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Stimmen zum Fall Schavan : „Rufmord“ an der Pädagogik

31.01.2013 13:03 Uhr
Zurück im Hörsaal. Bundesbildungsministerin Annette Schavan 2011 an der Universität Münster.Bild vergrößern
Zurück im Hörsaal. Bundesbildungsministerin Annette Schavan 2011 an der Universität Münster. - Foto: dapd

In der Debatte um die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Schavan ist der Eindruck entstanden, ungenaues Zitieren sei in den 70er und 80er Jahren in der Erziehungswissenschaft üblich gewesen. Dagegen wehren sich Fachvertreter in einer Umfrage.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kämpft um ihren Doktorgrad. Die Universität Düsseldorf untersucht ihre 1980 veröffentlichte erziehungswissenschaftliche Dissertation zum Thema „Person und Gewissen“ auf Plagiate. Schavan kritisiert das Verfahren der Uni, weil daran keine externen Erziehungswissenschaftler beteiligt sind. Damit insinuiert Schavan, in der Erziehungswissenschaft hätten zur Zeit ihrer Promotion eigene Zitierstandards gegolten, so dass ihre Arbeit nur von Pädagogen angemessen beurteilt werden kann.

Mehrere Professoren, auch Erziehungswissenschaftler, haben Schavan diesbezüglich in den Medien unterstützt. In der Öffentlichkeit ist so der Eindruck vermittelt worden, an Schavans Arbeit könnten im Plagiatsverfahren Maßstäbe angelegt werden, die nicht den Maßstäben der Fachkultur zur damaligen Zeit entsprachen. Wir haben darum einige Erziehungswissenschaftler befragt: Waren die Zitierstandards in der Erziehungswissenschaft der siebziger Jahre tatsächlich anders als heute? Oder war Schavans Doktorvater nicht so streng, weil er von einer Pädagogischen Hochschule an die Uni gekommen war?

Hans Brügelmann, emeritierter Professor für Grundschulpädagogik und -didaktik der Universität Siegen, zuvor Uni Bremen:

„Das ist völlig absurd. Ich selbst bin 1975 promoviert worden, darum bin ich mir sicher: Die Zitierregeln in der Erziehungswissenschaft waren damals die gleichen wie heute auch und nicht anders als in anderen Fächern – und wir kannten sie schon von der Schule. Darum braucht man auch keine Erziehungswissenschaftler, um zu beurteilen, ob die Zitierregeln in einer Dissertation von 1980 eingehalten wurden oder nicht. Wie zitiert wurde, hing damals auch nicht vom Gattungstyp einer Dissertation ab, also davon, ob es eine empirische oder eine literaturbasierte Arbeit war. Die Regeln galten immer. Auch wenn es häufig passiert, dass jemand ein paar Mal beim Zitieren schludert.“

Hermann Giesecke, Erziehungswissenschaftler, Emeritus der Universität Göttingen und früherer Professor an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, die 1978 in die Uni integriert wurde:
„Die Maßstäbe für die Bewertung von Dissertationen unterliegen zeittypischen Verschiebungen. So hat sich die Erziehungswissenschaft seit den 70er Jahren deutlich verändert. Im Unterschied zur heute führenden empirisch orientierten Erziehungswissenschaft gehört Frau Schavan mit ihrer Dissertation wohl eher in die geisteswissenschaftliche Tradition der wissenschaftlichen Pädagogik. Diese berief sich nicht auf empirische Daten, sondern auf die Interpretation von Texten etwa der pädagogischen Klassiker. Auch hier ging es natürlich um exaktes Zitieren fremder Texte, aber weniger, um ,geistiges Eigentum’ zu schützen, als vor allem aus internen wissenschaftlichen Gründen: Wörtliche Zitate wurden oft zur Pointierung von Interpretationen benutzt und entsprechend ausgewählt. Dafür konnten kürzere Übernahmen ohne Quellennachweis bleiben, wenn klargestellt war, welcher fremde Text auf den nächsten Seiten bearbeitet wird. Generell muss eine wissenschaftliche Arbeit so angelegt sein, dass sie jederzeit überprüft werden kann. Dafür muss auch klar sein, wo die Quelle aufhört und der Text des Autors anfängt. Leitender Gesichtspunkt für die Bewertung ist aber die Konstruktion der gesamten Dissertation: Ist die Argumentation überzeugend aufgebaut und gegliedert und kommt am Schluss etwas heraus, was ,neu’ ist und dem ,Fortschritt des Faches’ dient? Und ist diese Leistung zweifelsfrei als eine des Autors oder der Autorin zu erkennen?“

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