Ursprung der Sprache : Am Anfang war das Wort – aber wie kam es zum Wort?

Gene und Grammatik: Wissenschaftler streiten, ob der menschliche Hang zur Sprache biologisch programmiert ist. Ein Kommentar.

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Geist und Grammatik. Im Zentrum des Streits um die Entstehung der Sprache steht der Linguist Noam Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA.
Geist und Grammatik. Im Zentrum des Streits um die Entstehung der Sprache steht der Linguist Noam Chomsky vom Massachusetts...Foto: dpa

Auf die Frage, was den Menschen im Vergleich zu anderen Lebewesen einzigartig macht, werden viele erwidern: die Sprache. Keine schlechte Antwort! Zwar ist es umstritten, ob sie tatsächlich ein menschliches Alleinstellungsmerkmal ist – Vögel etwa haben mit ihrem Gesang ein sehr entwickeltes, der menschlichen Sprache ähnliches Kommunikationssystem –, aber zum Aufstieg des Menschen hat die Sprache sicher einen großen Teil beigetragen. Sprache ist ein „Intelligenzverstärker“, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth.

Am Anfang war das Wort, gewissermaßen. Doch wo kommt es her? Diese Frage ist nicht endgültig geklärt und Gegenstand hitziger Debatten. Grob vereinfacht lassen sich zwei Positionen ausmachen. Die eine nimmt an, dass das Sprachvermögen in unseren Genen verankert ist. Zwar gibt es Tausende von Sprachen, doch sind sie im Kern auf ein einheitliches Muster zurückzuführen, auf eine angeborene Universalgrammatik. Die Idee stammt von dem amerikanischen Linguisten Noam Chomsky, halbwegs populär wurde sie nicht zuletzt durch den Bestseller „Der Sprachinstinkt“ des Harvard-Psychologen Steven Pinker.

Es gibt keine Grammatik-Gene, sagt ein Leipziger Forscher

Auf der Gegenseite stehen Wissenschaftler, die eine tiefgreifende Verankerung der Sprache in den Erbanlagen nicht für plausibel halten. Viel wahrscheinlicher sei, dass sie weitgehend ein Produkt kultureller Überlieferung ist. Grammatik-Gene nicht erforderlich. Diese Auffassung vertritt etwa der Verhaltensforscher Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Tomasello wird nicht müde, Chomsky und seine Anhänger zu kritisieren, und hat dabei jüngst von dem amerikanischen Schriftsteller Tom Wolfe („Fegefeuer der Eitelkeiten“) unerwarteten Beistand bekommen.

In seinem neuen Buch „The Kingdom of Speech“ („Das Königreich der Sprache“) attackiert der konservative, mittlerweile 85-jährige Wolfe (Markenzeichen: weißer Anzug und Homburger Hut) neben Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, auch Noam Chomsky. Er versucht, beide als eitle Karrieristen lächerlich zu machen und zweifelt an der Evolutionstheorie sowie an der evolutionären Verankerung der Sprache.

Der aufrechte Gang bescherte die Vokale

Mangels Argumenten scheitert Wolfe ziemlich kläglich und bleibt auf einem Haufen Häme sitzen. Sein Buch ist eher Symptom als Diagnose, zeigt es doch, wie sehr es immer noch irritiert, dass die hehre Sprache, das „wichtigste Geschenk des Menschen“ (Wolfe) und das Werkzeug Goethes und Shakespeares, profane Wurzeln in der Naturgeschichte hat. Denn dass dem so ist, würde auch der Chomsky-Kritiker Tomasello nicht ernsthaft bestreiten. Der Streit der zwei Schulen ist nur oberflächlich einer zwischen (angeborener) Natur und (kulturell geprägter) Umwelt. Die biologische Kulisse des Dramas „Der Ursprung der Sprache“ ist weitgehend unstrittig, Grantler wie Wolfe einmal ausgenommen.

Der moderne Mensch entwickelte sich vor 150 000 bis 200 000 Jahren in Ostafrika, die Sprache folgte vor 80 000 bis 150 000 Jahren, schätzt Roth. Entscheidend war die menschliche Anatomie. Der aufrechte Gang verlagerte den Kehlkopf nach unten und war so maßgeblich am Ausprägen der Sprechfähigkeit beteiligt, etwa der Möglichkeit, Vokale zu artikulieren. Im Gehirn rückte – im Vergleich zu den nächsten Verwandten des Menschen – Sprache und Sprechen „nach oben“, in die hochentwickelte Hirnrinde. Hier ist die Sprache fest in einer Reihe von Hirnzentren und Verbindungsrouten verankert. So fest, dass ein Neurologe von der gestörten Sprache eines Schlaganfall-Patienten ableiten kann, welches Hirnareal ausgefallen ist. Und schließlich haben in den letzten Jahren erste Funde von Sprach- oder Grammatik-Genen wie FoxP2 von sich reden gemacht.

Es könnte gut sein, dass das alles die nötigen Ingredienzen für den menschlichen Sprachinstinkt sind, für eine tiefe biologische Verwurzelung der Sprache à la Pinker und Chomsky. Es kann aber auch sein, dass das Gehirn wie ein Schweizer Armeemesser funktioniert. Ausgestattet mit einigen exzellenten intellektuellen Werkzeugen ist es in der Lage, sich eine Sprache zurechtzuschneidern und sie sich anzueignen, bei jedem Menschen aufs Neue. Das ist Tomasellos Annahme. Wer hat recht? Am Ende werden die Tatsachen den Streit entscheiden.

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