Auch bei der Schreibschrift gibt es in Deutschland viele Varianten

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Streit um die Schreibschrift in der Schule : Schnörkellos ins Leben
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Tatsächlich gab es im Lauf der Jahrzehnte auch bei den verbundenen Schriften viele Varianten. In den 50er Jahren wurde die Lateinische Ausgangsschrift eingeführt. In den 70er Jahren wurde sie in den alten Bundesländern durch die weniger verschnörkelte Vereinfachte Ausgangsschrift ersetzt. In der DDR war kurz zuvor die Schulausgangsschrift entwickelt worden, die heute in Berlin und Brandenburg die maßgebliche Schreibschrift ist. Meist kommt sie in der zweiten Klasse zum Zug.

Foto: Südkurier

Unterstützer der bisherigen Vorgehensweise argumentieren, das Schreiben mit der verbundenen Schrift fördere Lernprozesse. Ursula Bredel, Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der Uni Hildesheim, etwa sagt: „Die Einheiten, an denen entlang sich das Schreiben orientieren sollte, sind ja nicht die Buchstaben, sondern Silben und Morpheme, kleinste bedeutungstragende Elemente.“ Sie in einem Zug zu schreiben, unterstütze also Lernprozesse, die letztlich auch der Rechtschreibung zugutekommen. „Denn Kopf und Hand arbeiten zusammen.“ Zwar sei es ein größerer Aufwand, zwei Schriften zu lernen, zuerst die gedruckte und dann die verbundene. „Scheut man diese Mühe aber, dann vergibt man wertvolle Chancen; denn die verbundene Schrift erlaubt es den Kindern, schreibmotorische Bewegungen auszuführen, die sprachlich bedeutsamen Einheiten entsprechen.“

Umfassende Studien sind nötig

Bevor in den Schulen neue Handschriften eingeführt würden, sei auf jeden Fall eine umfassende Studie zu den langfristigen Folgen nötig, sagt Bredel. „Bisher haben wir nur einen Flickenteppich an Einzelbeobachtungen, das reicht aber nicht, um die Lehrer mit Argumenten zu stärken.“ Auch die Schweizer Forscher wünschen sich eine Fortsetzung der eigenen Untersuchung bis in höhere Jahrgangsstufen hinein.

Etwas Aufschluss über den Einfluss der erlernten „Erstschrift“ auf zwei wichtige und gut objektivierbare Kriterien – Geschwindigkeit und Lesbarkeit – gibt eine Studie, deren Ergebnisse Florence Bara von der Uni Brest und Marie-France Morin von der Uni im kanadischen Sherbrooke 2013 veröffentlicht haben. Sie nutzten den Umstand, dass französische Kinder von Anfang an eine (recht verschnörkelte) Schreibschrift lernen, kanadische Kinder aber (auch im französischsprachigen Québec) zuerst die Druck- und dann die Schreibschrift beigebracht bekommen. 236 Viert- und Fünftklässler bekamen die Aufgabe, einen kurzen Text abzuschreiben. Die französischen Kinder schrieben eindeutig schöner, dafür aber langsamer. In der fünften Klasse hatten alle Kinder an Tempo zugelegt.

Fest steht nur: Mit der Hand schreiben ist besser als auf einer Tastatur

Wie die Analyse zeigte, bildeten sich bei vielen von ihnen schon ganz individuelle Schriften heraus. Die kanadischen Kinder nutzten für ihre ausgeschriebene Schrift zu diesem Zeitpunkt übrigens kaum Elemente der standardisierten verbundenen Schrift – die sie, wie die meisten deutschen Kinder heute, als zweite gelernt hatten. „Das wirft die Frage nach der Relevanz dieses zusätzlichen Lernstoffs in der Grundschule auf“, sagen die Autorinnen. Lernt man zuerst eine verbundene Schreibschrift, dann besteht dagegen wohl dauerhaft die Chance auf ein regelmäßigeres Schriftbild, wie eine zweite Studie von Bara und Morin nahelegt.

Etwas anderes zeichnet sich umso deutlicher ab: Dass es für das Lernen wichtig ist, überhaupt mit der Hand zu schreiben. Der Kognitionswissenschaftler Jean-Luc Velay (Marseille) und Marieke Longcamp (Toulouse) haben Kindergartenkinder Buchstaben auf dem Papier nachfahren oder auf einer Spezial-Tastatur tippen lassen. An die selbst geschriebenen Buchstaben erinnerten sie sich deutlich besser. Velay und Longcamp sprechen von der „plurimodalen Speicherung“ der Buchstaben im Gehirn und von „sensomotorischen Erinnerungen“. Sie konnten zeigen, dass es selbst bei Erwachsenen, die längst schreiben können, einen Unterschied macht, ob sie ein Zeichen aus einer ihnen fremden Schrift mit dem Stift auf ein Blatt Papier bannen oder ob sie es auf einer Tastatur eingeben. Jedenfalls, wenn es darum geht, die Schriftzeichen später auf einem Bildschirm zu identifizieren.

Die Hand hilft dem Kopf beim Merken, Schreiben ist gut fürs Lernen, so viel steht also fest. Ob ABC-Schützen dafür besser nur eine unverbundene oder auch eine standardisierte verbundene Schrift lernen sollten, darüber sind die Bücher dagegen noch nicht geschlossen.

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