Studie des Aktionsrats Bildung : Ein "Moral-Pisa" für die Schule

Ein „Moral-Pisa“, mehr Charakterbildung und Freude am Lernen: Der Aktionsrat Bildung fordert, die Persönlichkeit von Schülern besser zu fördern. Die Wissenschaftler finden aber auch, in den Schulen habe sich schon viel getan.

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Berliner Schülerinnen und Schüler auf einer Demo.
Empört und engagiert. Berliner Schülerinnen und Schüler protestieren für ein Bleiberecht von Flüchtlingen. Bildungsforscher...Foto: picture alliance / dpa

Lesen, Naturwissenschaften, Mathematik – das sind die Bereiche, die in den großen Schulvergleichsstudien für gewöhnlich geprüft werden. Wertvorstellungen der Schüler oder soziale Fähigkeiten spielen dagegen keine Rolle. Wenn es nach dem „Aktionsrat Bildung“ geht, einem Expertengremium im Auftrag der bayrischen Wirtschaft, sollte sich das schleunigst ändern. Es müssten Testverfahren entwickelt werden, mit denen „zum Beispiel die moralische Urteilsfähigkeit und soziale Orientierungen“ von Schülern überprüft werden könnten, heißt es in einem Gutachten des Aktionsrats, das am Mittwoch veröffentlicht wurde. Sprich: Die in dem Rat versammelten Erziehungswissenschaftler wünschen sich eine Art „Moral-Pisa“.

Persönlichkeitsentwicklung kommt in der Schule zu kurz

 Dieses gehört zu einem umfangreichen Katalog an Maßnahmen, mit denen der Aktionsrat die Bildung jenseits des reinen Fachwissens in der Schule gestärkt sehen möchte. Denn für die Erziehungswissenschaftler – zu denen Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg, und Wilfried Bos, Leiter der Iglu- und Timss-Schulstudien gehören – kommt heutzutage die Persönlichkeitsentwicklung in der Schule zu kurz.

Eine „mehrdimensionale Bildung“ fordert die Studie daher: Dazu gehören musische Fähigkeiten genauso wie der Umgang mit Medien, interkulturelle und politische Kompetenzen, überhaupt die Vorbereitung auf das Leben. „Das Bildungssystem muss sich auf seinen erweiterten Auftrag einstellen“, sagt Lenzen, der dem Rat vorsitzt. Der Aktionsrat veröffentlicht jährlich Gutachten zum deutschen Bildungswesen (hier geht es zum vollständigen aktuellen Gutachten).

Was soll Schule vermitteln?

Was Schule vermitteln soll, wo ihre Grenzen sind: An der Frage scheiden sich regelmäßig die Geister. Kritiker unterstellen gerne, Schüler würden – auch wegen der vielen Vergleichsarbeiten – nur noch auf Leistung getrimmt. Schulen gerieten zu reinen Lernfabriken.

Ganz so pauschal ist die Kritik des Gutachtens nicht. Es lobt ganz im Gegenteil auch „große Fortschritte“ in der Unterrichtskultur. Von Faktenhuberei – à la „333, bei Issos Keilerei“ – sei die Schule inzwischen zurecht weit entfernt. Der Fachunterricht ziele dank der Kompetenzorientierung auf „mehr als kognitive Lernergebnisse ab“, heißt es. „Hier wollen wir kein Rollback. Im Bereich der Fachlichkeit hat sich viel getan, das ist gut so“, sagt Lenzen.

Experten vermissen Freude im Unterricht

Gleichwohl vermisse er oft eine Reflexionsebene, die darüber hinausgehe und etwa den naturwissenschaftlichen Fachunterricht in gesellschaftliche Zusammenhänge setze. Lenzen wünscht sich auch, Schule würde mehr Freude am Lernen vermitteln. „Nur selbstgesteuertes Lernen bringt etwas, niemand kann fremdgebildet werden.“ Bei der Förderung des Interesses an Lerninhalten habe die Schule in Deutschland aber einen „blinden Fleck“, heißt es in dem Gutachten. Dabei hätten Schulstudien die Bedeutung von Motivation für den Lernerfolg längst offen gelegt, was aber zu selten berücksichtigt werde. Lenzen regt hier an, Schüler mehr an der Auswahl des Unterrichtsstoffes zu beteiligen.

Wie kann eine umfassende Persönlichkeitsbildung über die Jahre gelingen? Das Gutachten gibt viele Empfehlungen, die aber weniger konkret als das „Moral-Pisa“ daherkommen. So soll bereits in der Kita ein „erweitertes Bildungs- und Erziehungsverständnis“ zugrunde gelegt werden. Wichtig sei es, die Eltern mit ins Boot zu holen. Bei ihnen müssten „falsche Vorstellungen über eine zu behütende Kindheit oder über Lernen als Vorverlegung von Unterricht überwunden werden“.

Kann die Ganztagsschule helfen?

In der Grundschule setzt die Studie vor allem auf Ganztagsschulen. Nicht nur könne dort der Unterricht mehr individualisiert und die Persönlichkeit von Kindern durch selbstständiges Lernen gestärkt werden. Außercurriculare Aktivitäten tragen ebenfalls dazu bei, Bildung ganzheitlich zu betrachten, heißt es. Schon in der Grundschule müssten Kinder zudem an den „reflektierten und effektiven Umgang mit neuen Medien herangeführt werden“.

Für die Sekundarstufe fordern die Autoren, „die anzustrebenden Bildungsdimensionen zu konkretisieren und in den Lehrplänen zu verankern“. Viel komme dabei auf die Ausbildung der Lehrkräfte an, die mit ihrer Persönlichkeit als Vorbilder fungierten, sagt Lenzen: „Sie müssen den Mut haben, Profil zu zeigen.“ Schulen sollten soziale und kulturelle Aktivitäten anbieten, Schüler sich in der Schulgemeinschaft engagieren können. Für die Hochschulen fordert der Aktionsrat unter anderem mehr interdisziplinäre Lehrveranstaltungen.

Moralvorstellungen abprüfen - wie das gehen könnte

Und wie könnten nun Moralvorstellungen in einer Schulstudie überprüft werden? Das sei natürlich schwierig, gibt Lenzen zu. Soziale Kompetenzen könne man erfragen, in dem man Schülerinnen und Schüler sich bei bestimmten Eigenschaften selbst einschätzen lasse. Zudem könne man ihnen moralische Dilemmata vorlegen und sie auffordern diese zu lösen: „Wie würdet ihr entscheiden?“ Dann, so hofft Lenzen, sei durchaus feststellbar, ob eine Person „überhaupt zu Reflexion in der Lage ist“.

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