Was bringt Stillen wirklich? : Muttermilch ist kein Allheilmittel

Vergleich von gestillten und nicht gestillten Geschwisterkindern zeigt keine Unterschiede bei Hyperaktivität, Leseschwäche oder Übergewicht.

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Nahaufnahme. Für die neue Studie wurden erstmals gestillte und nicht gestillte Geschwister verglichen. Damit sollen Verzerrungen früherer Arbeiten ausgeschlossen werden.
Nahaufnahme. Für die neue Studie wurden erstmals gestillte und nicht gestillte Geschwister verglichen. Damit sollen Verzerrungen...Foto: obs/AVENT

Stillen oder nicht? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten leidenschaftlich diskutiert, wobei die Debatten oft ideologisch aufgeladen sind. Gute Forschung zu dem Thema indes ist schwierig, weil es schier unmöglich ist, das Gesamtpaket aufzudröseln: die Zusammensetzung der Frauenmilch, das Saugen an der Brust, der enge Kontakt zwischen Mutter und Baby. Also was bringt das Stillen wirklich für die Gesundheit eines Menschenkindes? Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es am besten, man könnte eine groß angelegte randomisierte Doppelblind-Studie machen, um das ganz objektiv herauszufinden. Doch junge Mütter und ihre Babys nach dem Zufallsprinzip einer Brust- und einer Fläschchen-Gruppe zuzuteilen, ist lebensfern und ethisch fragwürdig zugleich.

Still-Studien zeigen häufig ein verzerrtes Bild

So gibt es inzwischen zwar eine Fülle von Studien, die den Nutzen des Stillens nicht allein für die Gesundheit, sondern auch für die Intelligenzentwicklung und damit für die Lebenschancen belegen. Die meisten dieser Untersuchungen kranken allerdings daran, dass die Mutter-Kind-Paare, die sich im Hinblick auf das Stillverhalten unterscheiden, auch in anderen Punkten nicht vergleichbar sind. Sie führten schon aufgrund der Zusammenstellung der Teilnehmer in die Irre, kritisiert die Gesundheitsforscherin Cynthia Colen von der Ohio State University in Columbus. „Sie lassen Faktoren wie Rasse, Alter, Familieneinkommen und Berufstätigkeit der Mutter außer Acht – alles Dinge, von denen wir wissen, dass sie die Entscheidung für das Stillen und die Gesundheit der Kinder beeinflussen.“

Das stimmt nicht ganz, denn die Verzerrungen werden durchaus gesehen. So hat der Statistiker Geoff Der von der Universität Glasgow anhand der Daten von 5000 Kindern und 3000 Müttern im Jahr 2006 gezeigt: Gestillte Kinder haben nicht nur selbst im Schnitt einen etwas höheren Intelligenzquotienten, ihre Mütter haben ihn ebenfalls. Auch Autoren anderer Studien haben sich bemüht, solche Faktoren bei der Auswertung ihrer Daten zu berücksichtigen und sie „herauszurechnen“.

1773 Geschwisterkinder aus amerikanischen Familien wurden untersucht

Colen und ihr Kollege David Ramey haben jetzt einen Ansatz gefunden, um es noch besser zu machen. In einem Sonderteil ihrer eigenen Studie, die im Journal „Social Science & Medicine“ erschien, vergleichen sie Menschen, die unter sehr ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen sind: Geschwister. Brüder und Schwestern, von denen mindestens einer als Säugling an der Brust, mindestens einer aber auch mit adaptierter Milch aus dem Fläschchen genährt worden ist. Die Daten stammen aus dem National Longitudinal Survey of Youth (NLSY) der USA, sind repräsentativ und erlauben das Nachverfolgen bis ins Jugendalter hinein.

Wie erwartet bestätigte der erste Teil der Untersuchung die bekannten Argumente. Kinder und Jugendliche, die als Baby gestillt wurden, sind generell im Alter zwischen vier und 14 seltener übergewichtig oder hyperaktiv und zudem besser im Lesen und im Rechnen.

Spannend ist allerdings, dass diese messbaren Langzeit-Vorteile sich beim Binnenvergleich von 1773 gestillten und nicht gestillten Heranwachsenden aus 665 ausgewählten Familien nicht erkennen lassen. Weder im Hinblick auf Asthma, Übergewicht und Hyperaktivität, noch beim Lesen, Rechnen, in der Selbsteinschätzung der schulischen Leistungsfähigkeit und im Verhalten, noch auch bei der Enge der Bindung zwischen Eltern und Kindern gab es einen statistisch signifikanten Unterschied. Colen belegt damit, dass „Flaschenkinder“ in einigen wichtigen Punkten nicht im Nachteil sind, wenn man sie mit gestillten Kindern derselben Mutter vergleicht, zumindest im Alter zwischen vier und 14 Jahren.

Nicht-Stillende haben oft ein schlechtes Gewissen

Das gilt zumindest in einem Land mit sauberem Wasser und einem guten Angebot an qualitativ hochwertiger Babynahrung wie den USA. Dass die Weltgesundheitsorganisation für das Stillen wirbt, dafür gibt es trotzdem weiter gute Gründe – sobald man über die Grenzen der reicheren Länder hinausschaut. Dort aber könnten die Ergebnisse der Geschwisterstudie denjenigen Frauen, die Probleme mit dem Stillen haben oder die sich überlegt dagegen entscheiden, ein wenig von ihrem schlechten Gewissen nehmen.

Colen stellt als Soziologin sogar die Frage, ob politisch der Fokus nicht stärker auf andere Themen gelenkt werden sollte, Dinge, die langfristig das Wohl der Kinder stärker beeinflussen als ihr Zugang zur mütterlichen Brust. „Wir müssen auf die Qualität der Schulen, auf angemessene Wohnverhältnisse und auf die Qualität der Arbeit schauen, die Eltern haben, wenn ihre Kinder heranwachsen.“

Das ist sicher ein wichtiger Punkt in einer Debatte, die gerade in Deutschland oftmals auch verkrampft und überhöht geführt wird. Allerdings reicht die neue Studie nicht aus, die Fülle von Daten der letzten Jahrzehnte infrage zu stellen, bei denen die Ernährung mit der Brust gegenüber der mit dem Fläschchen punkten konnte. Zunächst methodisch, denn auch hier sind Verzerrungen nicht auszuschließen. Neben der Ernährung in der Babyzeit könnten auch die Position in der Geschwisterfolge oder Veränderungen der familiären Situation eine Rolle spielen. Die Autoren hätten dann nur eine Verzerrung gegen eine andere ausgetauscht.

Babynahrung in Flaschen wird immer besser

Inhaltlich bleibt zudem in der Studie die Säuglings- und Kleinkindzeit ganz ausgeklammert. Colen betont denn auch, dass die Muttermilch zu Beginn des Lebens nachweislich Schutz vor Infekten bietet. „Der Formula-Nahrung fehlen die Zellen, die bei der Abwehr von Infekten helfen“, erläutert der Kinder- und Jugendmediziner Frank Jochum vom Waldkrankenhaus Spandau und Mitglied der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Auch wenn man noch weit entfernt sei vom Naturprodukt, so werde sie dank intensiver Forschung immer besser. In einigen Fällen, etwa bei der Behandlung von manchen Frühgeborenen, gebe es neben den bekannten Nachteilen auch Vorteile der Fläschchennahrung, etwa dass sie in ihrer Zusammensetzung nicht schwankt.

Als Neugeborenen-Mediziner sieht Jochum seine Aufgabe darin, die Eltern über die Vorteile des Stillens aufzuklären. Das schließt auch die gesundheitlichen und praktischen Vorzüge ein, die es für die Mutter beinhaltet und die in Colens Studie nicht berücksichtigt werden. „Wir hüten uns aber, das Thema ideologisch anzugehen. Was zählt, ist die selbstbestimmte Entscheidung der Frauen.“ Denn ihr gutes Gewissen ist ebenfalls wichtig für die Entwicklung ihres Babys.

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