Studien zur Krippenerziehung : Großer Stress für kleine Kinder?

Wie wirkt es sich aus, wenn Kinder zwischen ein und drei Jahren täglich außerhalb der Familie betreut werden? Ein Überblick über Studien zur Krippenerziehung anlässlich der Debatte über das Betreuungsgeld.

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Kindheitsmuster. Das Betreuungsgeld belebt die Diskussion über Stärken und Schwächen der Krippenversorgung.
Kindheitsmuster. Das Betreuungsgeld belebt die Diskussion über Stärken und Schwächen der Krippenversorgung.Foto: picture alliance / dpa

„Die frühzeitige Entwicklung des kindlichen Gehirns ist von Übel“, warnte der Kinderarzt Eduard Habenbach-Burckhardt 1899 in seinem Werk „Krippen und ihre hygienische Bedeutung“. Die Aufsichtsdamen in Kinderkrippen sollten sich also tunlichst nicht sofort um schreiende Babys kümmern oder gar Kleinkindern allzu viele Anregungen bieten.

Die Zeit ist über solche Anschauungen längst hinweggegangen, aus Entwicklungspsychologie und Hirnforschung wissen wir, dass Babys und Kleinkinder sensible Erwachsene brauchen, die feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen und dazu ein Umfeld, das reich an Anregungen ist. Die Bezugspersonen müssen den ganz Kleinen Zuwendung, Sicherheit, Stressreduktion, Unterstützung beim Entdecken und Assistenz bieten, so zählt Lieselotte Ahnert die Erfordernisse auf.

In diesen Punkten kann die Entwicklungspsychologin an der Universität Wien sich breiter gesellschaftlicher Zustimmung sicher sein. Doch wer sollen diese Bezugspersonen für Kinder unter drei Jahren sein? Dürfen außer den Eltern und den Großeltern auch Tagesmütter und Erzieherinnen von Kindertagesstätten Aufgaben übernehmen? Hier beginnt der Streit, der heftig entflammte, als Ursula von der Leyen, damals noch Familienministerin, 2007 verkündete, bis Mitte 2013 sollten nicht allein für alle Kinder über drei, sondern auch für die Ein- bis Dreijährigen Plätze in der außerfamiliären Betreuung verfügbar sein. In der Debatte um das Betreuungsgeld für Eltern, die einen solchen Platz nicht in Anspruch nehmen, flammt der Streit wieder auf.

Lieselotte Ahnert, von der 2010 das Sachbuch „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“ erschienen ist, findet, dass ein Blick auf das Leben unserer Vorfahren lohnend sein könnte: Exklusive mütterliche Betreuung war in Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften schon aus praktischen Gründen unrealistisch, dort wurden kleine Kinder zeitweise von anderen Mitgliedern der Gruppe betreut und erhielten von ihnen Anregungen. Nicht ob, sondern wie und wie lange kleine Kinder von anderen Erwachsenen gehütet, behütet und angeregt werden sollen und können, ist für Ahnert deshalb die Frage.

Die Psychologin hat zu DDR-Zeiten und danach am Institut für Hygiene des Kinder- und Jugendalters in Berlin über Krippen geforscht und nach der Wende das Interdisziplinäre Zentrum für Angewandte Sozialisationsforschung geleitet, das Studien zur Frühentwicklung von Kindern durchführte. Danach hatte sie an der Uni Köln den Lehrstuhl für Entwicklungsförderung und -diagnostik inne. Ahnert hat auch eine Zeit lang am Nationalen Institut für Kindergesundheit und menschliche Entwicklung in Washington gearbeitet, das durch eine Langzeitstudie zur Frühbetreuung unter dem Kürzel NICHD bekannt wurde.

Diese Untersuchung, für die im Jahr 1991 über 1000 Neugeborene rekrutiert wurden, wird nicht von jedem herangezogen, der sich in die Diskussion darüber einmischt, wie Kleinkinder am besten aufwachsen sollten. Die Mega-Studie über die verschiedenen Betreuungs-Umwelten von Kleinkindern und deren späteren Werdegang ist bisher einzigartig.

Dummerweise ist die Interpretation der Daten mindestens in einem Themenbereich inzwischen zur Glaubensfrage geworden: Haben Kinder, die schon sehr früh außerhäuslich betreut wurden, später größere Verhaltensprobleme? Fest steht, dass sie mit viereinhalb Jahren von ihren Kindergärtnerinnen als weniger fügsam beschrieben werden. Heftig gestritten wurde darüber, ob ihr aufmüpfigeres Verhalten als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Entschlossenheit (also eher positiv) oder von Aggressivität und Ungehorsam (also eher negativ) gewertet werden sollte – und darüber, ob es sich mit den Jahren auswachsen würde.

Darüber gaben allerdings später Beurteilungen durch die Lehrkräfte der Zwölfjährigen Aufschluss. Und Anlass zu neuem Streit. Denn nun zeigten sich mehr aggressive Verhaltensauffälligkeiten bei Heranwachsenden, die schon früh in einer größeren öffentlichen Einrichtung betreut worden waren, nicht allerdings bei denen, die kleineren privaten Institutionen anvertraut worden waren.

„Auf jeden Fall muss also bei der Qualität der öffentlichen Kindereinrichtungen und beim Betreuungsschlüssel dort angesetzt werden“, folgert Ahnert. Dass Kinder, die eine gute Gemeinschaftsbetreuung genossen haben, als sie klein waren, sich als Schüler später besser anpassen können, kooperativer sind und häufiger Funktionen wie die des Klassensprechers übernehmen, hat nämlich eine Reihe von kleineren Studien gezeigt, zum Beispiel eine Untersuchung aus Schweden.

Der britische Entwicklungspsychologe Jay Belsky, einer der Initiatoren der NICHD-Studie, kontert gern mit einer Gegenfrage, wenn die Leute ihn fragen, ob es denn nun gut oder schlecht sei für ein kleines Kind, einen Teil des Tages in einer Kita oder bei einer Tagesmutter zu verbringen. Ist es gut oder schlecht für die Gesundheit, häufig außer Haus in Restaurants zu speisen? Kommt drauf an, wie dort gekocht wird und wie viel man davon isst, antwortet man ihm meistens. Eine Einschätzung, die sich auf die Kinderbetreuung übertragen lässt: Gut für die Kinder, wenn die sich an Bezugspersonen binden können, die verlässlich verfügbar sind und angemessen auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren, auch auf die nach Bildung. Anforderungen, die selbst Familien nicht immer erfüllen.

Deren Einfluss ist weitaus größer als angenommen und dominiert die kindliche Entwicklung selbst dann, wenn kleine Kinder ganztags außer Haus betreut werden. Auch das hat die NICHD-Studie gezeigt. Die familiären Einflüsse bleiben erhalten, wenn Kind und Eltern zeitweise getrennt sind.

Das hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg noch anders gesehen, als Forscher wie der englische Psychoanalytiker John Bowlby die Debatte prägten. „Damals ging man davon aus, dass kleine Kinder noch kein vollständiges Gedächtnis von Personen aufbauen können, wenn Zeiten der Trennung dazwischenliegen“, erklärt Ahnert. „Bowlby hat geglaubt, dass die Mutter-Kind-Bindung nicht auf den Weg gebracht werden kann, wenn es keine Kontinuität in der mütterlichen Betreuung gibt. Heute wissen wir, dass schon kleine Kinder solche Trennungsphasen überbrücken und dass die Eltern-Kind-Bindung aufgefrischt werden kann, auch wenn das Kind in der Zwischenzeit andere Betreuungserfahrungen macht.“ Damit ist das Hauptargument, das vor allem in den 50er und 60er Jahren in den Ländern der westlichen Welt gegen die frühe Fremdbetreuung ins Feld geführt wurde, überholt.

Ein anderes Argument gegen die Krippe sind Lärmpegel und Vielzahl der Kontakte, mit denen Kleinkinder dort klarkommen müssen. Welchen Stress es für Kinder bedeutet, sich in einer Einrichtung behaupten zu müssen und die vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten, das haben Forscher schon mehrfach an einem Hormonwert festzumachen versucht.

Auch Ahnert und ihre Arbeitsgruppe haben das Stresshormon Cortisol im Speichel von Kita-Kindern gemessen. Dass das Kita-Leben eine Herausforderung für die Kleinen ist, machten teilweise leicht erhöhte Werte deutlich. „Die Ausschüttung blieb aber innerhalb der normalen Variationsbreite“, versichert Ahnert. Trotzdem folgert sie aus dem leicht erhöhten Level, dass sehr empfindliche Kinder besonders behutsam und vorsichtig in eine solche neue Lebenssituation eingeführt werden sollten. Derzeit forscht Ahnert über die Entwicklung von Frühgeborenen – und ist skeptisch, ob die Gemeinschaftsbetreuung ihnen in der Kleinkindzeit bekommt. Zeitweise unter erhöhter Beanspruchung zu stehen, ist ansonsten aber nicht nur normal und gehört zum Leben, es nützt auch der Entwicklung. Nur wenn der Level dauerhaft hoch ist, kann das die Gedächtnisleistungen mindern und das Immunsystem schwächen.

Ahnert interessiert, wie die Werte sich beim Wechsel zwischen Zuhause und Kita verändern. „Bisher wurde meist nur gefragt: Wie wirkt sich die Einrichtung auf das Kind aus? Mich interessiert aber auch, was Eltern leisten: Wie sie die gemeinsame Zeit nutzen, um das Kind aus den Belastungsphasen herauszuholen. Oder ob sie es umgekehrt am Wochenende noch weiteren Belastungen aussetzen, so dass es ständig von einer Belastungssituation in die andere gerät.“ Die Zeit in der Kita könnte dann für das Kind sogar Erholung bedeuten.

Um herauszufinden, was in der gemeinsamen Familienzeit passiert, werden Tagebuchaufzeichnungen von Eltern verwendet, die über ihren Tagesablauf und ihr Leben mit dem Kind Buch führen, die Familien werden beobachtet, es werden aber auch Familienszenen auf Video gebannt. Eine wichtige Frage: Wie groß ist das Zeitbudget, das den Eltern für das Zusammensein mit dem Kind netto wirklich zur Verfügung steht, wie viel Zeit brauchen sie für andere Dinge?

Konkret wurde etwa untersucht, was eine Mutter, die den Tag mit ihrem Kind vor sich hat, und eine andere, die ihr Kind in zwei Stunden in einer Einrichtung abgeben wird, mit ihrem Kind zur selben Zeit am frühen Morgen machen. Was bei der vergleichenden Untersuchung von 70 Kita-Kindern und 70 zu Hause betreuten Gleichaltrigen herauskam, ist für erfahrene Eltern nicht erstaunlich, andererseits bisher noch nie wissenschaftlich nachgewiesen worden: Eltern, die den ganzen Tag zu Hause sind, verteilen ihr kindorientiertes Verhalten über den Tag, Spiel und körperliche Zuwendung finden typischerweise im Wechsel mit Telefonaten und Hausarbeit statt.

„Wenn das Kind in einer Einrichtung betreut wird, sieht die Familiendynamik anders aus“, erklärt Ahnert. Extrem viel kindzentriertes Verhalten konnten die Forscher dann in der unmittelbaren Zeit vor Kitabeginn und vor allem beim Abholen feststellen. „Die Kinder provozieren das natürlich auch, sie entwickeln Techniken, mit denen sie die Mutter für sich reklamieren können.“

Ähnlich intensiv ist der Wunsch nach ungeteilter Zuwendung noch einmal abends vor dem Ins-Bett-Gehen. „Nach unseren Beobachtungen sind die Rituale in den Familien, in denen den ganzen Tag ein Elternteil für das Kind da ist, nicht so intensiv. In diesen Familien sind eher kleine Episoden von solcher Nähe über den ganzen Tag verstreut.“ In der Bilanz springt also anscheinend gleich viel ungeteilte elterliche Aufmerksamkeit für beide Gruppen von Kindern heraus.

Schon Kleinkinder können den Untersuchungen zufolge ganz gut zwischen Zuhause und Kita unterscheiden. Sie fühlen sich nicht unbedingt wohler, wenn dort versucht wird, das Modell der trauten heimischen Zweisamkeit zwischen Mutter und Kind zu imitieren. „Ein Kind ändert seine Perspektive, wenn es in eine Gruppe kommt, und zwar viel früher, als wir bisher geglaubt haben. Es weiß zum Beispiel, dass es in der Krippe nicht die alleinige Zuwendung bekommen kann“, sagt Ahnert. Gut, wenn es gelernt hat, dass das bei Mama und Papa anders ist.

Die Autorin ist Verfasserin des Buches „Unter drei schon aus dem Haus? Eine Entscheidungshilfe für junge Eltern“ (Ch. Links Verlag)

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