Übergriffe : Männer schweigen häufig über Missbrauch

Männliche Opfer schweigen häufiger als weibliche über sexuelle Übergriffe. Rund die Hälfte spricht mit keinem über die Vorfälle. Nun könnten sich die Hilfsangebote verbessern.

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Leben mit der Bürde. Viele Männer reden nie darüber, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Wenn doch, flüchten sie in eine sachliche Sprache – auch, um ihren Gesprächspartner zu schonen. Foto: picture-alliance/ANP
Leben mit der Bürde. Viele Männer reden nie darüber, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Wenn doch, flüchten sie in eine...Foto: picture-alliance / ANP

Ganz plötzlich hat er im Winter öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, der sexuelle Missbrauch an männlichen Heranwachsenden. Wenn es nicht nur ein „Medien-Hype“ ist, besteht die Chance, dass die Hilfsangebote für die Opfer sich verbessern werden. „Die Diskussion hat an Fahrt gewonnen, als das Thema die Gutsituierten erreicht hat“, sagt jedenfalls der Sozialwissenschaftler Dirk Bange, der einige Studien zum Thema gemacht hat und heute beim Amt für Familie, Jugend und Sozialordnung in Hamburg tätig ist.

Wie viele erwachsene Männer mit dieser Bürde aus der Kindheit leben müssen, darüber kann die Wissenschaft aber bis heute keine verlässliche Auskunft geben. In der größten älteren Untersuchung zum Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen, die das kriminalpsychologische Institut Niedersachsen 1992 vorlegte, sind es sieben Prozent. Beim Berliner Verein „Tauwetter“, einer Anlaufstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden, hält man diese Zahl allerdings für zu niedrig angesetzt. Denn in die Studie aus Niedersachsen wurden nur Männer mit eigener Wohnung einbezogen. Alle, die keinen festen Wohnsitz hatten, in einer Therapieeinrichtung lebten, obdachlos oder im Gefängnis waren, fielen durch das Raster. In der Wissenschaft werde um das Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen nach wie vor ein großer Bogen gemacht, sagte Bange jetzt bei einer Fachtagung, die „Tauwetter“ aus Anlass seines 15-jährigen Bestehens zusammen mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin veranstaltete. Zu oft würden sie immer noch als „Täter von morgen“ gesehen, vor denen die Gesellschaft geschützt werden muss, und nicht als „Opfer von gestern und heute“.

Im Unterschied zu den Mädchen werden die Jungen in etwa der Hälfte aller Fälle Opfer von Bezugspersonen außerhalb der Familie, von Lehrern, Freunden der Familie, Nachbarn oder Pfarrern, berichtete Bange. Die andere Hälfte der Taten gehe etwa zu gleichen Teilen auf das Konto von Unbekannten und von Familienmitgliedern. Die Hälfte der Opfer spreche mit keinem über die Vorfälle.

Vor allem wenn ein sexueller Übergriff auf einen Jungen von einer Frau kam, gebe es in vielen Fällen eine lebenslängliche Wahrnehmungsblockade: „Die Männer empfinden es als beschämend, wenn eine Frau die Täterin war.“ Über Mütter als Täterinnen zu sprechen, verletze zusätzlich ein Tabu: „Mama ist nicht böse.“ Auch die nichtverwandten Bezugspersonen aus dem schulischen oder Freizeit-Umfeld mögen die Jungen meist zu gern, um sie wirklich in der Täterrolle zu sehen. Darüber, dass die Täter meist Erwachsene sind, die bei Jugendlichen ausgesprochen beliebt sind, wurde in den letzten Monaten ja ausführlich diskutiert. Noch dazu setzen Lehrer, Trainer oder Geistliche die Jugendlichen häufig unter Druck, so dass sie sich zum Schweigen verpflichtet fühlen. „Unter diesen Umständen erbringt jeder Junge, der über Missbrauch sprechen kann, eine reife Leistung“, sagt Bange.

Inzwischen haben unzählige erwachsene Männer, die als Schüler Übergriffe erlebt haben, diese Leistung erbracht. Allein die Rechtsanwältin Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens zur Untersuchung von Missbrauchsfällen, hat über 200 Meldungen erhalten. Dass es so lange gedauert hat, bis die Opfer sich meldeten, habe wahrscheinlich mit der kritischen Masse zu tun, die dafür erst erreicht werden musste, sagte Raue auf der Fachtagung. Sie machte noch einen zweiten Grund aus: „Einige schrieben auch, sie hätten sich geschämt, dass sie die nächsten Schüler nicht beschützt hätten, sie hätten deshalb all die Jahre nichts sagen können.“

Beschützen wollen gerade männliche Missbrauchsopfer auch ihr privates Umfeld. Jugendliche und junge Männer beginnen Banges Erfahrung nach Gespräche über die schlimmen Vorfälle meist tastend. „Sie checken ab, ob ihre Gesprächspartner das überhaupt aushalten.“ Für die Heilung von einem Missbrauchstrauma sei es ausgesprochen wichtig, dass Eltern, Kumpels oder Freundin dann gut reagieren. Sie müssen signalisieren, dass sie belastbar sind. Auch Jungen, die gegenüber professionellen Helfern mit ihrer Geschichte herausrücken, berichteten oft ausgesprochen sachlich. „Mit diesem Erzählstil wollen die Jungen emotionale Brisanz herausnehmen und damit auch die Helfer stabilisieren.“

Das Sprechen sei auch deshalb schwer, weil eine Sprache dafür fehle, in der sich Jungen und Männer wiederfinden können, meint Bange. Zum Männlichkeitsideal passt es nicht, Opfer einer „Vergewaltigung“ geworden zu sein. Und gerade solche Stereotype sind für die Opfer besonders bedeutsam. „Wenn Mädchen und Jungen in ihrer Entwicklung erschüttert werden, greifen sie leichter zu einer Rolle, die ihnen nahegelegt wird“, hat die Psychologieprofessorin und Traumaforscherin Silke-Birgitta Gahleitner von der Alice-Salomon-Hochschule festgestellt. In der Therapie gehe es dann auch darum, zu flexibleren Rollenbildern zu finden.

„Eine US-Studie zeigt allerdings, dass Psychotherapeuten sexuellen Missbrauch bei Männern seltener auf dem Schirm haben“, berichtete Bange. In der Psychotherapeutenkammer Berlin sind heute 216 Frauen, aber nur 55 Männer auf sexuellen Missbrauch spezialisiert, wie deren Vizepräsidentin Dorothee Hillenbrand bei der Veranstaltung berichtete. Doch vielen Männern dürfte es leichter fallen, mit einem anderen Mann darüber zu reden, welche Auswirkungen sexuelle Übergriffe in der Kindheit auf ihr Erwachsenenleben haben. Spezialisierte Anlaufstellen haben hier eine wichtige Funktion, Internetangebote wie der „Love-Talk“ von Pro Familia werden von männlichen Jugendlichen gut angenommen. „Man kann die Jungs erreichen, sie wollen aber meist keine ewig langen Beratungsgespräche“, resümierte Bange.

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