Flüchtlinge in Schulturnhallen : "Dann bleibt mein Kind zu Hause"

In Reinickendorf ziehen Flüchtlinge in die Turnhalle auf dem Hof einer Grundschule. Eltern protestieren, weil sie um die Sicherheit ihrer Kinder fürchten.

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Notlösung. In etwa fünf Prozent der Berliner Turnhallen leben Flüchtlinge.
Notlösung. In etwa fünf Prozent der Berliner Turnhallen leben Flüchtlinge.Foto: picture alliance / dpa

Eigentlich hätte genau das nicht passieren sollen: dass Flüchtlinge in eine Turnhalle ziehen, die direkt auf dem Gelände einer Grundschule liegt. Ein Ausschlusskriterium sei das, weil keine wirksame Trennung der Bereiche möglich sei, heißt es in einem Schreiben von Bildungsstaatssekretär Mark Rackles an die Schulen. Und darauf haben sich alle zuständigen Senatsverwaltungen geeinigt.

Und trotzdem ist genau das jetzt an der Reinickendorfer Mark-Twain-Schule passiert. Am vergangenen Donnerstag wurde die Sporthalle an der Auguste-Viktoria-Allee vom Lageso beschlagnahmt, erzählt Schulleiterin Verena Thamm. Und schon am Wochenende zogen Flüchtlinge ein. Aber es waren nicht Familien, wie es der Schule zugesagt worden war und wie es den Eltern auf einer Informationsveranstaltung erklärt worden war, sondern ausschließlich Männer, rund 200 Personen.

Die Eltern an der Mark-Twain-Schule reagieren, milde ausgedrückt, ungehalten. Sie haben Angst um ihre Kinder. „Ich habe meinen Sohn heute zu Hause gelassen und werde ihn erstmal nicht mehr in die Schule schicken“, sagt ein Vater, der anonym bleiben möchte. „Die Sicherheit ist doch überhaupt nicht gewährleistet.“ Die Mutter eines Erstklässlers, die ihren Namen ebenfalls nicht nennen möchte, hat ähnliche Bedenken: „Wir sind sehr in Sorge. Sonst wurde immer darauf geachtet, dass keine schulfremden Personen aufs Gelände dürfen. Selbst wir Eltern müssen normalerweise draußen warten, wenn wir die Kinder abholen.“

Zaun mit Sichtschutzplanen aufgestellt

Inzwischen wurde ein Bauzaun aufgestellt, der die Turnhalle vom Schulhof abtrennt. An die Gitter werden Sichtschutzplanen angebracht. Bisher hielten sich offenbar auch keine Männer auf dem Schulhof auf. Für Montagabend war ein Informationsabend für die Eltern geplant.

Bildungsstaatssekretär Mark Rackles sieht die Verantwortung für die Situation beim Bezirksamt Reinickendorf: „Die Situation wäre nach meiner Einschätzung in Gänze vermeidbar, wenn der Bezirk aus seiner Verweigerungshaltung heraustreten und an der Erschließung geeigneter Liegenschaften jenseits von Sporthallen aktiv mitarbeiten würde.“ Dazu sagt Stadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU), dass es keine geeigneten Flächen oder Gebäude mehr im Bezirk gebe.

Bei der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales heißt es, die Notunterkunft soll bis Mai 2016 bestehen bleiben. „Wir werden uns weiterhin umstellen müssen, und es werden weiterhin Hallen benötigt“, sagte ein Sprecher.

Gegen die Beschlagnahmung von Sporthallen hatten bereits am Freitag Reinickendorfer Eltern demonstriert und eine Online-Petition gestartet.

Auch in Spandau protestieren Eltern online

Auch in Spandau machen die Eltern mobil gegen die Beschlagnahme weiterer Sporthallen. Rund 900 Unterstützer hatte am Montagmittag bereits eine auf den Portal www.openpetition.de gestartete Online-Petition des Bezirkselternausschusses unter dem Titel „Keine Beschlagnahme von Turnhallen in Spandau“. Wie berichtet hatten Senatsvertreter in der vergangenen Woche in Spandau die Turnhallen der Mary-Poppins-, der Bertolt-Brecht- und der Heinrich-Böll-Schule, die Bruno-Gehrke- Halle und die Sporthalle am Falkensee Damm besichtigt. In allen Fällen führte der Bezirk gewichtige Argumente gegen eine Beschlagnahme an. Staatssekretär Dieter Glietsch hatte Bürgermeister Helmut Kleebank daraufhin mitgeteilt, dass eine Inanspruchnahme derzeit noch nicht notwendig sei, zugleich aber bemängelt, dass der Bezirk keine Alternativen benannt habe.

In der Petition heißt es, dass Spandau genug andere Reserven an Plätzen für Flüchtlinge habe. Wie sehr im Bezirk eine Willkommenskultur gelebt und praktiziert werde, zeigten die ehrenamtliche Arbeit in den Quartieren und die bereits mehr als 50 Willkommensklassen an den Schulen. „Wir fordern das Lageso auf, bevor sie an die Beschlagnahmung der Turnhallen gehen, erst die vom Bezirk angegebenen alternativen Möglichkeiten zu nutzen.“

In Kladow haben Lehrer und Eltern der Mary-Poppins-Grundschule und der benachbarten Hans-Carossa-Oberschule ein Argumentpapier gegen eine Beschlagnahme der Schulsporthalle erstellt. Nach den Weihnachtsferien soll es ein Treffen aller Hallennutzer geben, zu denen auch die Sportfreunde Kladow gehören, die hier unter anderem Integrationskurse anbieten.

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