Was Zähne erzählen : Homo sapiens ging zuerst nach China

Von Afrika in die Welt: Unsere Vorfahren lebten bereits vor mindestens 80000 Jahren im heutigen Südchina. Europa besiedelten sie erst viel später.

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Zahn der Zeit. Aus diesen Fossilien schließen die Forscher, dass Homo sapiens bereits vor 80 000 Jahren China erreicht hatte.
Zahn der Zeit. Aus diesen Fossilien schließen die Forscher, dass Homo sapiens bereits vor 80 000 Jahren China erreicht hatte.Foto: Nature/S. Xing and X-J. Wu

Der moderne Mensch, Homo sapiens, hat es vor Jahrzehntausenden wesentlich weiter gebracht als gedacht. Von Afrika aus machte er sich auf den Weg zu anderen Kontinenten. Europa erreichte er, nach allem, was bisher bekannt ist, vor rund 45 000 Jahren. Wann unsere Vorfahren ostwärts wanderten, ist unter Fachleuten umstritten. Manche glauben, dass das zu einer ähnlichen Zeit geschah, andere meinen, dass der Exodus wesentlich früher begann. Für beide Hypothesen fehlte es jedoch an Belegen. Bislang.

Im Fachmagazin „Nature“ berichten Forscher um Wu Liu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften von 47 Zähnen, die sie in einer Höhle in der Region Daoxian (Südchina) gefunden haben und eindeutig Homo sapiens zuordnen. Mindestens 80 000 Jahre sollen sie dort gelegen haben, möglicherweise sind es sogar 120 000 Jahre, berichtet das Team. Damit liefern die Wissenschaftler ein starkes Argument für das Szenario einer frühen Besiedlung Ostasiens. Sie erfolgte demnach 30 000 bis 70 000 Jahre bevor Homo sapiens sich in Europa niederließ, wo er sich nicht allein mit kalten Wintern, sondern anfangs auch noch mit den Neandertalern herumärgern musste.

Die Zähne waren meist gut erhalten

Die Funde von Daoxian sind nicht die einzigen, anhand derer Paläoanthropologen versuchen, die Besiedlung Asiens zu rekonstruieren. Gerade in Südchina gebe es zahlreiche Karsthöhlen, die viele Fossilien enthalten, schreibt Robin Dennell von der Universität Exeter in einem begleitenden Kommentar, der ebenfalls in „Nature“ veröffentlicht ist. Oftmals sei es jedoch schwierig, die Funde zu interpretieren. So seien einige von Bauern zutage gefördert worden, die nach Dünger gesucht hatten – damit war es nicht mehr möglich, Knochen und Zähne einer bestimmten Schicht zuzuordnen. In anderen Fällen waren Zähne schlicht zu stark angegriffen, um solide Aussagen zu treffen. Und häufig ist es nicht möglich, das Alter der Funde sinnvoll einzugrenzen.

Dieses Mal hatten die Forscher Glück. Die Zähne, die sie aus den gelbbraunen Tonschichten der Fuyan-Höhle bargen, waren gut erhalten – wenn man von leichten Auflösungen an den Wurzeln und teilweise von Nagetieren angeknabberten Exemplaren absieht. Wu Liu und Kollegen haben Größe und Gestalt eingehend analysiert und mit anderen Zahnfunden verglichen. Die prähistorischen Beißer sind demnach etwas kleiner und schmaler als ähnlich alte Funde aus dem späten Pleistozän, die in Afrika und Asien geborgen wurden. Vielmehr ähneln sie den Zähnen von Homo sapiens in Europa sowie heute lebenden Menschen.

Homo sapiens folgte offenbar dem angenehmen Klima

Nach Ansicht der Forscher ist zweifelsfrei geklärt, dass es sich um Reste des modernen Menschen handelt. Darüber hinaus fanden sie Fossilien von 38 Tierarten, darunter fünf ausgestorbenen Säugetieren, etwa einem Vorgänger des Großen Panda (Ailuropoda baconi). Anhand von Tropfsteinen datierten die Wissenschaftler das Alter der Fundschicht auf mindestens 80 000 Jahre. Die bislang ältesten sicheren Belege für eine Besiedlung Ostasiens durch den modernen Menschen erreichen gerade 50 000 Jahre.

Dass es Homo sapiens doch etwas früher in die Gegend trieb, ist nicht völlig überraschend, meint der Exeter-Forscher Robin Dennell. Die Spezies kam aus dem subtropischen Raum, es sei logisch, dass sie eher nach Osten ging, wo es klimatisch angenehmer war, als nach Norden. Aus seiner Sicht ist eine wichtige Frage aber noch immer unbeantwortet: Hängt die Wanderung über tausende Kilometer mit den geistigen Fähigkeiten des Homo sapiens zusammen, haben sie ihn dabei unterstützt, den Exodus gar angestoßen? Oder handelt es sich lediglich um eine Ausbreitung des Lebensraums, wie er überall in der Biologie zu beobachten ist? Archäologische Hinweise wie zum Beispiel Werkzeuge oder Symbole, die etwas über die Intelligenz der Bewohner aussagen, wurden in der Fuyan-Höhle bisher nicht gefunden.

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