Sportforschung : Fairness und Verschiedenheit

An der Stiftungsprofessur „Paralympischer Sport“ in Köln wird zur Inklusion im Sport geforscht und gelehrt. Die Palette geht vom „Boosting“ im Leistungssport bis zu Berührungsängsten in den Turnhallen der Schulen.

von
Rasant Richtung Ziel: Der Australier Toby Kane beim Slalom-Wettbewerb der Paralympischen Winterspiele in Sochi 2014.
Rasant Richtung Ziel. Der Australier Toby Kane beim Slalom-Wettbewerb der Paralympischen Winterspiele in Sochi 2014.Foto: Imago

Mit mehr als 5000 Studenten ist die Deutsche Sporthochschule in Köln europaweit die größte ihrer Art. Auch in Sachen Sport von Menschen mit Behinderung gibt es eine lange Tradition. In diesem Sommer ist noch einmal richtig Wind in die Segel gekommen: Die Stiftungsprofessur „Paralympischer Sport“ ist an den Start gegangen, initiiert vom Deutschen Behindertensportverband und teilfinanziert von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. „Die Facette Sport für Menschen mit Behinderung gehört bei einem so großen Studienangebot einfach dazu“, findet Stiftungsprofessor Thomas Abel.

Er ist für die Aufgabe prädestiniert. Abel ist Sportwissenschaftler, hat aber auch Förderpädagogik studiert. Nun unterrichtet er Lehramtsstudenten im Fach „Teilhabe und Schulsport“. „Wir brauchen hier dringend Fachkompetenz für heterogene Zielgruppen“, sagt er voller Überzeugung. Ein anderes Lehrangebot, für Bachelorstudenten im Studiengang „Sport und Gesundheit in Prävention und Therapie“, beinhaltet Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung auf dem Feld des Sports.

Eines der Forschungsthemen, die die Arbeitsgruppe im Rahmen der neuen Stiftungsprofessur in Angriff nehmen wird, ist die Ernährung von Athleten mit körperlichem Handicap. Sportler, die im Rollstuhl Rugby oder Basketball spielen, haben eine geringere Muskelmasse als Spieler, die sich auf ihren eigenen Beinen auf dem Spielfeld bewegen. „Ihre Energiezufuhr muss insgesamt geringer sein, umso mehr müssen sie allerdings auf deren Qualität achten, damit sie alle Substrate in ausreichender Menge bekommen.“ Die Beratung muss wissenschaftlich fundiert sein.

Doping ist auch im paralympischen Leistungssport ein Thema

Ein weiterer Bereich sind Untersuchungen zu optimalen Trainingsprogrammen, zur Bereitstellung von Energie und zu Wettkampfsprognosen, etwa im laufenden „Projekt Radsport“. Die Grundlage bilden hier leistungsphysiologische Messungen im Labor. Der nächste Forschungssektor der Sporthochschule mag auf den ersten Blick verwundern: Doping im paralympischen Leistungssport. Ein heikles, aber ausgesprochen relevantes Gebiet, wie Abel versichert. Denn viele behinderte Sportler nehmen Medikamente. Doch wo verläuft die Grenze? Etwa wenn ein Sportler Medikamente, die er ohnehin nehmen muss, höher als nötig dosiert, um seine Leistung zu steigern? Oder wenn er die Leerung seiner Blase hinauszögert, sich vielleicht sogar absichtlich einen Zeh bricht oder einen Hoden einquetscht, um auf diese Art Blutdruck und Herzfrequenz zu steigern? Zu diesem „Boosting“, das wegen der Lähmung keine Schmerzen verursacht, aber trotzdem der Gesundheit schadet, existiert noch wenig Forschung. Auch zu guten Testverfahren fehlt sie weitgehend.

Leistungssportler sind an der Deutschen Sporthochschule Köln jedoch nicht nur Gegenstand der Forschung. Sie können auch helfen, bei den Studierenden Berührungsängste abzubauen. So ist Deutschlands erfolgreichste paralympische Schwimmerin, die Goldmedaillen-Gewinnerin Kirsten Bruhn aus Berlin, schon mehrmals mit Studierenden zusammen ins Wasser gegangen. Hat ihnen ihre Techniken gezeigt und mit ihnen über Herausforderungen des paralympischen Sports gesprochen.

Liebend gern möchte Abel auch mehr junge Leute dafür gewinnen, mit einer körperlichen Behinderung ein Sportstudium aufzunehmen. Bei den Aufnahmeprüfungen wird genau unterschieden und in Gutachten festgehalten, aus welchen Gründen eine Leistung vielleicht den Testanforderungen nicht genügt. Ob das der Behinderung geschuldet ist und deshalb kein Defizit im Sinne des Tests darstellt oder ob es eher an mangelndem Training liegt. „Auch Bewerber mit einer Behinderung können durch die Aufnahmeprüfung fallen“, sagt Abel. Ein Zeichen von Normalität.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben