Welt ohne Mitgefühl : Psychopathen vor dem Richter

Was bedeutet ein psychiatrisches Gutachten vor Gericht? US-amerikanische Forscher haben Richter befragt, ob biologische Erklärungen ihre Urteilsfindung beeinflussen.

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Perfekt angepasste Raubtiere. Psychopathen, hier Anthony Hopkins als Hannibal Lecter im Film „Der Rote Drache“, wirken mitunter sehr charmant. Sie können ihr Gegenüber ohne jeden Skrupel manipulieren.
Perfekt angepasste Raubtiere. Psychopathen, hier Anthony Hopkins als Hannibal Lecter im Film „Der Rote Drache“, wirken mitunter...Foto: picture-alliance / dpa

Mit einer halbautomatischen Waffe in der Hand stürmt der 24-jährige Jonathan Donahue in einen Burger King und verlangt Geld. Als der Imbissmanager zögert, lässt Donahue ihn niederknien. Immer wieder schlägt er mit der Waffe auf den Kopf seines Opfers ein. Der Imbissmanager fällt für 20 Tage ins Koma, sein Gehirn ist dauerhaft geschädigt. Donahue wird festgenommen.

Ein Gutachter stellt noch vor der Gerichtsverhandlung fest, dass Donahue ein Psychopath sei. Hilft ihm das? Der Fall ist Fiktion, beruht aber auf einer wahren Begebenheit. In einer anonymen Befragung wollte ein Forscherteam der Universität von Utah von 181 Richtern aus 19 amerikanischen Bundesstaaten wissen, ob sie sich von so einer Diagnose und biologischen Erklärungen des Persönlichkeitsmusters beeindrucken lassen und wie sich das auf ihre Urteilsfindung auswirkt.

Wie das Team um James Tabery im Fachmagazin „Science“ berichtet, ist die Schublade „Psychopath“ für einen Angeklagten keinesfalls strafmildernd. Verurteilten die Richter ähnliche Verbrecher sonst zu neun bis zehn Jahren Gefängnis, lag hier der durchschnittliche Urteilsspruch bei fast 14 Jahren. Die Zeit hinter Gittern verringerte sich auf etwa 13 Jahre, wenn ein Gutachter den Richtern zusätzlich die biologischen Grundlagen der Psychopathie erklärte.

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Vor Gericht zeigt der 24-jährige mutmaßliche Todesschütze James Holmes kaum eine Regung.Weitere Bilder anzeigen
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25.07.2012 13:24Vor Gericht zeigt der 24-jährige mutmaßliche Todesschütze James Holmes kaum eine Regung.

Das Bild, das sich die Öffentlichkeit anhand von Hollywoodfiguren wie Hannibal Lecter von Psychopathen macht, ist bestenfalls unvollständig. Sie sind nicht verrückt. „Ihr Verstand ist völlig in Ordnung“, sagt Robert Hare, Kriminalpsychologe an der Universität von British Columbia in Vancouver und Pionier der Erforschung dieses Persönlichkeitsmusters. Psychopathen sind mitunter sehr intelligent, sie wissen, was richtig und was falsch ist. Sie können sich rein rational in ihr Gegenüber hineinversetzen und dessen Perspektive übernehmen. Was ihnen fehlt, ist Empathie. Weil sie Gefühle wie Liebe oder Angst nicht kennen, können sie weder Mitgefühl noch Schuldbewusstsein oder Reue empfinden, erklärt Hare. Sie wirken zunächst charmant, sind aber tatsächlich seltsam kalt. Für Robert Hare sind sie „perfekt angepasste Raubtiere“. Sie sind Meister darin, die Schwächen ihrer Mitmenschen zu finden und nutzen sie skrupellos für ihre Zwecke aus. „Aus der Sicht eines Psychopathen sind wir es, die eine Fehlfunktion haben“, sagt Hare. „Emotionen machen angreifbar.“

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