenzverletzungen beginnen aber nicht erst bei sexualisierter Gewalt. Homosexuelle zu diskriminieren ist ebenfalls grenzüberschreitend.
Übergriffig? An Schulen mit einem sexualpädagogischen Konzept haben Täter es schwerer. Sexuelle Grenzverletzungen beginnen aber...Foto: picture alliance / dpa

Schon der Titel „Angewandte Sexualwissenschaft“ des einzigen deutschsprachigen sexualwissenschaftlichen Studiengangs führt zu Fragen bei Interessierten: Warum angewandt? – Der Anwendungscharakter ist wichtig. Er zielt darauf, dass bei uns in Merseburg nicht einfach Theorie gelehrt wird. Ich schätze Theorie zwar sehr, wie aus meinen Publikationen ersichtlich wird. Aber in Merseburg geht es darum, Studierende und PraktikerInnen aus verschiedenen Berufsfeldern und Einrichtungen – Justizvollzugsanstalten, Jugendämtern, Schulen, Kindergärten, Aufklärungsprojekten etc. – für den Umgang mit geschlechtlichen und sexuellen Fragestellungen in der professionellen Arbeit fit zu machen.

Unbemerkt oder bagatellisierte Gewalt an Schulen

Wie wichtig dies ist, wurde zuletzt durch die Aufdeckung von über Jahre unbemerkt gebliebener beziehungsweise bagatellisierter sexualisierter Gewalt an Schulen deutlich. In den entsprechenden Einrichtungen gab es all das nicht, was sexualwissenschaftlich als wichtig betrachtet wird, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen. Es fehlten ein sexualpädagogisches Konzept (unter anderem zum Umgang mit Körperkontakt), ein Präventionskonzept, eine Analyse von Strukturen und Hierarchien, ein professionelles Fehlermanagement und ein Kommunikations- und Beschwerdekonzept. Klare Strukturen und flache Hierarchien, die Kommunikation ermöglichen, sind wichtig für Prävention.

Fachkräfte müssen ihre eigenen Selbstverständlichkeiten reflektieren

Besonders bedeutsam ist es, dass etwa Beschwerdekonzepte gerade von Kindern und Jugendlichen verstanden werden. Sie müssen wissen, dass sie Fragen stellen und Kritik üben können und dass sie ernst genommen werden. Strukturen und Konzepte müssen transparent und verständlich sein, sie müssen die gesamte Einrichtungskultur betreffen und die Haltung der Mitarbeitenden.

Bezüglich Geschlecht und Sexualität geht es auch um die Normen der Mitarbeitenden. Erst wenn Fachkräfte ihre eigenen Selbstverständlichkeiten reflektieren, lernen sie, wo diese auch grenzüberschreitend sein können. Durch Reflexion kommen sie zu einer professionellen Haltung, die die Grenzen von Kindern und Jugendlichen achtet, also unter anderem ihre Geschlechtsidentität respektiert. Und sie lernen, professionell und auf der Höhe der Zeit mit den Umgangsweisen und den Fragen der Kinder und Jugendlichen umzugehen – und gegebenenfalls adäquat zu intervenieren.

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