Verfolgte Wissenschaftler : Zuflucht im „Modernen Orient“

Neuanfänge, Hoffnung und Ratlosigkeit an einem Berliner Forschungszentrum, das Geflüchtete aufnimmt.

Von Mahdis Amiri
Eine junge Frau mit Rucksack auf dem Rücken geht quer über den Innenhof eines historischen Gebäudes. Foto: Thilo Rückeis TSP
Anlaufpunkt. Deutschland ist bevorzugtes Ziel verfolgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Türkei. In Berlin...Foto: Thilo Rückeis TSP

„Ich fühlte mich wie eine Onkologin, bei der Krebs diagnostiziert wurde“, sagt Asli Vatansever mit einem bitteren Lächeln. Die junge Soziologin hatte an der Universität Istanbul zum Phänomen der Prekarisierung gearbeitet, als sie im vergangenen Jahr ihre Stelle als Assistenzprofessorin verlor. Prekarisierung beschreibt einen Zustand, in dem das Wohlergehen eines Individuums durch unsichere Arbeits- oder Lebensbedingungen beeinträchtigt ist. Der Zustand, in den Asli Vatansever durch ihre willkürliche Entlassung unmittelbar nach dem Putschversuch im Juli 2016 katapultiert wurde, ist dem nicht unähnlich.

Als die Niederschlagung des Putsches durch die Regierung begann, waren insbesondere die Unterzeichner der „Academics for Peace“-Petition betroffen. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten im Januar 2016 gefordert, das Blutvergießen in den kurdischen Gebieten der Türkei zu beenden. Dies wurde von Recep Tayyip Erdogan als „terroristische Propaganda“ interpretiert.

Keine Chance auf eine neue Stelle in der Heimat

Auch Vatansever unterzeichnete die Petition. Wer in der heutigen Türkei per Präsidenten-Dekret gefeuert wird, hat praktisch keine Aussicht, eine Stelle an einer anderen staatlichen Einrichtung in der Türkei zu finden. Damit geht es ihr wie rund 10 000 türkischen Beamten, die seit dem Putsch entlassen oder suspendiert wurden, darunter tausende Lehrkräfte und Forschende. Noch viel größer ist die Gruppe der Wissenschaftler, die in jüngerer Zeit durch Krieg und Bürgerkrieg im Nahen Osten ihre berufliche Existenz verloren haben, viele davon aus Syrien.

Ein halbes Jahr nach der Entlassung aber sitzt Vatansever wieder an einem Schreibtisch in einer Forschungseinrichtung – tausende Kilometer entfernt von ihrer Heimat. Sie kann ihre Studien am Leibniz-Zentrum Moderner Orient fortsetzen (ZMO), einem außeruniversitären Institut der Leibniz-Gemeinschaft, das sich auf die Geschichte und die Gesellschaften der muslimisch geprägten Welt konzentriert. Vatansever scheint erleichtert: „Jetzt habe ich Zeit und Raum, mein Leben zu ordnen und nach Optionen für die Zukunft zu suchen.“

Die Plätze am Zentrum sind voll. Wie umgehen mit neuen Anfragen?

Sie ist eine von vier türkischen Kollegen, die in jüngerer Zeit im repräsentativen „Mittelhof“ des ZMO in Berlin-Nikolassee aufgenommen wurden. Die Dauer ihrer Stipendien variiert von drei Monaten bis zu zwei Jahren. Im Moment sind die Arbeitsplätze am ZMO erstmals komplett ausgeschöpft!, sagt Sonja Hegasy, die stellvertretende Direktorin.

Deutschland ist ein beliebtes Ziel für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die vor Gewalt und Unterdrückung fliehen. Viele der entlassenen Unterzeichner der „Academics for Peace“-Petition haben das Philipp-Schwartz-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung beantragt. Es ermöglicht gefährdeten und verfolgten Wissenschaftlern, für zwei Jahre in Deutschland zu leben und zu arbeiten.

Wechselseitige Qualitätskontrolle und neue Anstöße von außen

Kleine Forschungsinstitute wie das ZMO stehen vor einer schwierigen Wahl: Sollten sie die Kolleginnen und Kollegen in der schwierigen Lebenssituation vor anderen Akademikern – die häufig auch aus Krisenregionen kommen – bevorzugen? Inwieweit sollte akademische Exzellenz ein Auswahlkriterium sein? Im Fall von Asli Vatansever fiel die Wahl leicht, heißt es am ZMO: Die Türkei und insbesondere die osmanische Ära ist eines der Hauptforschungsthemen des Zentrums. Auch die sprachliche Integration ist kein Problem: Ihre Dissertation hat sie an der Universität Hamburg geschrieben.

Doch die „Qualitätskontrolle“ ist nicht einseitig. Sie geht auch von Forschenden aus, die aus den Regionen kommen, zu denen die aufnehmende Einrichtung arbeitet. „Diversität schärft den intellektuellen Austausch“, sagt Sonja Hegasy. Auch Stefan B. Kirmse, Forschungskoordinator am ZMO, glaubt an den wechselseitigen Nutzen. „Unseren eingefahrenen akademischen Traditionen und Ritualen tut so ein Anstoß von außen gut.“

Deutschland verteidigt die Freiheit der Wissenschaft

Der Effekt der Philipp-Schwartz-Initiative und der Forschenden, die sie nach Deutschland bringt, könnte noch viel weiter gehen. Benannt ist das Programm nach einem Neuropathologen an der Universität von Frankfurt am Main, der Deutschland 1933 als Jude verlassen musste. In Zürich gründete er die „Zentralberatungsstelle für deutsche Gelehrte“ (später: Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland), die – aus heutiger Sicht ironischerweise – viele vom Nationalsozialismus Verfolgte in die Türkei vermittelte. Schwartz selber leitete zeitweise die Pathologie der Universität Istanbul.

Will sich Deutschland heute mit der Aufnahme türkischer Wissenschaftler gewissermaßen revanchieren? Ist es zugleich eine Art Wiedergutmachung für die Verbrechen der NS-Zeit, dass Deutschland überhaupt hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen hat? Asli Vatansever zögert und sagt dann: „Diese Bereitschaft, Flüchtende aufzunehmen, ist multikausal. Die dunkle Vergangenheit mag ein Faktor sein, aber sicher ist es auch die Erinnerung an die Werte der Aufklärung, die tief in der deutschen Kultur verankert sind.“ Der freie Geist und damit die Freiheit der Wissenschaft seien für Deutschland hohe Güter, die es zu verteidigen gelte.

Auf der Suche nach einem Promotionsprogramm in Berlin

Hussam Alhassoun ist ebenfalls aus Istanbul nach Berlin gekommen – allerdings als syrischer Flüchtling. Alhassoun promovierte an der Universität von Aleppo und war dort Lehrassistent, als die Gewalt in Syrien eskalierte. Gemeinsam mit seiner Familie floh er in die Türkei. Als dann ein Kommilitone während seines Pflichtwehrdienstes getötet wurde, war die Rückkehr nach Syrien endgültig keine Option mehr für Hussam, er machte sich auf den Weg nach Berlin. „Wir Syrer gelten in der Türkei als ,Musaferlar‘, als Menschen ohne Rechte und ohne Zukunftsperspektive“, sagt Hussam.

Das ZMO ist nur eine Zwischenstation für Alhassoun, er braucht zusätzlich einen Platz in einem Promotionsprogramm einer Universität, um die Arbeit an seiner Dissertation fortsetzen zu können. Dafür lernt er intensiv Deutsch. Alhassoun kam mit einem Stipendium des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) ans ZMO. „Die bloße Tatsache, dass ich mich hier mit Forschenden treffen und austauschen kann, hilft mir sehr“, sagt Alhassoun. „Es regt mich an, über meine eigene Forschung nachzudenken.“

Was passiert, wenn das Stipendium ausläuft?

Auch für Asli Vatansever stellt sich die Frage: Was kommt als Nächstes? Sie hat ihr Lebensumfeld, ihren Freundeskreis und ihre Wohnung in Istanbul zurückgelassen. Sie vermisst – neben vielem anderem – ihre Plattensammlung. Ihr Stipendium wurde schon einmal verlängert und sie wurde von Scholars at risk offiziell als Wissenschaftlerin in Gefahr anerkannt.

In Berlin anzukommen, fällt ihr schwer. Noch schwerer ist es für Forschende mit Familien, die sich um Jobs auch für ihre Partner und Partnerinnen sorgen, um Schulen für ihre Kinder. Was passiert, wenn das Stipendium ausläuft?

„Wir unterstützen unsere Gäste dabei, sich um weitere Stipendien oder auch um Stellen zu bewerben“, sagt Sonja Hegasy. Doch die Ratlosigkeit, wie die schon angekommenen und die noch zu erwartenden geflüchteten Forscher und Forscherinnen eine womöglich dauerhafte akademische Heimat in Deutschland finden können, bleibt.

Aus dem Englischen von Amory Burchard.

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