Serie: Gender in der Forschung (7) : Anders zu sein war immer normal

Handelnde und leidende Menschen: Warum Geschlechtergeschichten in den Geschichtsunterricht gehören.

Martin Lücke
Politisches Bewusstsein schaffen. Auch Geschlecht hat eine Geschichte. Für Schülerinnen und Schüler ist das eine überraschende Einsicht. In Kleingruppen können sie im Geschichtsunterricht die Chronologie von Ereignissen erarbeiten: vom Wahlrecht für Frauen bis zum Inzesturteil des Bundesverfassungsgerichts.
Politisches Bewusstsein schaffen. Auch Geschlecht hat eine Geschichte. Für Schülerinnen und Schüler ist das eine überraschende...Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Gender – auch ein Thema für den Geschichtsunterricht? Als die Länder Berlin und Brandenburg im vergangenen Jahr ihren Entwurf für einen neuen Rahmenlehrplan Geschichte zur Diskussion stellten, war der Widerstand groß, auch gegen die ausdrückliche Verankerung des Themas Gender im Geschichtsunterricht. In einer lauten Kampagne, an der sich neben dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands auch die Berliner CDU beteiligte, warnte der Landesfachausschuss Bildung der Partei, die neuen curricularen Vorgaben setzten „willkürliche politische Festlegungen (Beispiel im Fach Geschichte: Längsschnitt Geschlechteridentitäten)“, dies widerspräche dem „Aufbau eines soliden, strukturierten (vertieften) Wissens“ im Unterrichtsfach Geschichte. Gender im Geschichtsunterricht also als politische Willkür und als Gefahr für die solide historische Bildung junger Menschen?

Frauengeschichte wird immer noch mit Geschlechtergeschichte gleichgesetzt

Immerhin: Die Vergangenheit ist geradezu bevölkert von Geschichten über Geschlechterverhältnisse und über geschlechtliche Vielfalt – der Geschichtsunterricht hat diese Geschichten bisher jedoch kaum entdeckt. Wenn überhaupt, dann wird Schülerinnen und Schülern vielleicht vom Kampf um das Frauenwahlrecht im 19. und 20. Jahrhundert berichtet, hier und da geht es um Hexenverbrennungen in Mittelalter und Früher Neuzeit. Ohne Frage wichtige Themen, aber meist ‚nur‘ reine Frauengeschichte, die fast immer noch selbstredend mit Geschlechtergeschichte gleichgesetzt wird.

Aber selbst gegen eine solche additive Frauengeschichte, die die Geschichten einzelner Frauen einfach nur zur konventionellen Geschichtserzählung hinzufügt (ein Ansatz übrigens, der in der fachhistorischen Forschung spätestens seit den 1990er Jahren als altmodisch gilt), regt sich offenbar Widerstand. Hier lohnt sich ein Blick auf den Entwurf sogenannter „nationaler Bildungsstandards“ des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, den der Verband auf dem Historikertag in Berlin im Herbst 2010 präsentiert hat.

Als einzige Frau findet Sophie Scholl Erwähnung

So tauchen als handelnde Akteure im Entwurf ausschließlich Männer auf (von Homer bis Wolf Biermann), nur Sophie Scholl findet als einzige Frau Erwähnung. Ihr wird jedoch sogleich der große Bruder Hans an die Seite gestellt – additive Frauengeschichte also auf Minimalniveau. Exemplarisch könne jedoch, so dieser Verbandsentwurf, am Thema „Frauen, Juden, Protestanten“ zu Menschen- und Bürgerrechten historisch gelernt werden. Während hier also Frauen explizit in die Sphäre des nur Additiven gedrängt werden, erscheinen Männer selbstredend als personalisierte Akteure der Geschichte. Hier wird Geschichte als reine „his-story“ geschrieben, ohne diesen Umstand überhaupt zu problematisieren. Andere Erzählungen – etwa über sexuelle Emanzipationsbewegungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, über Transvestismus, Intersexualität oder die ersten medizinischen Operationen zur Geschlechtsumwandlung, also all das, was über die Vielfalt von Geschlecht in der Geschichte bekannt ist, ist aus dem Kanon historischen Wissens in der Schule verbannt. Ob dahinter eine bewusste Strategie steckt oder eher Unwissen – das freilich ist schwer zu sagen.

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