Frühkindliche Einflüsse hinterlassen Spuren im Gehirn

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Was Kinder prägt : Wie entsteht Persönlichkeit?
Gerhard Roth

Die Folgen solcher frühkindlicher negativer Einflüsse sind inzwischen im Gehirn von Jugendlichen und Erwachsenen durch verschiedene neurobiologische Verfahren nachweisbar. Das geschieht meist, indem man die Menge bestimmter für die Psyche relevanter Substanzen (Neurotransmitter, Neuropeptide, Neurohormone) misst und mit Ergebnissen der funktionellen Kernspintomografie kombiniert. Dabei zeigt sich, dass aufgrund frühkindlicher Schädigungen insbesondere diejenigen Gehirnteile betroffen sind, die mit dem Umgang mit Stress zu tun haben, mit Selbstberuhigung, Impulshemmung, Bindung und Empathie. Allerdings ist auch festzustellen, dass derartige Defizite sowohl im Gehirn als auch im Verhalten meist verschwinden, wenn innerhalb von rund zwei Jahren gute alternative Bindungserfahrungen gemacht werden.

Dies war der Fall, wenn – wie erwähnt – schwer vernachlässigte oder missbrauchte Waisenkinder, etwa solche aus Rumänien oder der damaligen Sowjetunion, in einem solchen Zeitraum fürsorgliche Adoptiveltern fanden. Wurden sie erst später adoptiert, waren die Bemühungen teilweise vergebens. Allerdings können in minder schweren Fällen auch spätere positive Erfahrungen, etwa im Kindergarten oder in der Grundschule, gute Wirkung zeigen. Eigentlich ist es dafür nie zu spät, obgleich eine Verbesserung der Befindlichkeit immer schwerer zu erreichen ist, je älter der Mensch ist.

Der Anblick der Mutter genügt, schon werden "Bindungshormone" ausgeschüttet

Die zugrunde liegenden Mechanismen wurden in den vergangenen Jahren intensiv erforscht. Sowohl in der frühen als auch späteren Bindung ist bei den beteiligten Personen die Ausschüttung des „Bindungshormons“ Oxytocin erhöht – zuweilen genügt schon der Anblick der geliebten Person oder gar das Hören ihrer Stimme. Dies führt dazu, dass die Menge an Stresshormonen wie etwa Cortisol zurückgeht. Zugleich wird vermehrt das beruhigend wirkende Serotonin gebildet sowie hirneigenen Belohnungsstoffe, die endogenen Opioide.

All das beruhigt und besänftigt das Kleinkind ebenso wie den Erwachsenen. Mütterliche Fürsorge beziehungsweise deren Ausbleiben wirken auf diesem Wege auf die Ebene der Regulation der Gen-Aktivität, „epigenetische Ebene“ genannt. Unter bestimmten Bedingungen können dort sogar Veränderungen hervorgerufen werden, die vererbt werden. Allerdings werden dabei nicht die Gene selbst, sondern die regulatorischen Mechanismen an die nächste Generation weitergegeben. Beide sind in den Keimzellen vorhanden.

Die soziale Umwelt prägt sich dem Gehirn und der Psyche des Kleinkindes aber nicht nur innerhalb der ersten Lebensjahre über die primäre Bindungserfahrung ein, sondern bereits vor der Geburt. Dies geschieht vor allem über das Gehirn der Mutter, mit dem das Gehirn des ungeborenen Kindes über die Blutbahn verbunden ist. So können Stoffe wie das Stresshormon Cortisol, das im Gehirn der Mutter bei traumatischen Erlebnissen in Massen produziert wird, in das Gehirn des Ungeborenen gelangen. Dort kann das noch sehr unreife Stressverarbeitungssystem geschädigt werden oder es entstehen zumindest Vorbelastungen, die später zu einem erhöhten Risiko von Persönlichkeitsstörungen führen können. Dabei kann es zu einer viel größeren Stressempfindlichkeit etwa in Form von Angststörungen kommen oder im Gegenteil zu einer stark verminderten Stressempfindlichkeit, etwa in Form einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, je nachdem wie stark die Einwirkung war und wie früh sie stattfand.

Frühe Bindungserfahrungen und Epigenetik formen die Persönlichkeit

Wir sehen also, dass das Gehirn des Menschen und damit seine Persönlichkeit auf mindestens drei Weisen von der engeren oder weiteren Umwelt gestaltet und geprägt werden. Die Gene im engeren Sinne spielen hierbei eine nur allgemeine Rolle: Sie legen fest, dass wir im biologischen Sinne Menschen sind und dass wir hinsichtlich unserer kognitiven, emotionalen und sozialen Merkmale von der Gesellschaft geprägt werden können. Wie sich im Einzelnen die Persönlichkeit entwickelt, hängt dann von den epigenetischen Vorgängen vor der Geburt, den frühen Bindungserfahrungen und den späteren sozialen Erfahrungen ab, wobei den ersteren beiden Einflussfaktoren eine besondere, wenngleich nicht unumstößliche Wirkung zukommt.

Diese Kenntnis lässt uns besser die eingangs geschilderten „Rätsel“ der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen verstehen. Denn die genannten Einflüsse können sich gegenseitig sowohl positiv wie negativ verstärken oder abschwächen. Vieles, was nach einer Herkunft aus einer „normalen“ Familie aussieht, kann psychische Traumatisierungen einschließen – von vorgeburtlichen negativen Einflüssen ganz abgesehen. Umgekehrt kann eine zeitlich begrenzte positive Bindungserfahrung mit Großeltern, Tanten und Betreuerinnen in der Krippe oder im Kindergarten negative Erfahrungen in der Herkunftsfamilie in minder schweren Fällen teilweise wettmachen.

Das Fazit lautet daher: Die Gene sind nicht das Schicksal, die Umwelt kann vieles, aber nicht alles wettmachen. Es ist das komplizierte Wechselspiel zwischen beiden, das während der Hirnentwicklung abläuft; es findet seinen Ausdruck in der individuellen und sozialen Persönlichkeitsentwicklung. Wir haben nicht zwei Naturen, eine (neuro-)biologische und eine soziale, sondern unsere soziale Natur erwächst aus der biologischen. Wir sind von Natur aus gesellschaftliche Wesen, und unser Gehirn spielt dabei die entscheidende Rolle.

Ein wichtiger Teil dieser Sozialisierung betrifft die Fähigkeit, unsere unmittelbaren Impulse zu zügeln, die möglichen Konsequenzen unseres Handeln zu überdenken und Alternativen abzuwägen. Dies verleiht uns Handlungsfreiheit. Frei ist nur der überlegte Wille, schreibt Jürgen Habermas. Und er hat damit recht. Allerdings erlangen wir eine solche Freiheit nicht durch einen Willensruck, sondern nur dann, wenn unser Gehirn in einer bestimmten positiven Weise von seiner jeweiligen Umwelt beeinflusst wird. Wir müssen also die Chance haben, uns zur Freiheit entwickeln zu können.

Der Autor hat zusammen mit seiner Mitarbeiterin an der Universität Bremen, Nicole Strüber, hierzu das Buch „Wie das Gehirn die Seele macht“ veröffentlicht (Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2014, 425 Seiten, 22,95 Euro).

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