Streit um islamische Theologie : Heiliger Hickhack

Münster bildet als erste deutsche Universität muslimische Theologen aus – doch es gibt Streit um Personen und Strukturen.

Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster
Umstritten. Der Koordinationsrat der Muslime wirft Mouhanad Khorchide, dem Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in...Foto: picture alliance / dpa

Sie sollten ein Zeichen setzen dafür, dass auch der Islam zu Deutschland gehört: Die Zentren für islamische Theologie sollten nach hiesigen akademischen Standards ausgebildete Theologen als Geistliche und Religionslehrer in die Moscheegemeinden und Schulen bringen. So plante es der Wissenschaftsrat vor vier Jahren in seinen Empfehlungen. Standorte sind nun Frankfurt am Main, Erlangen-Nürnberg, Tübingen und Münster/Osnabrück. Doch gerade am Zentrum für islamische Theologie Münster, dessen bisher einziger ordentlicher Professor Mouhanad Khorchide fast immer genannt wird, wenn es um diesen Aufbruch geht, lähmt ihn Krach um Strukturen und Personen.

Öffentliche Aufmerksamkeit hat vor allem der Streit zwischen Khorchide und dem Koordinationsrat der Muslime (KRM) bekommen, dem Zusammenschluss der vier großen deutschen Muslimverbände. Wesentlicher dürfte aber sein, dass jener Beirat nicht zustande kommt, der an allen Standorten das noch junge Fach begleiten soll, etwa bei Berufungen mitwirken, und der auch der Ort wäre, solche Konflikte zu klären. In Münster besteht der Beirat aus vier Mitgliedern, die die Universität und vieren, die die Muslime benennen. Er sollte sich 2013 konstituieren. Ende Dezember war von Anfang 2014 die Rede – woraus nun Anfang Februar werden dürfte. Noch fehle die Bestätigung für zwei Beiratsmitglieder, sagte der Sprecher der Universität, Norbert Robers, dem Tagesspiegel. Für sie hat die Universität das Vorschlagsrecht, sie müssen aber von der Landesregierung und den muslimischen Verbänden akzeptiert werden. „Sobald die Rektorin die Namen hat, wird sie die Beiräte zur konstituierenden Sitzung einladen.“

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Der Beirat war dazu gedacht, im Falle der an deutschen Universitäten neuen islamischen Theologie die Rolle zu übernehmen, die für die katholische und evangelische Theologie die Kirchen selbst haben. Sie wachen traditionell darüber, dass ihre Glaubensinhalte an den Fachbereichen nicht unter die Räder kommen. Professorinnen und Professoren brauchen eine kirchliche Lehrerlaubnis. Berühmt wurde der Fall Hans Küng, dem sie wegen Abweichungen zur offiziellen katholischen Lehre 1979 entzogen wurde. Die entsprechenden Verfahren und Vorrechte der Kirchen sind in Konkordaten festgelegt, Verträgen zwischen Kirchen und Staat. Für die Muslime war ein weniger starkes System vorgesehen.

Die Konstituierung des Münsteraner Beirats scheiterte zunächst an Einwänden des Verfassungsschutzes gegen ein von muslimischer Seite benanntes Mitglied. Auch eine weitere Nominierung fiel durch. Schließlich riss das Hin und Her um die Konstituierung auch ein Loch in die Riege der Mitglieder, die die Universität benannt hatte: Der Autor und Journalist Eren Güvercin zog sich zurück, genervt vom Hickhack um die Konstituierung, aber auch, wie er sagt, besorgt wegen einer zusehends feindseligeren Kommunikation zwischen der Universitätsleitung, Khorchide und den Verbänden, die er für die gute Sache als gefährlich ansah.

In der öffentlichen Debatte freilich erscheint die Geschichte der Anlaufprobleme mit einem neuen akademischen Organigramm mehr wie ein Krieg um den rechten muslimischen Glauben, als „Fall Khorchide“. Der 42-jährige österreichische Religionssoziologe ist seit Mitte 2010 Professor für islamische Religionspädagogik in Münster. Er wurde 2008 in Wien promoviert und hat in einer Wiener Gemeinde auch als Imam gewirkt. In Münster folgte er auf Sven Muhammad Kalisch, der ursprünglich für die akademische Lehrerausbildung vorgesehen war, dann aber eine für diese Aufgabe heikle Wende vollzog. Er bezweifelte zunächst, dass es den Propheten Mohammed überhaupt gegeben hat und sagte sich schließlich ganz vom Islam los.

Tatsächlich sind die Beziehungen zwischen den muslimischen Verbänden und Khorchide, der 2010 noch mit deren Zustimmung berufen wurde, seit einiger Zeit gespannt. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM), in dem die vier größten Verbände zusammengeschlossen sind, warf Khorchide in einem eigenen Gutachten methodische und inhaltliche Widersprüche und eine schlampige Übersetzung von Koransuren in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ vor und zog sogar seine Arabisch-Kenntnis in Zweifel. Die Zusammenarbeit mit ihm wurde aufgekündigt, das Verhältnis sei „zerrüttet und irreparabel beschädigt“.

Der herrschenden Lesart – hier der liberale Khorchide, dort konservative Verbände – hält Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, eine andere entgegen: „Der KRM kann durchaus auch mit abweichenden theologischen Positionen leben. Von ihm wird aber in erster Linie erwartet, dass er keine Ausbildung mitträgt, die unter seinen Mitgliedern theologisch umstritten ist und daher von den Verbänden und ihren Mitgliedern unter keinen Umständen akzeptiert werden kann“, sagt Mazyek, dessen Verband Teil des KRM ist. Dies sei auch „verfassungsmäßig verbrieftes Recht einer Religionsgemeinschaft“.

Für die betroffenen Studierenden wäre eine Ausbildung ohne das Ja der Verbände auch ein Arbeitsmarktproblem – schließlich wollen sie die Kinder muslimischer Eltern unterrichten und als Imame und Seelsorgerinnen in den Moscheegemeinden arbeiten. Die Münsteraner Fachschaft hat denn auch vor kurzem eine Erklärung veröffentlicht, in der sie von „wachsender Unsicherheit“ spricht. Den Studierenden sei „die Anerkennung ihrer Abschlüsse und das Vertrauen von der muslimischen Basis besonders wichtig“. „Weil der KRM die Interessen des überwiegenden Teils der Muslime vertritt, empfinden die Studierenden die Zusammenarbeit des Zentrums für Islamische Theologie mit den islamischen Religionsgemeinschaften als unerlässlich“, heißt es in der Erklärung der Fachschaft.

Die Universität sieht keine Schuld bei sich: „Wir stehen am Ende der Nahrungskette“, sagt Universitätssprecher Robers. Dass der Beirat noch nicht berufen sei, liege nicht an der Universität: Die Namen der beiden fehlenden Mitglieder „haben wir dem KRM gemeldet und bisher noch keine Rückmeldung“. Mazyek hält dagegen: Noch bevor man auf den Vorschlag der Universität habe reagieren können, habe die Rektorin Ursula Nelles schriftlich mitgeteilt, der von der Universität vorgeschlagene Kandidat stehe nicht mehr zur Verfügung. „Wir finden den Vorgang höchst verwunderlich.“

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