Weg von G8 : Abitur ohne Turbo

Vom achtjährigen Gymnasium fühlen sich viele Schüler überfordert. Einige Bundesländer wollen jetzt teilweise wieder eine längere Schulzeit anbieten. In Baden-Württemberg etwa gibt es einige Gymnasien, bei denen es neun Jahre bis zum Abitur dauert.

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Lange lernen. Die Hälfte der Deutschen will das neunjährige Gymnasium zurück.
Lange lernen. Die Hälfte der Deutschen will das neunjährige Gymnasium zurück.Foto: picture alliance / dpa

Wenn die Schülerzahl einer Schule ausreichend groß sei, spreche nichts dagegen, unter einem Dach zwei Geschwindigkeiten zum Abitur anzubieten: acht Jahre oder – wie früher – neun Jahre. Das sagte kurz vor den Sommerferien Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Nun hoffen die hessischen Eltern, dass sich in der hessischen Schulpolitik etwas tun könnte. Denn seit der Einführung von G 8, dem „Turbo-Abitur“ nach achtjähriger Gymnasialzeit, ist ihr Unmut groß: Ihre Kinder seien völlig überlastet, klagen sie überall.

Am späten Nachmittag kämen die Schüler nach Hause, bis in die späten Abendstunden müssten sie für die Schule büffeln, die Stofffülle sei kaum zu bewältigen. Für Sport oder Musikschule sei keine Zeit, Freizeitaktivitäten müssten gestrichen werden. Diese Klagen sind auch in anderen Bundesländern zu hören. „Sogar das Wochenende fällt der Schule zum Opfer“, sagt Martina Müller vom Schulelternbeirat des Martin-Schleyer-Gymnasiums in Lauda-Königshofen (Baden-Württemberg). Sie hat zwei Kinder in der Mittelstufe. Dass die oft mehr als vierzig Stunden pro Woche arbeiten müssen, findet sie unverantwortlich. Doch in Lauda-Königshofen ist bald Schluss mit diesem Stress. Das Martin-Schleyer-Gymnasium ist eine von 22 ausgewählten Schulen, die ab Herbst wieder G 9 – also das Abitur nach neun Jahren – anbieten dürfen.

Mit diesem Modellversuch zieht die Landesregierung in Baden-Württemberg die Konsequenzen aus den Erfahrungen mit G 8. Die Eltern können zwischen zwei Geschwindigkeiten wählen. Während die ersten beiden Jahre gemeinsam laufen sollen, werden die Schüler ab der siebten Klasse dann in G-8- und G-9-Züge aufgeteilt. Der Schulversuch „Zwei Geschwindigkeiten zum Abitur am allgemeinbildenden Gymnasium“, so heißt es in einem Brief an die Schulleitungen, sei aber keine Rückkehr zum früheren Abitur, sondern eine „Weiterentwicklung des Gymnasiums“. Es werde ein Angebot geschaffen, dass „auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse und Lernvoraussetzungen unserer Gymnasiasten ausgerichtet“ sei.

G 8 scheint bundesweit zu bröckeln: In Schleswig-Holstein haben sich SPD, Grüne und SSW jetzt darauf verständigt, dass die Gymnasien ein achtjähriges Abitur anbieten werden und die Gemeinschaftsschulen ein neunjähriges Abitur. Hier sind bereits zahlreiche Schulen zum G-9-Modell zurückgekehrt. Aber auch in Berlin und Bayern kommt es immer wieder zu Diskussionen über die verkürzte Gymnasialzeit.

Ob ein Wahlrecht für die Eltern, wie es Baden-Württemberg jetzt testet, sinnvoll ist, ist allerdings umstritten. Der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders plädiert dafür, bei der einheitlichen Bildungszeitverkürzung zu bleiben. Dringend nötig sei aber eine Entlastung der Schüler: „Es reicht nicht, die Lehrpläne nur zu entschlacken, sie müssen auch besser aufeinander abgestimmt werden.“

Die Mehrheit der Bundesbürger will davon nichts mehr wissen: 53 Prozent wünschen sich das alte Abitur nach 13 Schuljahren zurück, ergab eine Emnid-Umfrage im Juli. Nur 41 Prozent befürworteten das aktuelle G-8-System. In den westdeutschen Bundesländern wollten nur 33 Prozent bei G 8 bleiben. Eltern in Baden-Württemberg haben sich mit ihrer großen Mehrheit für G 9 entschieden. Am Martin-Schleyer-Gymnasium in Lauda-Königshofen ist – mangels Interesse – ein G-8-Jahrgang nicht einmal zustande gekommen.

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