Über die Anfänge der Frauenforschung : Die Gender-Rebellinnen

Wie Wissenschaftlerinnen die Frauenforschung in die Unis hineinboxten: Eine Studie der Freien Universität Berlin würdigt die Pionierinnen.

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Ein Schriftzug an einer Fassade besagt: Frauenwut.
Politisierte Frauen. Das Foto zeigt die Fassade der "Rostlaube" der Freien Universität Berlin.Foto: Enrico Straub

Das muss man sich mal vorstellen. Achtziger Jahre, die heiligen Hallen der Universität, das ehrenvolle Ritual des Habilitationsvortrags. Und dann spricht sie, die Soziologin, über Adoleszenz und Pubertät. „Da habe ich es doch tatsächlich gewagt, in diesem Probevortrag das Wort Menstruation in den Mund zu nehmen, die Herren in dieser Kommission waren empört.“ Im Rückblick, erinnert sich die inzwischen pensionierte Professorin, war der Vortrag „so was von wissenschaftlich distanziert, so brav und schön neutral formuliert, aber damals war es verstörend anstößig, übrigens auch für Frauen in der Kommission. Die mochten das auch nicht so gerne.“

Fakten gegen die Gender-Verschwörungstheorie

Schöne Anekdote, und klar, Zeiten ändern sich. Der Raum des Denk- und Sagbaren ist für alle größer geworden. Aber man muss sich das eben mal vorstellen: wie es war, als Frauen Professorengattin sein sollten statt Professorin. Und als dann einige nicht nur die Lehrbefugnis an der Universität anstrebten, sondern sogar wagten, das Frausein zum Thema ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu machen. Pionierarbeit nennt die Soziologin Ulla Bock daher ihre kürzlich erschienene Studie, für die sie 38 der ersten Gender-Professorinnen – darunter Koryphäen wie Christina von Braun, Ute Gerhard, Karin Hausen, Ilse Lenz, Inge Stephan – nach ihren Erfahrungen befragt hat, als an den Universitäten die ersten Lehrstühle für Frauen- und Geschlechterforschung entstanden.

Heute wird ja gern polemisiert: Hunderte Gender-Professorinnen an den Unis, Millionen Steuergelder subventionieren feministische Ideologie. Die Fakten, die auch Bock in einem tabellarischen Anhang auflistet, widersprechen freilich jeder Verschwörungstheorie: 2014 gab es 188 Gender-Professuren an deutschen Universitäten und Fachhochschulen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Denominationen innerhalb des ‚eigentlichen‘ Fachs. Heißt: Von deutschlandweit insgesamt knapp 46.000 Professuren befassen sich nicht einmal zweihundert aus über 30 Fachgebieten, von Literaturwissenschaft über Soziologie bis Medizin und Sport, in Teilbereichen ihrer Forschung mit dem Thema ‚Geschlecht‘. Viele dieser Stellen sind befristet, und nur 17,6 Prozent dieser Professuren sind hochdotierte W3-Stellen.

Das Denken und Leben von Frauen sichtbar machen

Der Tenor des Buches lautet, dass unsere heutige geschlechterdemokratische Wissensgesellschaft ohne die Kämpfe der ersten Gender-Pionierinnen nicht zu denken wäre. Mit ihrer historischen Dokumentation knüpft die Autorin an eine zentrale Motivation der damals entstandenen Frauenforschung an: nämlich aus dem vermeintlich geschlechtslosen Kontinuum der Vergangenheit die spezifische Arbeit, das Denken und Leben von Frauen herauszuschälen. Das Fazit der Interviews ist ambivalent. In den Worten einer befragten Professorin: „Ich hatte damals immer ein Bild: Ein Kamel geht durch ein Nadelöhr und am Ende sieht es etwas struppig aus, aber es hat es geschafft.“

Als brave Töchter erzogen, 1968 politisiert

Die universitäre Institutionalisierung der Geschlechterforschung ist von der Frauenbewegung nicht zu trennen. In der Schule als brave Töchter erzogen, dann 1968 politisiert, begannen die Frauen an der Uni für mehr Teilhabe und Gerechtigkeit zu kämpfen. Die Widerstände waren groß, das Vorurteil der Unvereinbarkeit von Weiblichkeit und Intellektualität wurzelte tief. Mitte der Siebziger formieren sich feministische Dozentinnengruppen; 1979 wird die SPD-Politikerin Eva Rühmkorf Deutschlands erste Gleichstellungsbeauftragte im Hamburger Senat. 1983 richtet die Fachhochschule Fulda im Fach Soziale Arbeit die erste Teildenomination für Geschlechterforschung ein, kurz darauf folgt die Freie Universität. Überwiegend entstanden diese Stellen durch Umwidmungen oder, wie an der FU, durch das Prinzip „Arbeitsfairteilung“: Zwei Professoren gaben je ein Drittel ihrer Stelle ab und schufen so eine neue Teilzeitprofessur.

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