Serie: Gender in der Forschung (4) : Riskante Ideale von Männlichkeit

Junge Migranten treten als Machos auf, obwohl sie das beim Aufstieg behindert. Anerkennung finden sie nach eigenen, traditionell geprägten Regeln.

Ahmet Toprak
Mackerhaft. Wer sozial aufsteigt, entfernt sich von seinem Herkunftsmilieu. Junge Migranten spüren das besonders, da sie sich zusätzlich von ihrer Herkunftskultur entfernen. Ehre und Männlichkeit sind Konstruktionen, die das Selbstwertgefühl stabilisieren.
Mackerhaft. Wer sozial aufsteigt, entfernt sich von seinem Herkunftsmilieu. Junge Migranten spüren das besonders, da sie sich...Foto: picture alliance / dpa

Feindbild Islam: Die sozialen Ursachen für die Probleme von jungen Muslimen werden oft ausgeblendet. Wenn in der Öffentlichkeit von Jungen oder jungen Männern mit Migrationshintergrund gesprochen wird, werden diese oft als „kleine Machos“ oder „kleine Prinzen“ beschrieben. Es heißt, sie würden in der Familie nicht nur verwöhnt, sondern auch zu Frauenwächtern erzogen. Bei der Suche nach Gründen dafür wird von vielen Medien und der Mehrheitsgesellschaft oft die Religion – in der Regel der Islam – oder die kulturelle Herkunft herangezogen, die die Unterdrückung der Frau religiös legitimierten.

Durch Zuschreibungen wird ein Feindbild geschaffen

Durch solche Zuschreibungen wird ein Feindbild geschaffen, das als Bedrohung für die eigene Kultur, die Emanzipation und überwunden geglaubte Geschlechterungerechtigkeit empfunden wird. Während Teile der Politik und Medien sich bislang wenig trauten, Kritik am Islam, Muslimen oder Migranten zu artikulieren, weil sie nicht der Ausländerfeindlichkeit bezichtigt werden wollten, hat sich das Bild gewandelt, nachdem – zuletzt verursacht durch Akif Pirincci mit dem Buch „Deutschland von Sinnen: der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Einwanderer“ – eine Diskussion über Zwangsheirat, Gewalt und „Ehrenmorde“ – verursacht von Migrantinnen und Migranten selbst – in Gang gekommen ist.

Jugendliche, die nicht in das Raster passen, werden nicht wahrgenommen

Die Debatte wirkt oft pauschalisierend, weil sie den Islam als rückständige Religion betrachtet, die per se nicht gendersensibel sein kann, oder weil sie die Kultur als Ursache für die Unterdrückung der Frau annimmt. Die konkreten Lebens- und Sozialisationsbedingungen der MigrantInnen werden dabei ebenso wenig berücksichtigt wie ihre wirtschaftlichen, sozialen und Bildungsressourcen. Der öffentliche Tenor geht in eine fatale Richtung: Über die Etikettierung Islam wird eine Stigmatisierung und Segregation vorgenommen, die letztlich die angeblich erwünschte Partizipation der „Muslime“ erschwert . Die Jungen und jungen Männer, die nicht in dieses Raster passen, werden nicht wahrgenommen. Vor allem wird übersehen, dass die etwa vier Millionen starke muslimische Bevölkerung in Deutschland in sich alles andere als homogen und ihre Auslegung des Islam uneinheitlich ist.

Traditionelle Geschlechterrollen finden bei manchen wieder Gefallen

Für eine treffende Analyse der Lebensbedingungen arabisch- oder türkeistämmiger Jungen sowie für die tatsächliche Relevanz religiöser Einflüsse auf sie, muss das monokausale Raster vom „muslimischen Jugendlichen“ beiseitegelegt werden. Religion ist nur ein Aspekt im Ensemble der Einflüsse, unter denen diese Jugendlichen stehen. Allerdings soll ebenfalls das Ausmaß der Re-Islamisierung nicht verharmlost werden, insbesondere bei der dritten türkeistämmigen und arabischen Generation, wenn deren soziale Partizipation in die hiesige Gesellschaft nicht erfolgreich ist – zumal diese Jugendlichen die traditionellen Geschlechterrollen wieder attraktiv finden.

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