Jüdisches Forum zum Fall in Friedenau : Antisemitismus ist "wieder hoffähig"

In Friedenau wurde ein jüdischer Schüler antisemitisch beleidigt und attackiert. Es war kein Einzelfall – weder an Berliner Schulen noch im Kiez.

Der Künstler Günther Schaefer restaurierte 2015 an der East Side Gallery in Berlin sein Werk "Vaterland". Das Bild war mit antisemitischen Parolen beschmiert worden.
Der Künstler Günther Schaefer restaurierte 2015 an der East Side Gallery in Berlin sein Werk "Vaterland". Das Bild war mit...Foto: Thalia Engel/dpa

„Natürlich haben wir von dem Vorfall gehört und uns sofort mit der Schule in Verbindung gesetzt“, sagt Levi Salomon, der Sprecher und Koordinator des Vereins Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA): „Leider ist das kein Einzelfall, wir hören immer wieder von solchen Angriffen.“

Der Tagesspiegel hatte am Sonnabend berichtet, dass ein 14-jähriger jüdischer Junge die Friedenauer Gemeinschaftsschule verlassen hat, nachdem er von Mitschülern antisemitisch beleidigt und kürzlich auch körperlich attackiert wurde. Der Schulleiter hatte die Vorfälle bestätigt – auch, dass die tatverdächtigen Schüler aus türkischen beziehungsweise arabischen Familien stammen.

Seine Darstellung, wonach sich die Schulleitung von Anfang an um eine Lösung des Konflikts bemüht habe, wiesen die Eltern des 14-Jährigen, die sich inzwischen in der Redaktion des Tagesspiegels meldeten, allerdings zurück. „Das absolute Gegenteil ist der Fall“, sagte der Vater: „Die Schulleitung hat überhaupt nicht reagiert. Wir haben ja nicht einmal einen Termin für ein Gespräch bekommen, obwohl das Mobbing sofort los- ging, als unser Sohn Anfang Dezember vergangenen Jahres in die Schule kam.“

Eltern machen der Schule Vorwürfe

Damals soll ein Mitschüler gesagt haben, er könne nicht mit dem 14-Jährigen befreundet sein, weil „Juden alle Mörder sind“. Obwohl die antisemitischen Beleidigungen nicht aufhörten, habe der Schulleiter die Auseinandersetzung mit den Verursachern auf die lange Bank geschoben, erzählen die Eltern. Sie hätten zudem bemerkt, dass in der Schule auch andere rassistische oder homophobe Beleidigungen an der Tagesordnung seien. „Die haben da ein echtes Problem“, sagt der Vater: „Aber geklärt wurde nichts. Selbst die Lehrerinnen haben sich darüber gewundert. Und die Anzeige durch den Schulleiter nach dem tätlichen Übergriff auf unseren Sohn vor etwa drei Wochen erfolgte auch erst, nachdem wir Druck gemacht hatten.“

Levi Salomon kann zwar zum konkreten Fall nichts sagen, berichtet aber von ähnlichen Erfahrungen jüdischer Familien. Denn auch wenn sie nicht täglich gemeldet würden, so gebe es doch oft antisemitische Beleidigungen. „Solange es nicht strafrechtlich relevant ist, wird das ohnehin nicht registriert“, sagt er: „Viele Betroffene scheuen sich, die Vorfälle an die große Glocke zu hängen. Wir bieten Beratung an und wissen deshalb, dass der Antisemitismus in Berlin nicht geringer geworden ist – im Gegenteil: er ist wieder hoffähig, die Hemmungen sind gefallen.“

Levi Salomon führt das vor allem auf das Erstarken von rechts- und linksextremistischen Ideologien zurück sowie auf die Tatsache, „dass der politische Islam in Deutschland Fuß gefasst hat“. Deshalb habe das JFDA im Jahr 2015 ein Projekt entwickelt, um Vorurteile und antisemitische Ressentiments abzubauen.

Es werde vom Bundesfamilienministerium und vom Land unterstützt und wurde allein im vergangenen Jahr an zehn Berliner Schulen von einem jüdisch-muslimisch-christlichen Team durchgeführt. „Das mache ich gemeinsam mit dem Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, Ilker Dyan, und dem evangelische Pfarrer Peter-M. Utasch“, sagt Levi Salomon: „Wichtig ist, dass die Schüler nicht nur über Vorurteile, Gemeinsamkeiten und Unterschiede reden, sondern sich auch künstlerisch mit der Thematik auseinandersetzen. So gestalten sie oft kreative Plakate, die dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“

Rabbiner zusammengeschlagen

Eine solche Lernwerkstatt könnte sich Levi Salomon gut für die Friedenauer Gemeinschaftsschule vorstellen – auch, weil es in Friedenau, das früher als gutbürgerlicher Kiez galt, immer wieder zu antisemitischen Vorfällen komme. So würden die sogenannten Stolpersteine, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet oder vertrieben wurden, immer wieder von Rechtsradikalen beschmiert und beschädigt.

Am S-Bahnhof Friedenau wurde der Rabbiner Daniel Alter am 28. August 2012 auf offener Straße zusammengeschlagen: Vier mutmaßlich arabischstämmige Jugendliche hatten ihn im Beisein seiner siebenjährigen Tochter gefragt, ob er Jude sei. Als er dies bejahte, prügelten die Jugendlichen brutal auf ihn ein, brachen ihm das Jochbein und bedrohten sogar seine kleine Tochter. Der Überfall rief bundesweit und international Empörung hervor. Er geschah ganz in der Nähe der Friedenauer Gemeinschaftsschule.

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