Turners Thesen : Mehr Azubis braucht das Land

Stellen bleiben unbesetzt, während die Hochschulen den Ansturm kaum verkraften können: Es ist richtig, auch für die berufliche Ausbildung zu werben, meint unser Kolumnist George Turner.

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Kolumnist George Turner. Foto: Mike Wolff
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Der Wissenschaftsrat fordert eine Aufwertung der klassischen beruflichen Ausbildung. Das ist angesichts der auseinanderlaufenden Trends von jungen Menschen, die eine berufliche Ausbildung im dualen System oder ein Studium anstreben, nachvollziehbar. Nahezu alle Bereiche der Wirtschaft klagen über mangelnden Nachwuchs. Stellen bleiben unbesetzt, während die Hochschulen den Ansturm kaum verkraften können.

Dabei hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Ausbildung im dualen System attraktiv zu machen: Die Lehre sollte keine Sackgasse sein; später könne man immer noch studieren. Der Zugang zur Hochschule steht auch für Nichtabiturienten offen; unterschiedliche Regelungen in den Ländern ermöglichen Meistern, aber auch Bewerbern lediglich mit abgeschlossener Lehre die Aufnahme eines Studiums. Auch Studienabbrecher versucht man unter anderem damit zu gewinnen, dass ein zeitlicher Bonus bei der Dauer der Lehrzeit gewährt wird.

Auf der anderen Seite wurde massiv für ein Studium geworben. Vor allem die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hält der Bundesrepublik immer wieder vor, dass hier im Vergleich zu anderen Industrienationen der Anteil der Studierenden zu gering sei. Der Hinweis, dort seien manche Berufe nur über eine Hochschulausbildung zu erreichen, in Deutschland führe der Weg über Ausbildungsgänge im dualen System dorthin, wird nicht entsprechend berücksichtigt.

Auch der Wissenschaftsrat hatte bisher keine Zweifel an dem Zug der Abiturienten zur Hochschule erkennen lassen. Warnende Stimmen, es gäbe zu viele Studierende und zu wenige Auszubildende, wurden bislang überhört. Wegen eines möglicherweise drohenden Fachkräftemangels wurde undifferenziert für ein Studium geworben, ohne den unterschiedlich einzuschätzenden Bedarf in den verschiedenen Bereichen zu berücksichtigen.

Wenn der Wissenschaftsrat nun eine Korrektur anmahnt , ist das zu begrüßen; sie kommt allerdings reichlich spät. Das liegt auch an der Konstruktion des Gremiums. In der Vollversammlung, zuständig für die Verabschiedung von Empfehlungen, ist ein Votum gegen die Vertreter von Bund und Ländern nicht durchsetzbar. Bund und Länder haben bisher immer nach mehr gerufen: mehr Studierende, mehr Studienplätze, mehr Geld. Langfristige Trends, begründet in rückläufigen Geburtenzahlen, wurden nicht hinreichend bedacht. Jetzt soll die Schule besser auf die Alternativen zum Studium aufmerksam machen – durch Lehrkräfte, die die Praxis nicht kennen. Die Schule soll erneut Reparaturbetrieb der Politik sein.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

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